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Moskau: Faszination Krieg: In Russland spielen militärhistorische Klubs Schlachten nach

Moskau : Faszination Krieg: In Russland spielen militärhistorische Klubs Schlachten nach

Es ist ein heiterer Herbstnachmittag in Borodino, hundert Kilometer westlich von Moskau. Die Sonne scheint friedlich über dem freien Feld, Vögel zwitschern, die Blätter rauschen leise im Wind.

Plötzlich zerstört ein lauter Knall die Idylle. Von Westen her taucht ein zweimotoriges Flugzeug auf. Weitere Explosionen ertönen, Verwundete schreien. Panzer und Soldaten in Wehrmachtsuniformen rücken vor. Nun wird auch von Osten her geschossen, Rotarmisten leisten erbitterten Widerstand. Es entbrennt eine wilde Schlacht ? über 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Der Name Borodino ist aus der Zeit der napoleonischen Kriege geläufig, aber auch im Zweiten Weltkrieg gab es hier heftige Gefechte. Alljährlich versuchen militärhistorische Klubs in Russland eine „Rekonstruktion” dieser Schlacht. So detailgetreu wie möglich wird eine Episode der Kämpfe nachgestellt. Laut Szenario gelingt es den Deutschen, zunächst die erste Verteidigungslinie der Roten Armee zu nehmen. Auch die zweite Linie fällt, erst an der dritten Verteidigungslinie können die Sowjets die Wehrmacht aufhalten und einen Gegenangriff starten.

„So ist das Gefecht auch in Wirklichkeit verlaufen, obwohl am Ende die Deutschen die Schlacht gewonnen haben”, erklärt Michail Michin. Michin ist Fotograf und beschäftigt sich seit langem mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Dabei stieß er schließlich auch auf die militärhistorischen Vereine. Von denen gibt es in Russland etwa 100. Einige haben nur fünf bis zehn, andere Tausende Mitglieder.

Jeder dieser Vereine beschäftigt sich mit der Geschichte eines bestimmten Verbandes der Roten Armee. Doch für die Nachstellung der Kämpfe braucht man einen Gegner. „Also bildete sich eine Gruppe Enthusiasten, die Literatur und Fotografien sammelten, Materialien suchten, um aus Tüchern und Leder Wehrmachtsuniformen herzustellen”, schildert der russische Klub des „22. Infanterieregiments” der Wehrmacht seine Entstehung. Inzwischen gibt es in Russland eine ganze Reihe von Wehrmachtsklubs.

Die Klubs legen allerdings Wert darauf, dass sie keinerlei politische Agitation betreiben. Es geht ihnen vielmehr darum, zu verstehen, wie die Soldaten damals gelebt haben, wie ihr Alltag an der Front aussah, mit welchem Grauen sie konfrontiert wurden. Er sei einmal als Fotograf auf dem Schlachtfeld herumgelaufen, als ein Sprengsatz unerwartet dicht neben ihm explodierte, berichtet Michin. „Ich habe mir wirklich in die Hosen gemacht, obwohl das sicher nur ein Bruchteil der Angst ist, die ein Landser damals erlebt haben muss”, sagt er.

Rund ein Dutzend Schlachten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs werden nachgespielt, unter anderem in Borodino, vor Wolgograd (dem früheren Stalingrad), in den Gebieten Rostow und Kaliningrad (Königsberg) oder am Peipus-See in der Nähe von St. Petersburg. Es gibt natürlich auch Schlachtennachstellungen aus anderen Epochen, doch keine stößt in Russland auf ein solches Echo wie der Zweite Weltkrieg.

„Das liegt daran, dass der Zweite Weltkrieg wie kein zweites Ereignis in der jüngeren Vergangenheit die Nation zusammengeschweißt hat”, erklärt Michin die steigende Popularität der militärhistorischen Klubs. Er selbst sei beim ersten Anblick „deutscher” Soldaten auf einer russischen Landstraße regelrecht erstarrt, bekennt er. Doch nun wird er wohl selber einer. Nach anfänglichem Zögern hat er sich entschlossen, einem Klub beizutreten. Es soll das 1. Pionierbataillon der Wehrmacht sein.