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Aachen: Extrembergsteiger Reinhold Messner: „Die Wildnis gibt es nicht mehr“

Aachen : Extrembergsteiger Reinhold Messner: „Die Wildnis gibt es nicht mehr“

„m4“: Ein schlichter Titel für ein spektakuläres Buch. m4 steht für „Mountains — Die vierte Dimension.“ Mit modernster Computertechnik haben Experten am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) aus Satellitendaten faszinierende Bilder von 13 Bergen dieser Erde erschaffen.

Der Extrembergsteiger und Autor Reinhold Messner steuerte Geschichte und Geschichten der Gipfel bei und hat daraus einen Vortrag gemacht, mit dem er am 14. März auch in Aachen gastiert. Im Gespräch erzählt der 73-Jährige, wie die Bilder seinen Blick verändert haben, wieso das Abenteuer auszusterben droht — und warum er im kommenden Jahr noch einmal zum Mount Everest zurückkehren will. Wir erreichen Messner in Bozen. Das Interview führte Georg Müller-Sieczkarek.

Buch m4, Reinhold Messner et al.

Herr Messner, was zeigen uns diese Bilder, das wir bislang nicht wussten oder sahen?

Messner: Wir können Berge zum ersten Mal dreidimensional sehen und zeigen. Das ist großartig, aber es ist nur eine Erzählhilfe: Ich nehme bei meinem Vortrag alles, was an diesen Bergen und mit den Menschen dort passiert ist, und bringe es zusammen mit den Bildern in die Köpfe der Menschen. Ängste, Zweifel, Hochgefühle — alles, was uns in den Bergen widerfährt, bildet so die vierte Dimension, die ich meine.

Haben diese virtuellen Aufnahmen auch Ihre persönliche Perspektive verändert?

Messner: Ja, ich kannte zum Beispiel den Mount Everest von Norden, bin monatelang dort gewesen, kannte ihn von Süden, aber die Gesamtsicht hat mir immer gefehlt. Ich habe nun aus diesen Aufnahmen eine bislang unbestiegene Route herausgelesen, die ich vielleicht im nächsten Jahr umsetzen werde.

Reinhold Messner kehrt noch einmal an den Everest zurück?

Messner: Ich möchte eine Expedition organisieren, bleibe aber in einer Höhe, in der ich als älterer Herr noch sicher unterwegs sein kann. Über 6300 Meter wird es nicht mehr hinausgehen für mich.

Die österreichische Spitzenbergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner hat die Satellitenbilder der DLR vor ihrem Gipfelerfolg am K2 im Jahr 2011 eingehend studiert. Dabei gehört doch gerade das Ungewisse, Unberechenbare dazu.

Messner: Ich teile den Einwand. Es kommt ja auf die Erfahrungen an, die wir beim Bergsteigen machen. Aber jeder Mensch, auch der Bergsteiger, nutzt nun einmal die Technologie seiner Zeit. Ich hatte das Glück, meine Unternehmungen zu einer Zeit zu machen, als es vieles einfach noch gar nicht gab. Gerlinde Kaltenbrunner hat den Gipfel des K2 über eine Route erreicht, die von Japanern 1982 erstmals bestiegen worden ist. Die konnten noch ganz andere Erfahrungen machen als die Alpinisten heute, die in eine weithin bekannte Welt aufbrechen.

Geht uns so ein Stück Wildnis verloren?

Messner: Ich hatte das Glück, die Berge zu einer Zeit zu erleben, als sie noch relativ wild waren. Wenn man heute per GPS jeden Punkt auf der Erde bestimmen oder vom Gipfel des Mount Everest aus nach Hause telefonieren kann, gibt es die Wildnis strenggenommen nicht mehr. Heute gibt es sogar eine Schneepistenroute zum Südpol! Das war für Arved Fuchs und mich undenkbar, als wir 1989 zu Fuß die Antarktis durchquert haben. Aber seitdem sind halt 30 Jahre vergangen, und schon ist sie da.

Der Schriftsteller Christoph Ransmayr („Die Schrecken des Eises und der Finsternis“) nennt Berge „Zeittafeln, sie zeigen uns eine andere Dimension“. Ein treffendes Bild?

Messner: Genau. Die Geschichte der Menschen in den Gebirgen reicht vielleicht 10 000 Jahre zurück, die Erdgeschichte jedoch viele hundert Millionen Jahre. Da findet man plötzlich eine versteinerte Meeresschnecke. Und schon die Menschen früherer Zeit haben sich gefragt: Wie ist das möglich? Heute weiß die Wissenschaft: Der Kailash zum Beispiel, der heiligste Berg der Welt, ist aus Konglomeraten, entstanden, hat seinen Ursprung also im Meer — ebenso wie die Dolomiten, die einst als Korallenriffe gewachsen sind. Dieses Wissen nehmen wir mit, wenn wir in diese Gebirge gehen.

Ein Kapitel des Buches ist dem Kailash in Tibet gewidmet. Sie hätten Mitte der 80er Jahre die Erstbesteigung machen können und haben verzichtet. Haben Sie das je bedauert?

Messner: Ich hatte eine Option, den Berg 1986 zu besteigen. Aber bei der Umrundung im Jahr davor habe ich gesehen, welche enorme Bedeutung dieser Berg für die Einheimischen besitzt. Mir wurde rasch klar: Man darf den Mythos nicht mit Haken oder Seilen zerstören. Ich habe es nie bedauert, dort nicht hinaufgestiegen zu sein, ganz im Gegenteil.

Worin liegen heute die Herausforderungen des Bergsteigens? Warum versucht sich zum Beispiel kaum jemand an den schwierigen 5000ern und 6000ern im Himalaya?

Messner: Das ist ein wichtiger Punkt. Ich sage: Weil sie kaum jemand kennt. Das Bergsteigen hat sich inzwischen in viele Bereiche aufgeteilt. Sportklettern etwa ist ja schon olympisch, auf der anderen Seite gibt es den kommerziellen Pistentourismus wie am Mount Everest, dem Fluchtpunkt der Eitelkeiten, wo jedes Jahr für Unsummen fixe Routen vom Basislager bis hinauf zum Gipfel gebaut werden. Das hat mit traditionellem Alpinismus nichts zu tun. Der fand vor 150 Jahren am Matterhorn statt oder vor 50 Jahren eben am Everest. Heute sehen wir die großen Leistungen im Bergsteigen dort, wo es keine Infrastruktur gibt, wo die Menschen ohne Rückendeckung und in Eigenverantwortung unterwegs sind. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Eine kleine Schar von Spitzenalpinisten entwickelt die Sache rasant weiter, da gibt es keinen Zweifel.

Was bedeutet Abenteuer in einer Zeit, wo man außergewöhnliche Erlebnisse als Event im Internet oder im Reisebüro buchen kann?

Messner: Wenn ich etwas für Geld kaufen kann, ist es kein Abenteuer mehr. Das Erlebnis, um das es ja eigentlich geht, wird so von vorneherein unmöglich gemacht. Von Abenteuer spreche ich ohnehin nicht gern. Deswegen habe ich ja vor vielen Jahren den Begriff „Grenzgang“ erfunden. Aber auch dieses Wort muss inzwischen für alles Mögliche herhalten und hat als Sprachbild an Kraft verloren.

Was bedeutet moderner Alpinismus?

Messner: Die meisten Mitglieder der Alpenvereine sind heute Hallenkletterer. Das ist ein großartiger Sport, aber er müsste eigentlich vom Alpinismus getrennt werden. Stattdessen haben die Vereine Hunderte von Kletterhallen mitfinanziert. Warum? Weil sie dort ihren Nachwuchs finden. Und die meisten, die heute in den Alpen unterwegs sind, nutzen Klettersteige mit Stahlseilen, Leitern und Eisenstiften. An den großen Wänden sehen Sie kaum noch jemanden. Beim traditionellen Alpinismus steht das Erleben im Mittelpunkt. Das kann man nicht messen, davon lässt sich nur erzählen, und das ist mühevoll. Auch deswegen lässt das Interesse am klassischen Bergsteigen nach, das ja auch noch mit großen Gefahren verbunden ist.

Also geht es den meisten ums Erleben frei von Risiken?

Messner: Der Mensch ist darauf angelegt, Gefahren zu meiden. Der Alpinismus läuft diesem Instinkt zuwider. Im Grunde spüren wir: Es ist riskant, da irgendwo herumzuklettern. Wir dürfen das nicht. Und wir tun es trotzdem.