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Hamburg: „Erwachsen auf Probe”: Protest gegen Leih-Babys im TV

Hamburg : „Erwachsen auf Probe”: Protest gegen Leih-Babys im TV

Angesichts immer lauter werdender Forderungen nach einer Absetzung der geplanten RTL-Reihe „Erwachsen auf Probe” wächst der Druck auf den Sender.

Am Donnerstag meldeten sich erneut Politiker und Verbände, die gegen eine Ausstrahlung protestierten. Die siebenteilige Reihe (ab 3. Juni im Programm) ist umstritten, weil Babys und Kleinkinder für bis zu vier Tage von der Eltern in die Obhut von Teenagern gegeben werden, die das Elternsein lernen wollen. Der Sender wies die Forderungen nach Absetzung zurück: „Wir werden die Reihe wie geplant ausstrahlen”, sagte eine Sprecherin.

Ob die Kritiker angesichts dieser harten Haltung des Senders ihr Ziel erreichen, scheint fraglich. Die Situation könnte sich jedoch ändern, wenn Werbekunden aufgrund der öffentlichen Diskussion vor einer Platzierung ihrer Produkte im Umfeld der Sendung zurückschrecken und somit auch wirtschaftlichen Druck auf RTL ausüben.

Doch kein Unternehmen habe Vorbehalte gegenüber „Erwachsen auf Probe” geäußert, sagte eine Sprecherin des RTL- Werbezeitenvermarkters IP Deutschland am Donnerstag. „Die Anbuchung ist gut.”

RTL hat mit Kunden-Druck bereits Erfahrungen gesammelt. Als die Öffentlichkeit zum Teil angewidert über das Dschungelcamp „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!” diskutierte, schreckten einige Firmen davor zurück, mitten zwischen Kakerlaken, Käfern und Halbstars wie Daniel Küblböck ihre Werbebotschaften zu vermitteln.

RTL musste das Format dem Geschmack der Kritiker und der Kunden anpassen und rettete das Dschungelcamp durch die Umwandlung zu einer üppiger angelegten Comedyshow.

Sollten im aktuellen Fall jedoch die Gegner und vor allem die finanziellen Zwänge den Kölner Privatsender zum Handeln zwingen, bleibt möglicherweise keine andere Wahl, als das Format vor Beginn der Ausstrahlung kurzfristig aus dem Programm zu nehmen.

Denn eine Feinjustierung wie bei der Dschungelshow, die immer live ausgestrahlt wurde, ist nicht mehr möglich: Alle Folgen liegen schon fertig aufgezeichnet vor.

„Wir fordern RTL dringend auf, die Serie nicht auszustrahlen und keine weiteren, die Entwicklung der Kinder gefährdenden, gleich gearteten Sendungen mehr zu produzieren”, erklärte die Kinderkommission des Bundestags am Donnerstag in Berlin.

Der Sender betonte, dass die Eltern jederzeit über ein Kameraüberwachungssystem ihren Nachwuchs beobachten und auch zurücknehmen konnten. Krankenschwestern, Ärzte und Psychologen hätten außerdem bereitgestanden.

Den Kritikern reichen diese Maßnahmen nicht. RTL instrumentalisiere in diesem Sendeformat Kinder in unverantwortlicher Weise, hieß es von der Kinderkommission.

„Die Produzenten dieser Sendung setzen insbesondere kleine Kinder bewusst existenziellen Ängsten aus und nehmen die seelische Gefährdung der Kinder billigend in Kauf. Das Kindeswohl ist selbst durch psychologische Betreuung im Umfeld nicht gesichert.”

„Es ist unbestritten, dass in Deutschland die Zahl der Teenager- Mütter und der Schwangerschaften bei minderjährigen Mädchen kontinuierlich zunimmt und dass viele Jugendliche leider nicht "reif" für eine Familiengründung sind”, sagte RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger zur Kritik.

„Auch wegen dieser großen sozialen Relevanz machen wir das Projekt und sehen es als eine soziale Reifeprüfung für Jugendliche.” Im übrigen habe der Sender alle Folgen der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) vorgelegt. Es habe keine Beanstandung gegeben.

Das Privatfernsehen stand bereits im Fokus der Kritiker, als das Realityfernsehen zu Beginn der neunziger Jahre aus Amerika nach Deutschland schwappte, als die sogenannten „Schmuddel-Talks” Mitte der neunziger Jahre kritisiert wurden und als die kostenpflichtigen Telefon-Gewinnspiele wie bei Neun live die Medienaufsicht auf den Plan riefen.

Die Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten forderte erst im April eine generelle Selbstverpflichtungserklärung der Sender, um ethisch-moralische Regeln bei sogenannten Dokusoaps und auch Castingshows zum Schutz der Menschenwürde einzuhalten. Bei den „Schmuddel-Talks” wirkte die Selbstverpflichtung, bei den Gewinnspielen nicht - da musste eine Satzung her.