1. Panorama

Biloxi: Engel mit Mundschutz: Schwerstarbeit der Freiwilligen am Mississippi

Biloxi : Engel mit Mundschutz: Schwerstarbeit der Freiwilligen am Mississippi

„Sie sind meine Engel”, sagt Gerda Broy mit zitternder Stimme, „ich wüsste nicht, was ich ohne sie machen würde.” Die „Engel” stecken in weißen Arbeitsoveralls, sie tragen Mundschutz, Nasenringe, Gummihandschuhe und supercoole Bandanas.

Sie arbeiten im Akkord, um Gerdas zerstörtes Heim an der Porter Avenue im Küstenstädtchen Biloxi an der Golfküste von Mississippi wieder herzurichten. Hurrikan Katrina hatte das kleine rosa Haus mit den weißen Fensterrahmen und der einladenden Veranda am 29. August 2005 mit turmhohen Flutwellen unter Wasser gesetzt. Wie so viele andere in der Nachbarschaft: 65.000 Häuser an Mississippis Golfküste wurden zerstört, 80.000 zum Teil schwer beschädigt. Manche sind nicht mehr zu retten, aber Gerdas Haus bekommt Erste Hilfe.

Bis zur Dachrinne stand das Wasser, wochenlang. Die Holzkate, die schon den bis dato schlimmsten Hurrikan Camille von 1969 überstanden hatte, steht zwar noch, ist aber total verschimmelt. Die Wände, der Fußboden und alle Verkleidungen sind herausgerissen und liegen aufgetürmt am Straßenrand unter einem Baum. Daneben Kaffeebecher und Wasserdosen. Ein Dutzend junger Arbeiter schuftet seit dem frühen Morgen auf der Baustelle: Sie schleppen Wassereimer herbei, stellen Leitern auf und bereiten alles für die große Wischaktion vor, mit der dem Schimmel zu Leibe gerückt wird.

„Taucht dieses Papierhandtuch in den Eimer mit dem Bleichmittel”, erklärt Allie van Horn ihrer Crew, „wringt es aus, so dass es noch nass ist, aber nicht mehr tropft.” Dumpf kommt Allies Stimme durch den weißen Mundschutz. „Es ist ganz wichtig, dass Ihr nur in eine Richtung wischt, damit Ihr die Schimmelsporen auch rausbekommt und nicht noch tiefer ins Holz reibt.”

Die Jungs und Mädels ziehen die Masken über, krempeln die Ärmel hoch und fangen an, die groben Holzbalken, aus denen Splitter und Nägel ragen, zu schrubben. Jemand hat ein Transistor-Radio mitgebracht: Frank Sinatra schmettert Lieder, und alle singen mit. Auf dem Weg zum Eimer mit dem Schimmelkillermittel „Shockwave” wird getanzt, egal wie altmodisch Frankies Schnulzen den hippen Helfern vorkommen mögen. Gerda schläft noch, nebenan im Wohnwagen, den die Katastrophenschutzbehörde bereitgestellt hat.

„Hands-On” heißt der Trupp, der in Gerdas Haus am Werk ist. Das „Volunteer Network” mit Hauptquartier in Atlanta war eine der ersten Freiwilligen-Organisationen, die nach Hurrikan Katrina im September 2005 in Mississippi einrückten. „Es war Wahnsinn”, erinnert sich „Hands-On” -Direktorin Erika Putinsky. „Du hast nur Verwüstung gesehen, es hat dir den Verstand geraubt. Umgestürzte Bäume und Autos, überall Schlamm, meterhohe Trümmerberge, komplettes Chaos.”

Damals bestand die Arbeit für „Hands-On” vor allem darin, Bäume abzusägen, Schutt beiseite zu räumen, Wasser und Kleidung, Lebensmittel und Decken heranzuschaffen. Inzwischen wird wieder instandgesetzt - physisch und psychisch. „Wir bauen Häuser, und auch Gemeinde-Einrichtungen, Sportplätze, Parks und Kindergärten”, erklärt die zierliche Erika mit dem schwarzen Bubikopf. Sie zeigt auf die Umgebung: „Das meiste hier stammt von uns - den Freiwilligen.”

Hunderttausende Volunteers aus allen 50 US-Bundesstaaten und aus Übersee sind in den 16 Monaten seit Katrina in die Küstenorte Biloxi, Gulfport, Ocean Springs und D´Iberville gekommen. Die meisten bleiben zehn Tage, aber manche leben schon seit Monaten in den Zeltstädten und Behelfsquartieren, andere kommen immer wieder. Es sind keineswegs nur Studenten, Studienabbrecher oder Arbeitslose.

Die älteste Helferin in Biloxi war 98 Jahre alt, kam mit Tochter und Enkeltochter und blieb eine Woche. Eine Gruppe Handwerker aus Massachusetts, alle so um die 60, gibt den Jahresurlaub dran, um an der Golfküste ein Haus zu bauen. „Wir heben den Altersdurchschnitt um rund 20 Jahre an”, grinst einer der rauen Männer mit Stoppelbart und kariertem Holzfällerhemd. Die „Kids” brechen in johlendes Gelächter aus.

Chris de Veer aus Virginia ist 29. Er kam nach einer Weltreise, schob die Uni auf und arbeitet nun schon seit elf Monaten in Biloxi. Er ist jetzt Projekt-Manager, hat eine Volunteer-Visitenkarte und sitzt oft an einem der vielen Computer im „Hands-On” -Büro. „Ich bin hier hängen geblieben”, sagt Chris in fließendem Deutsch, das er im Gymnasium und auf Europareisen gelernt hat.

„Weil es einfach ein irres Gefühl ist, was Gutes zu tun, diesen Zusammenhalt der Gruppe zu spüren und neue Freunde zu finden.” Am Abend stecken die neuen Freunde ihre verbliebenen Energiereserven in Talent-, Musik- und Karaoke-Wettbewerbe. Es herrscht Pfadfinder-Stimmung, vermischt mit einem Touch Grunge und Hippie-Flair.

„Base Camp” heißt das „Hands-On” -Hauptquartier in der großen Halle, die von der Kirche zur Verfügung gestellt wurde. Es duftet nach Kaffee - in der Mitte des grauen, hangarähnlichen Saals sind Aluminiumstühle um Klapptische aus Metall verstreut. Hier werden die Volunteers verköstigt, zu Stoßzeiten mehr als 300. Auf den Balkonen, unter Treppen, hinter Vorhängen und in Zelten hinter der Halle sind die Schlafquartiere.

Es wird eng manchmal, bei nur vier Badezimmer. Aber all das gehört zum Ausnahmezustand. Die Wände zieren bunte Plakate, Unterschriftensammlungen, Erinnerungsfotos und große Tafeln, an denen Projekte und Arbeitseinteilungen für die nächsten Tage angeschrieben sind. Alte Teppichreste sollen helfen, den kalten Betonboden wohnlicher zu machen, durchgesessene Sofas laden zum Hineinlümmeln ein, aber keiner sitzt drin. Alle sind bei der Arbeit.

Im Medizinschrank kramt die 21-jährige Molly Colgan aus New Hampshire nach Schmerztabletten. Sie ist Krankenschwester und kümmert sich um das Wohl der Freiwilligen ebenso wie um die Sturmopfer in Mississippi. „Ich versuch´, die Stimmung im Gleichgewicht zu halten”, lacht die rosige Blonde, „und den Anwohnern hier eine gesündere Lebensweise mit Sport und vernünftiger Ernährung nahe zu bringen. Das ist gar nicht so einfach.” Die Leute haben einfach andere Probleme und oft nicht mal ein Dach über dem Kopf. In Zusammenarbeit mit der Universität von Michigan untersucht Molly die psychischen Folgen von Katrina. 40 Prozent der Bevölkerung zeigen Symptome von posttraumatischem Stress, vor allem Kinder.

Auf die Linderung solcher und anderer Katrina-Folgen ist auch die Psychologie-Professorin Dr. Irene McIntosh in dem fast komplett zerstörten kleinen Ort D´Iberville spezialisiert. „Wir nennen unsere psychologischen Helfer in den Gemeindezentren einfach nur Zuhörer”, erklärt Irene, denn es soll nicht der Eindruck einer „Irrenanstalt” entstehen. „Aber die Zustände unter den Obdachlosen in den Trailerparks sind schlimm”, sagt sie sorgenvoll.

„Drogen und Kriminalität sind an der Tagesordnung. Die Menschen verzweifeln, weil die Versicherungen nicht zahlen und keine Handwerker zu bekommen sind. „Viele sehen einfach keinen Silberstreif am Horizont. Wir sind ihre einzige Hoffnung.” 526 von 4000 zerstörten Häusern hat Irene als Koordinatorin in D´Iberville mit Hilfe von mehr als 5000 Freiwilligen wieder instandgesetzt, aber der Weg ist noch unendlich weit.

Wann immer der beispiellose Einsatz der Volunteers zur Sprache kommt, sind die betroffenen Anwohner an der Küste von Mississippi überwältigt und kämpfen mit den Tränen. Aber der Herkules-Akt der Freiwilligen-Heere ist natürlich nicht gratis, sondern extrem kostspielig. Lebensmittel, Getränke, Strom, Werkzeuge, Material, Sprit und Autos müssen bezahlt werden. Viele Gruppen finanzieren sich allein durch private Spenden oder mit Hilfe von Kirchen und Wohltätigkeitsorganisationen.

Aber „Hands-On” wird von der Regierungs-gestützten Volunteer-Dach-Organisation „Americorps NCCC” in Washington unterstützt. Auch Privat-Unternehmen wie Baumärkte, Einzelhandelsketten, Computerfirmen und Restaurants greifen mit unter die Arme, spenden ihre Produkte oder handfeste Dollars.

„Zuerst müssen wir erschwingliche Wege finden, um so viele Häuser wie möglich wieder aufzubauen”, sagt der pensionierte Brigade-General und Direktor der Heimatschutzbehörde von Gulfport, Joe Spraggins. „Denn so lange wir keine Möglichkeit haben, unsere Anwohner und Angestellten unterzubringen, machen auch die größten Bemühungen, hier Volkswirtschaft und Business wieder anzuschieben, keinen Sinn.”

Damit spielt er auf die gigantischen Casino-Resorts und Appartement- Komplexe an, die an der Golfküste hochgezogen werden. Casino- Unternehmen, Hotels und Baufirmen haben rund 20 Milliarden Dollar in den Wiederaufbau, die Renovierung oder den Neubau riesiger Spieler- Resorts und Condo-Türme investiert und damit die gesamten Ressourcen an Handwerkern und Bauarbeitern an sich gezogen.

Das Hämmern und Schrubben der unbezahlten Freiwilligen an den zerfallenen Häusern der mittellosen Bürger mutet im Schatten dieser Mammutbaustellen ungeheuer hilflos an. „Da gibt es schon manchmal ein bisschen böses Blut”, gesteht „Hands-On” -Direktorin Erika ein. Ihre grünen Augen unter der blauen Baseball-Kappe blicken resigniert. „Der Hausbau für die Obdachlosen geht einfach nicht mit dem gleichen Tempo voran, wie die Konstruktion dieser Casino-Klötze”, seufzt sie. „Aber du kannst nicht am Roulette-Tisch sitzen und so tun, als sei hier nichts passiert.”

Spraggins tritt hinzu. „Mindestens 80 000 Häuser müssen in den nächsten fünf Jahren gebaut werden”, ergänzt er. Nach neuen Bauvorschriften, in höheren Lagen, mit stabileren Fundamenten und nicht zu nah am Wasser. Was bedeutet, dass viele Anwohner ihre Grundstücke aufgeben müssen. Manche können sie gewinnbringend an Unternehmen verkaufen, denn die Immobilien- und Grundstückspreise haben sich seit Katrina mehr als verdreifacht. „Wir versuchen, die Regierung dazu zu bringen, Land zu kaufen und für den Bau von Privathäusern zur Verfügung zu stellen”, sagt er.

Gerda Broy hätte es nicht ohne die Hilfe ihres Sohnes geschafft, das rosa Haus an der Porter Avenue, in dem sie seit 41 Jahren lebt, zu halten. Er hat ihr auch vom Katastrophenschutz den geräumigen Trailer beschafft, in dem sie jetzt mit ihren wenigen geretteten Habseligkeiten wohnt. Die kleine Frau in der Gabardine-Hose und dem blauen Pulli kommt die Rampe des Trailers hinunter, um Guten Morgen zu sagen. Sie spricht Deutsch mit halb schlesischem und halb amerikanischem Akzent, denn sie ist eine geborene Westphal, stammt aus Königsberg und lebt seit 41 Jahren in dem Haus mit der Nummer 282 in der Porter Avenue in Biloxi.

Gerdas beste Freundin Else ist gekommen, um sie mit dem Auto abzuholen. Gerda will nämlich im Bestattungsinstitut Formalitäten für den Fall ihres Todes erledigen. „Damit mein Sohn damit nichts am Hals hat”, sagt sie. „Das ist doch das Mindeste, was ich tun kann.” Sie und Else Goodman sind beide 81, und beide kamen in den 50er Jahren als „Kriegsbräute” mit amerikanischen GIs aus Deutschland in die USA, lernten sich in Biloxi 1969 bei der Einschulung ihrer Söhne zufällig kennen und sind seither unzertrennlich. Seit Katrina erst recht.

„Als die Flut kam, da hat mein Sohn mich angerufen und gesagt, Mutter, Du musst da raus”, erinnert sich Gerda. „Und da hab´ ich nur schnell was geschnappt und bin weg.” Das Wasser stand dann wochenlang im Haus, der Gully auf der Straße war mit Trümmern verstopft und die Haustür vom Wasser zugequollen. Gerda zog zu ihrem Sohn und wagte sich erst Monate später wieder zurück. „Es war ein Desaster - man kam nur mit Gummistiefeln rein.” Sie lacht rau. „Aber auch wenn alles kaputt ist, es ist ja doch die Heimat.”

Wann sie wieder in ihr Haus einziehen kann, steht in den Sternen. Nach der Schimmelbeseitigung wird gestrichen, dann müssen die Wände verkleidet und das Dach repariert werden. Auch ein neuer Fußboden muss rein. Aber von der Küste wegzuziehen oder gar nach Deutschland zurückzukehren, kommt für Gerda nicht in Frage. „Es muss ja irgendwie weitergehen”, sagt sie und klettert die Treppe hoch, wo die Handwerker sie begeistert begrüßen.

„Sie ist „great”, sie ist wie eine Omi für uns”, lacht Allie und zieht sich Mundschutz und Gummihandschuhe aus, um Gerda zu umarmen. „Meine Engel”, lacht die „Omi” unter Tränen, „was würde ich nur ohne Euch tun. Es gibt doch noch gute Kinder auf dieser Welt.”