1. Panorama

Corona-Lockdown: Endlich Zeit zu Hause?

Corona-Lockdown : Endlich Zeit zu Hause?

Die Lebenswirklichkeit der Deutschen hat sich durch Corona weiter gespalten. Für die einen war die Lockdown-Phase die Vorhölle, sagt der Psychologe Stephan Grünewald, Gründer des Kölner Marktforschungsinstituts Rheingold. Die anderen beschreiben die Monate als die schönste Zeit ihres Lebens. Über die Folgen der Entschleunigung.

Die in der Vorhölle hatten existenzielle Angst um ihre Gewerke, ihre Gastronomie, ihren Arbeitsplatz. Sie waren überfordert mit Homeschooling, litten unter räumlicher Enge und hofften während des Lockdowns vor allem eins: möglichst schnell in ihr altes Leben zurückkehren zu können.

Die andere Hälfte der Befragten in den Tiefeninterviews, die Grünewald und seine Mitarbeiter in den vergangenen Monaten geführt haben, beschrieben den Lockdown mitunter als die schönste Phase in ihrem Leben. Endlich seien sie zur Ruhe gekommen, hätten ihren Garten genossen, Schränke entrümpelt, entspannt. Eine junge Frau erzählte, wie sie innige Stunden mit ihrem neugeborenen Kind genossen habe – ohne ständigen Familienbesuch. Ein Liebespaar berichtete, noch nie so viel Sex gehabt zu haben. Studenten kehrten in die Kernfamilie zurück und machten Spieleabende wie sonst nur zu Weihnachten.

Ein positiver Effekt?

Grünewald nennt diese Lebenshaltung „Corona-Biedermeier“. Man richte sich ein in einen geruhsamen, entschleunigten Lebensduktus, genieße eine Art kollektiven Vorruhestand und sortiere sein Leben. Viele stellten sich Fragen wie: Wohin muss ich wirklich noch reisen? Sind alle meine Bekannten Freunde? Brauche ich all die Klamotten, die ich in meinem Kleiderschrank horte?

Den Biedermeier-Effekt durch Corona könnte man als positive Entwicklung verbuchen. Endlich haben Menschen all ihre guten Vorsätze zu Entschleunigung, Konsumverzicht und Besinnung auf das Wesentliche auch tatsächlich umgesetzt. Doch zum Befund gehört auch, dass Corona diesen „Luxus“ nur einer bestimmten Bevölkerungsgruppe erlaubt hat. Nämlich jenen, die alimentiert sind, weil sie über sichere Jobs verfügen, verbeamtet oder Rentner sind oder schlicht wohlhabend. Der Rest musste sehen, wie er durchkam – und tut es bis heute.

„Corona hat die Spaltung der Gesellschaft vertieft“, sagt Grünewald, „die einen hatten ein noch schöneres Leben und mussten kein schlechtes Gewissen haben, denn Müßiggang war oberste Bürgerpflicht. Die anderen sahen überhaupt keine Perspektive und fürchten sich jetzt vor dem Wegfall des Kurzarbeitergeldes.“

Diese Spaltung gab es natürlich auch schon vor der Pandemie, Corona hat sie wie so vieles sichtbarer gemacht und vertieft. Doch der Rückzug der Besserverdienenden ins Biedermeierliche ist durchaus bemerkenswert. Corona hat Menschen zu einer Beschaulichkeit gezwungen, die sie sich selbst nicht zugestanden haben. Die spannende Frage ist: Warum eigentlich nicht? Warum musste erst eine Pandemie kommen, damit Leute ohne Scham beschließen, ihren Urlaub einfach in der Eifel zu verbringen? Oder aufhören, unnütze Dinge zu kaufen? Oder ihre Zeit nur noch mit Menschen verbringen, die ihnen wirklich wichtig sind?

Äußerlichkeiten verlieren an Signalkraft

Teils ist das wohl eine Statusfrage. Sich tolle Reisen oder schöne Dinge leisten zu können, ist in der Konsumgesellschaft eine Möglichkeit, seine soziale Stellung zu signalisieren. Durch die Isolation während der Corona-Zeit verloren diese Äußerlichkeiten an Signalkraft, ließ auch der Zwang, sich ständig zu vergleichen, etwas nach. Im Biedermeier mit seiner hausbackenen Genügsamkeit ist der Einzelne sich selbst genug, konzentriert sich zufrieden auf die Kernfamilie, lässt alle Unbill vor der Tür. Die Epoche war im 19. Jahrhundert eine Zeit politischer Reaktion. Eine Phase der Einigelung, bevor 1848 in bürgerlichen Kreisen revolutionäre Kräfte losbrachen.

Biedermeier steht allerdings nicht nur für Beschaulichkeit, sondern auch für rigide Rollenmuster. Die Frau am Herd, das Kind artig mit seinem Spielzeug, der Mann sorgt fürs Einkommen. Auch diese Seite scheint in den gesellschaftlichen Veränderungen durch Corona auf, übernahmen während des Lockdowns doch größtenteils Frauen Aufgaben wie Homeschooling oder die Versorgung von alten Menschen, deren Pflegekraft in die osteuropäische Heimat zurückgefahren war.

Digitale Verdichtung

Reine Beschaulichkeit hat Corona aber auch den Bessergestellten nicht gebracht. „Die Entschleunigung geht einher mit einer Verdichtung im digitalen Raum“, sagt Grünewald. Menschen, die ihre Gärten neu gestalteten, abends mehr Zeit für ihre Kinder hatten, mussten im Homeoffice oft viel effizienter arbeiten. „Meetings laufen virtuell kürzer ab, die Dinge werden schnell geklärt, das Soziale fällt weg, das erhöht die Schlagzahl“, sagt Grünewald. Der neue Biedermeier-Mensch lebe also selbst ein gespaltenes Leben mit Phasen, in denen er formal effizient agieren müsse und Phasen, in denen er die Seele baumeln lassen könne.

Grünewald glaubt, dass die Biedermeier-Erfahrungen des Lockdowns langfristig Wirkung zeigen werden. Nun zögen die Leute Bilanz. Viele überlegten gerade, ob sie weiter im Homeoffice arbeiten oder ihre Arbeitszeiten reduzieren sollten. Auch die Globalisierungsskepsis, die schon vorher empfunden wurde, werde vermutlich weiter zunehmen. „Viele haben schöne Erfahrungen in ihrer näheren Umgebung gemacht, das stärkt die Bindung an die Region“, so Grünewald. Außerdem denkt er, dass die Menschen offener bleiben für die Sinnfrage.

Der historische Biedermeier war eine Zeit der Unterdrückung und Zensur. Darauf folgte eine Phase bürgerlichen Aufbegehrens. Der Biedermeier der Gegenwart ist ein freiwilliger Rückzug, wenn auch angestoßen durch die Zwänge einer Pandemie. Er ist ein Reflex auf die Schnelllebigkeit unserer Zeit. Ein Privileg.