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Bad Reichenhall/Traunstein: Eishallen-Einsturz: 5000-seitige Ermittlungsakte

Bad Reichenhall/Traunstein : Eishallen-Einsturz: 5000-seitige Ermittlungsakte

Die Ermittlungsakten füllen mehrere Schränke, 150 Zeugen wurden vernommen, die Anklageschrift ist 76 Seiten dick. Am kommenden Montag beginnt in Traunstein der spektakulärste Prozess, den das Landgericht in dem beschaulichen bayerischen Städtchen je erlebt hat.

Drei Berufsrichter und zwei Schöffen der 2. Großen Strafkammer, dazu noch zwei Ergänzungsrichter im Falle von Erkrankungen, müssen über die Schuldfrage der Katastrophe von Bad Reichenhall entscheiden. Bei dem Unglück starben vor zwei Jahren 15 Menschen, 6 wurden schwer verletzt.

Nach tagelangem Schneefall war am Nachmittag des 2. Januar 2006 das Dach der Eissporthalle in dem Kurort eingestürzt. Die tonnenschweren Trümmer begruben ihre Opfer unter sich - 12 der 15 Toten waren Kinder. Für den Prozess sind zwölf Verhandlungstage angesetzt, das Urteil soll am 24. April verkündet werden.

Angeklagt wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung sind zwei Architekten und zwei Bauingenieure. Sie werden von sechs Anwälten vertreten. Den Männern im Alter zwischen 54 und 70 Jahren lastet die Staatsanwaltschaft Fehler und Mängel beim Bau beziehungsweise bei der Begutachtung der Eissporthalle aus den 70er Jahren an. Gegen einen 74 Jahre alten Zimmerermeister wurde das Verfahren eingestellt. Er hätte dem Prozess aus gesundheitlichen Gründen nicht folgen können. Neben 2 Staatsanwälten treten 15 Nebenkläger auf, die 9 Anwälte mitbringen.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergaben, dass Luftfeuchtigkeit und eindringendes Regenwasser die fehlerhaft geplante Dachkonstruktion aus Holz marode machten. Dadurch nahm die Festigkeit der Klebeverbindungen ständig ab. Die ohnehin zu geringe Tragfähigkeit reduzierte sich deshalb laut Anklage mit den Jahren immer weiter. Und noch ein Vorwurf: Die zunehmende Schädigung des Daches sei trotz einer Begutachtung im Jahr 2003 unbemerkt geblieben.

Die Ermittlungsverfahren gegen vier weitere Verdächtige wurden eingestellt. Bei noch einmal vier Beteiligten, gegen die Strafanzeigen vorlagen, lehnte es die Staatsanwaltschaft ab, überhaupt Ermittlungen einzuleiten. Zu ihnen zählt der langjährige, inzwischen nicht mehr amtierende Reichenhaller Oberbürgermeister Wolfgang Heitmeier.

Die Ankläger machten es sich nicht leicht: Sie vernahmen außer den Beschuldigten 150 Zeugen, 8 Sachverständige gaben Gutachten ab, 3 wissenschaftliche Institute untersuchten Materialproben von Trümmern der eingestürzten Halle. Allein die Ermittlungsakten umfassen mehr als 5000 Seiten, wie Traunsteins Leitender Oberstaatsanwalt Helmut Vordermayer auflistete. Außerdem wurden zahlreiche sichergestellte Aktenordner, Pläne und Unterlagen zu Bau und Unterhalt des Gebäudes ausgewertet.

Das Medieninteresse an dem Strafprozess ist enorm. „An die 40 Journalisten haben sich angemeldet”, weiß Gerichtssprecher Tobias Dallmayer, einige Dutzend Kamerateams und Fotografen werden am ersten Verhandlungstag den Gerichtssaal für kurze Zeit in ein Fernsehstudio verwandeln.

Ganz ohne Kameras ging die zivilrechtliche Entschädigung der Hinterbliebenen und Verletzten über die Bühne. Über Summen der längst vollzogenen außergerichtlichen Einigung wird nicht offen gesprochen, doch nach alledem, was durchsickerte, geizte die Bayerische Versicherungskammer nicht.

Weniger harmonisch verläuft indessen die Suche nach dem richtigen Standort und der Gestalt einer Gedenkstätte, mit der an die Toten erinnert werden soll. „Es ist ein schwieriges Verfahren”, heißt es im Rathaus. Wie zu hören ist, sind die Familien der Opfer uneins, ob die Gedenkstätte unmittelbar am Unfallort stehen oder weiter entfernt Platz finden soll.

Die Stadt favorisiert einen Ort außerhalb des Unglücksareals, allein schon deshalb, weil die künftige Bebauung des Geländes ungeklärt ist. Die Reste der Eishalle und das benachbarte Hallenschwimmbad sind längst abgerissen, vom Katastrophenort zeugt derzeit nur ein großes Loch.