1. Panorama

Bremen/Berlin: Einer, der gegen den Irrsinn dieser Welt anzeichnet

Bremen/Berlin : Einer, der gegen den Irrsinn dieser Welt anzeichnet

„Elend“ ist relativ. Während es für die einen ums nackte (Über-)Leben geht, versuchen andere, ihren Wohlstand in Sicherheit zu bringen. Zeichner Klaus Stuttmann hat es geschafft, beide Aspekte in einer Karikatur zu vereinen.

Ein Schlauchboot, mit Flüchtlingen überladen, trifft im Mittelmeer auf eine Luxusjacht, deren Besatzung sich auf Zuruf als „Steuerflüchtlinge“ outet. Seine bitterböse Zeichnung brachte ihm jetzt den „Deutschen Karikaturenpreis 2016“ ein. Unsere Mitarbeiterin Annika Thee hat den Preisträger Klaus Stuttmann interviewt und ein Porträt in Zitaten erstellt.

Klaus Stuttmann: „Das Thema Flüchtlinge liegt mir sehr am Herzen.“

Die Entstehung seiner preisgekrönten Karikatur sei nicht nur der Aktualität des Themas geschuldet gewesen, sagt Stuttmann, sondern auch der Tatsache, dass ihm persönlich der Umgang mit den Flüchtlingen in Deutschland und Europa sehr am Herzen liege. „Natürlich muss ich dazu Stellung nehmen, dass Menschen gezwungen werden, in fremde Länder zu fliehen, während es uns hier so gut geht.“ Als Karikaturist zeichne er schließlich nicht, um einen Preis zu erhalten. Vielmehr betont Stuttmann mehrfach, wie wichtig es ihm sei „Stellung zu beziehen“.

„Als zeichnender Journalist nehme ich Stellung zur Tagespolitik.“

Wichtig ist Klaus Stuttmann seine Berufsbezeichnung als „zeichnender Journalist“, denn er will nicht als Künstler wahrgenommen werden. Den Unterschied sieht er darin, dass er sich mit den Mitteln der Zeichnung und der Satire zur Tagespolitik positioniere. Im Gegensatz zu Künstlern lege er es aber nicht darauf an, dass seine Werke eines Tages im Museum landen, auch wenn so manche Zeichnung bereits auf Ausstellungen zu sehen war.

„Ich bin in einem Alter, in dem alle meine Freunde schon in Rente sind.“

Klaus Stuttmann wurde 1949 in Frankfurt am Main geboren, er wuchs in der Nähe von Stuttgart auf. Der heute 68-Jährige studierte Kunstgeschichte und verließ 1970 seine Heimat in Richtung Westberlin. Dort gründete er mit Freunden eine Kommune. Für seine sozialistische Hochschulgruppe entwarf er erste Flugblätter. Dies war die Geburtsstunde seiner Karikaturistenkarriere, obwohl er besonders in den ersten Jahren kaum davon leben konnte. Dennoch schlug sich Stuttmann als freischaffender Karikaturist, Layouter, Illustrator und Plakatemacher durch. Heute ist Stuttmann tagespolitischer Karikaturist für mehr als 30 verschiedene Zeitungen, seit 2003 auch für die „Aachener Nachrichten“.

Obwohl alle seine Freunde bereits in Rente sind, denke er gar nicht an den Ruhestand. Schließlich gebe es in der heutigen Zeit mehr als genug Stoff für Karikaturisten. Dank Brexit, Donald Trump und IS hagelt es täglich neue Schlagzeilen und damit auch Inspiration für den Zeichner. „Das Schwierige ist allerdings, sich für ein Thema zu entscheiden und hierzu den passenden Witz zu finden“, sagt Stuttman. Obwohl also genug Stoff für zehn Karikaturen am Tag vorliege, fehle sowohl die Zeit als auch die zündende Idee für so viele Karikaturen. Deshalb bleibe es meist bei einer am Tag.

„Im Laufe der Jahre wachsen einem die Figuren ans Herz. Jetzt ist es Frau Merkel. Vor Angela Merkel waren das mal sehr lange die Herren Kohl, Schröder oder Fischer.“

Als Hauptinformationsquelle dient dem Zeichner vormittags das Internet. Dort sucht er nach jenen Themen, die es am nächsten Tag vermutlich in die Tageszeitungen schaffen werden. Die Karikaturen seiner Kollegen sehe er sich natürlich auch an, aber erst nach getaner Arbeit. Als Lieblingsmotiv für die Karikaturen dient immer wieder die Bundeskanzlerin: „Angela Merkel ist eben diejenige, die im Mittelpunkt steht, und im Laufe der Jahre wächst sie einem auch ans Herz“, gibt Stuttmann zu. Die Figur sei in seinen Zeichnungen inzwischen so bekannt, dass sie irgendwann ein Eigenleben erhalten habe und die Leute sie natürlich auch dann wiedererkennen, wenn sie nicht so ganz genau der Realität entspreche.

„Ich lege es nicht darauf an, Leuten auf den Schlips zu treten.“

Die Zeichnungen des Karikaturisten stoßen bei den Lesern nicht immer auf Verständnis, sondern rufen ebenso viel Kritik wie Lob hervor. In vielen Leserbriefen wird dem Karikaturisten vorgeworfen, zu weit gegangen zu sein oder übertrieben zu haben. Stuttmann versichert, den „Leuten nicht unbedingt auf den Schlips treten zu wollen“. Dennoch könne man es nie allen Menschen recht machen, da jeder individuelle Grenzen habe. Einige davon würden immer überschritten. Dabei gebe es Menschen, die einfach keine Ironie verstünden. Auf manche Einwände reagiert Stuttmann aber persönlich, wenngleich es häufig darauf hinauslaufe, dass der Leser eben andere Sichtweisen habe und sich kein Kompromiss finden lasse.

„Prinzipiell kann Satire alles“

Nicht erst seit dem Anschlag auf die Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ beschäftigt Leser und Zeichner die Frage, ob Satire Grenzen kennt, oder ob sie alles darf. Der Karikaturist antwortet angelehnt an Kurt Tucholsky, wenn er sagt: „Satire kann prinzipiell alles, nur ob sie es darf, ist die Frage“. Hier müsse ganz klar zwischen verschiedenen Ländern und Medien differenziert werden. Schließlich dürfe eine Satirezeitung wie „Charlie Hebdo“ viel mehr als eine Tageszeitung. Außerdem seien andere Länder wie Frankreich und England lockerer, als Deutschland. Allerdings sei sich Stuttmann als Karikaturist stets des Mediums bewusst, für das er zeichne. Die Grenzen habe er immer im Kopf — „ungefähr“.

„Heute, in Zeiten des Internets, geht eine Zeichnung rund um den Erdball.“

Nach einer besonders umstrittenen Karikatur im Jahr 2006 erhielt Klaus Stuttmann ernstzunehmende Morddrohungen. „Als Reaktion darauf bin ich eine Woche lang untergetaucht, war weder telefonisch zu erreichen noch in meiner Wohnung anzutreffen. Dennoch habe ich in dieser Zeit weitergearbeitet“, sagt der Zeichner. In dieser einen Woche habe er gelernt, dass sich die Welt gewandelt hat: „Damals hat man nur für seine Region gezeichnet, in der Leute mit der gleichen Informationslage und einem ähnlichen Humorverständnis lebten. Heute landen Zeichnungen in der ganzen Welt und eben auch in Gegenden, in denen völlig andere Humorvorstellungen herrschen — oder gar keine“. Dies behalte er seit den Morddrohungen nun bei „prekären Themen“ immer im Hinterkopf, auch wenn es ihn nicht von schwierigen Themen abschrecke.

„Ich meine schon, dass ich mutig bin.“

Bis heute erhält der Karikaturist Beschimpfungen per Mail, aber eine Morddrohung wie 2006 sei seitdem nicht mehr darunter gewesen. Davon dürfe man sich nicht einschüchtern lassen. Es gebe keine Themen, die er grundsätzlich meide: „Prinzipiell sage ich selten: Da lasse ich lieber die Finger von“, sagt Stuttmann, obwohl es natürlich Themen gebe, bei denen man aufpassen müsse. Sonst ernte man schnell einen „Shitstorm“, oder die Redaktionen lehnten eine Karikatur ab. Dies betreffe religiöse Themen wie den Islam oder die katholische Kirche, aber auch die Politik Israels oder frauenpolitische Themen.

„Ich zeichne, solange ich den Stift irgendwie in der Hand halten kann.“

Trotz seines Alters zeichnet Stutt­mann nicht etwa mit Pinsel und Tusche, sondern wie ein Designstudent mit dem Tablet. Außerdem stehe es für den 67-Jährigen gar nicht zur Debatte, in Rente zu gehen. Schließlich gebe es genug Material und er arbeite, weil er Spaß daran habe. Deshalb habe Stutt­mann vor, seiner Arbeit so lange wie möglich nachzugehen.