Farm von Löschschaum vergiftet: Ein Bauer kämpft bis zur letzten Kuh

Farm von Löschschaum vergiftet : Ein Bauer kämpft bis zur letzten Kuh

US-Landwirt Art Schaap kämpft um sein Lebenswerk. Ein jahrelang versprühter Löschschaum der Luftwaffe hat seine Farm vergiftet, sein Land, sein Getreide, seine Kühe – und sogar sein eigenes Blut.

Es ist ein warmer Herbsttag, als Art Schaap das tut, was jeden Tag zu seiner Routine geworden ist. Der stämmige Landwirt mit dem stahlharten Händedruck schreitet die langen Reihen seiner gutgenährten 2600 Holsteiner-Kühe ab, die genüsslich Futtermittel kauen.

Und auch heute zieht der 54-jährige Farmer aus dem US-Bundesstaat New Mexico, dessen Großeltern einst aus den Niederlanden einwanderten und sich als Landwirte in dieser regenarmen Gegend im Südwesten der Vereinigten Staaten niederließen, Bilanz. So wie er sie seit einem Jahr täglich gezogen hat: „Meine Kühe sind nicht einen einzigen Dollar mehr wert. Und meine Milch ist es ebenso nicht,“ sagt Schaap.

Die von ursprünglich 30 Beschäftigten verbliebenen zehn Mitarbeiter, die er derzeit noch beschäftigt, gehen neben dem Melken auf der „Highland Dairy“-Farm vor allem einer Beschäftigung nach: Sie fahren die abgezapfte Milch in großen Containern zu einer nahen künstlichen Lagune, die der Landwirt angelegt hat. Dort schütten sie die Milch in das modrige Erdreich – knapp 57.000 Liter pro Tag versickern dort. Genug, um jeweils eine Pausenpackung für 150.000 Schulkinder liefern zu können.

Doch seit dem 28. August 2018 liefert Art Schaap nicht mehr aus. Denn an diesem Tag erfuhr er durch ein Schreiben der benachbarten, nur 1000 Meter von seinen Ställen entfernten Cannon Air Force Base, dass seine Wasserquellen, sein Land, seine Kühe, seine Milch, sein Getreide und selbst das Blut in seinem Körper verseucht sind. Durchsetzt mit den Chemikalien eines Löschschaums, den die US-Luftwaffe auf der Basis jahrelang für Trainingszwecke benutzte – und damit Toxine in enormem Umfang freisetzte.

Die als krebserregend geltenden und das Immunsystem schädigenden Umweltgifte unter der Bezeichnng PFAS sind mittlerweile an über 120 Einrichtungen der Luftwaffe festgestellt worden und dort jahrelang im Grundwasser versickert. Sie breiten sich unaufhaltsam aus – und bedrohen nicht nur die Existenz von Landwirt Schaap, sondern auch die von hunderten anderen Farmern in den USA.

Während des Besuchs bei Art Schaap klingelt zwei Mal dessen Handy. Es ist sein Anwalt, der gleich mehrere Schadensersatz-Klagen angestrengt hat – gegen die US-Luftwaffe und den Hersteller des Löschschaums. Und neben Geld will Schaap vor allem eines. Eine klare Antwort auf die Frage: „Warum hat man mich nicht viel früher gewarnt?“

Denn acht lange Jahre lagen zwischen den Zeitpunkten, an denen die Luftwaffe von den Gefahren durch den PFAS-Schaum erfuhr und schließlich dann Landwirt Schaap warnte. Als der Brief des Militärs eintraf, so erinnert sich der Farmer, habe ihm die Luftwaffe gleichzeitig auch Hunderte Wasserflaschen ins Haus geliefert – so gefährlich sei die Wasserversorgung für seine Farm geworden. Die getesteten PFAS-Werte liegen 170-mal über dem Grenzwert, den die US-Umweltbehörde, die jahrzehntelang die Bedrohung durch PFAS ignorierte, als noch für Menschen unbedenklich eingestuft hat. Seitdem sinniert Art Schaap auch täglich über die Frage nach: „Was nun?“

Verkaufen kann er seine vergifteten Milchkühe und Bullen nicht, in den letzten zwölf Monaten hat er 300 der Rindviecher durch hohes Alter verloren. Den gesamten Bestand zu schlachten, das bringt er nicht über Herz. Zumal der Landwirt noch die Hoffnung hegt, dass die Air Force ihm irgendwann die verseuchten Kühe abkauft – obwohl die Rechtsvertreter der Luftwaffe erklärt haben, gegen Klagen immun zu sein. Auch wollen sie wohl keinen Präzedenzfall schaffen und einem Betroffenen entgegen kommen. Art Schaap hat die Farm, für die er 1992 mit einer kleinen Windmühle an der Zufahrt den Grundstein gelegt hatte und für die er immer noch Bank-Darlehen abzahlt, als seine Altersversorgung angesehen. „Nun beträgt ihr Wert genau null“, bilanziert er.

Auch zwei weitere Höfe, die Art Schaap südlich der nahe der Stadt Clovis gelegenen „Highland Dairy“ betreibt, haben indirekt unter der Vergiftung des Wassers und des Bodens gelitten. Denn fast alle Kühe, die heute auf diesen Farmen stehen, wuchsen auf „Highland Dairy“ mit den damals noch unbekannten Giften auf. Auch diese Holsteiner sind für Schaap nicht verwertbar, weil sie die Chemikalien im Körper haben.

Es gäbe vielleicht eine Möglichkeit, hätten ihm Experten gesagt, seine Betriebe weiter zu führen. Er müsse dann das Wasser, das er aus dem Boden pumpt, auf Lebenszeit durch Spezialfilter senden – so dass eine neue Herde sich nicht vergiften würde. Doch die Filter kosten bis zu 200.000 US-Dollar pro Stück, und Art Schaap bräuchte mindestens 15 von ihnen. Die drei Millionen US-Dollar dafür hat er nicht. Seine einzigen Einnahmen: Hilfszahlungen der US-Landwirtschaftsbehörde, die ihm auf begrenzte Zeit 70 Prozent der verlorenen Milcheinnahmen ersetzt und damit auch die Lohnzahlungen für die stark geschrumpfte Belegschaft ermöglicht.

Auch die Getreidefelder, die er neben der Viehzucht noch betreibt, retten seine Bilanz nicht. Ein Teil der Ernte ist auf verseuchtem Boden gewachsen und unverwertbar. Und der Handelsstreit von US-Präsident Donald Trump mit China hat zudem dafür gesorgt, dass die Marktpreise tief gesunken sind. Ein Schicksal, das Art Schaap mit tausenden Farmern in den USA teilt.

Luftwaffe weigert sich, zu zahlen

Kein Wunder, dass der Landwirt nun frustriert sagt: „Ich fühle mich von der Regierung betrogen“. Das gilt vor allem für die strikte Weigerung der Luftwaffe, für die Schäden durch die lange vertuschte Verseuchung aufzukommen. Doch Art Schaap will weiter kämpfen – für sein vor dem Aus stehendes Lebenswerk und seinen nun wertlosen Viehbestand. „Bis zur letzten Kuh“, das ist die Devise. Ohne zu wissen, wie es für ihn, seine Gesundheit und die „Higland Dairy“-Farm weitergehen wird. „Alles ist in der Schwebe“, sagt er auf dem Weg in die Melk-Scheune. Eine neue Ladung frischer Milch wartet darauf, von seinen Arbeitern in die Lagune entsorgt zu werden, um dort zu versickern.

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