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Kaarst: Dr. Sommer will die (Liebes)Schulbank drücken

Kaarst : Dr. Sommer will die (Liebes)Schulbank drücken

„Dr. Sommer sollte abgeschafft werden.” Diese verblüffende Aussage stammt von keinem Geringeren als Dr. Martin Goldstein, 82, der die Figur des Dr. Jochen Sommer vor 40 Jahren erfunden und in der Jugendzeitschrift Bravo etabliert hat, in seinem neuen Buch „Teenagerliebe”.

Bis heute erscheint die Rubrik jede Woche in der Zeitschrift, Millionen Jugendliche haben die Tipps gelesen, mehrere Generationen selbst Rat gesucht - und Rat bekommen. Die Nachrichten haben Dr. Martin Goldstein in seinem Haus in Kaarst getroffen und mit ihm über die Bravo, Jugendliche damals und heute, Sexualität und natürlich Dr. Sommer gesprochen.

Herr Dr. Goldstein. Sie fordern in Ihrem neuen Buch „Teenagerliebe” die Abschaffung der Rubrik Dr. Sommer. Warum, immerhin haben sie diese erschaffen?

Goldstein: So krass würde ich es nicht ausdrücken. Aber Niemand sollte sich ausschließlich auf Dr. Sommer verlassen.

Im Einband Ihres Buches steht aber Schwarz auf Weiß, dass Dr. Sommer den Hut nehmen sollte. Warum fordern Sie das, oder ist es nur ein PR-Gag, um den Verkauf anzuheizen?

Goldstein: Nein, ich bin tatsächlich inzwischen der Meinung, dass diese Rubrik überflüssig ist. Vielmehr, sie sollte überflüssig sein. Initiation lautete für mich die Lösung.

Von Initiation sprechen Sie in Ihrem Buch immer wieder. Was genau meinen Sie damit und wie soll Initiation helfen?

Goldstein: Mit Initiation meine ich den Entwicklungsschritt vom Kind zum Erwachsenen. Die Entdeckung der Sexualität ist dabei ein wichtiger Prozess, um sich von den Eltern abzunabeln.

Aber bei genau dieser Entdeckung hat Dr. Sommer doch geholfen. Er war damals die revolutionäre Antwort auf viele Fragen, warum ist er dann heute überholt?

Goldstein: Damals gab es keine Sprache für diese Themen. Die Jugendlichen konnten nicht ausdrücken, was sie meinten. Es gab Aussagen wie: Das tut man nicht oder untenrum - das war nichts Konkretes. Es war damals neu, das Thema und die damit verbundenen Worte offen auszusprechen. Ich selbst hatte zu Beginn keinen ausreichenden Wortschatz. Von meinen Eltern habe ich ihn nicht mitbekommen.

Das hat sich geändert. Eltern und auch Schule klären heute die Jugendlichen auf.

Goldstein: Den Begriff aufklären mag ich nicht, denn dafür muss ja vorher etwas verschwiegen worden sein. Dass Eltern und Schule diese Aufgabe übernehmen, halte ich für falsch. Sexualkunde in der Schule reicht nicht aus, weil laut Lehrplan nicht über Erlebnisse gesprochen werden darf. Die Eltern halte ich auch für die falschen Ansprechpartner. Dass Problem muss gesamtgesellschaftlich gelöst werden. Ich halte die Einführung einer Liebesschule für die beste Lösung.

Wie soll diese Schule aussehen?

Goldstein: Die Jugendlichen müssten für eine gewisse Zeit aus der Schule genommen werden. Weit weg von den Eltern sollen sie sich kennenlernen. Damit meine ich nicht das Sexuelle. sie sollen lernen, miteinander zu sprechen, miteinander umzugehen. Sie müssen ihre Stärken und Schwächen entdecken und brauchen vor allem Freiheit zur Entwicklung.

Ist das eine realistische Idee?

Goldstein: Nein, das ist zur jetzigen Zeit Utopie, aber es ist wünschenswert.

Zurück zu Dr. Sommer. Wie hat er die jungen Leute erreicht?

Goldstein: Man muss zuhören und keine Lösung anbieten, sondern immer weiter nachfragen und vor allem den Jugendlichen lauschen. Das galt damals und gilt auch heute noch.

Wie kann denn Lauschen eine Antwort geben? Die Jugendlichen erwarten eine konkrete Antwort.

Goldstein: Genau das war der Trick. Die Antwort liegt nicht darin, konkrete Tipps zu geben. Wir haben den Jugendlichen zugehört. So hatten sie das Gefühl, dass sie nicht für dumm gehalten werden.

Aber das geht über Briefe doch schlecht, sondern eher über persönliche Gespräche.

Goldstein: Natürlich geht es im persönlichen Gespräch besser. Das kenne ich aus meiner therapeutischen Ausbildung. Aber wir haben es versucht.

Sie sprechen in der Wir-Form. Hatten Sie Unterstützung bei der Bravo?

Goldstein: Ich sage ganz bewusst wir. Als ich 1969 Dr. Sommer ins Leben rief, habe ich gleich ein Team gebildet, ähnlich wie in einer Supervisionsgruppe. Dabei waren Sozialarbeiter, ein Pastor, Psychologen und Soziologen.

Hat dann jeder einen Stapel Briefe beantwortet?Goldstein: Nein, wir haben uns gegenseitig geholfen. Jeden Brief haben wir eine halbe Stunde lange bearbeitet.

Wurden alle beantwortet?

Goldstein: Ja, das habe ich zur Bedingung gemacht, als ich damals anfing. Jeder Brief mit einem Absender sollte auch eine Antwort bekommen. Anfangs kamen sehr wenige Briefe, nach kurzer Zeit waren es zwischen 3000 und 5000 jeden Monat. Da sich viele Fragen und somit auch Antworten wiederholten, haben wir 150 Formbriefe entwickelt und diese in drei verschiedene Stufen eingeteilt.

Sie sprechen die Fragen an, die sich wiederholen. Muss Dr. Sommer bei jeder Generation von vorne anfangen?

Goldstein: Es scheint so. In den 14 Jahren meiner Tätigkeit bei Bravo war das schon so. Ich war immer wieder überrascht von der sehr hohen Anzahl an Briefen, die sich um ein- und dasselbe Thema drehten.

Ist das nicht frustrierend?

Goldstein: Nein, ich habe jeden einzelnen Brief als neue Herausforderung gesehen. Wir wollten allen Jugendlichen helfen. Dafür mussten wir oft Widerstände überwinden. Ich erinnere mich noch genau an den Brief eines Mädchens, das wissen wollte, ob es in den Trachtenverein eintreten muss, nur weil auch ihre Eltern darin sind. Wir haben ihr gesagt, dass sie das ganz allein entscheiden muss. Daraufhin folgte eine ganz gewaltige Protestwelle aus Bayern.

Das ist keine Frage, die man zwingend mit Dr. Sommer verbindet.

Goldstein: Das stimmt. Aber es war von Anfang an meine Intention, dass es eben nicht nur um Sex geht. Ich habe fünf Jahre gebraucht, um den Chefredakteur davon zu überzeugen, dass es auch um viele Fragen der Emanzipation geht, wie Taschengeld oder ähnliches. Ich durfte dann alle zwei Wochen mal eine solche Frage unterbringen.

Also Sex als Verkaufsargument?

Goldstein: Ja. Aber das passt zur Gesellschaft. Alles ist auf Leistung ausgerichtet und das schlägt sich dann auch in der Sexualität nieder.

Warum haben Sie nach 14 Jahren bei der Bravo aufgehört?

Goldstein: Damals kam ein neuer Chefredakteur, und wir haben uns nicht verstanden. Er hat andere Firmen engagiert, um die Briefe zu beantworten. Mit seinen Ideen konnte ich mich nicht mehr identifizieren. Es war kein schönes Ende, aber das ist inzwischen geklärt.