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Frankfurt/Main: Die letzten Tage der D-Mark: Theorie und Praxis

Frankfurt/Main : Die letzten Tage der D-Mark: Theorie und Praxis

Es sollten - so verkündete der Einzelhandel - die „letzten Tage der Mark” werden. Zwei Monate nach Einführung des Euro-Bargelds zur Jahreswende 2001/2002 werde am 28. Februar 2002 Schluss sein mit Pfennig, Groschen und Mark an der Ladenkasse.

„Am 28. Februar endet die freiwillige Selbstverpflichtung des Handels für die Annahme der D-Mark und die doppelte Auszeichnung der Preise”, erklärte der Handelsverband HDE seinerzeit. Und beschwor in geradezu dramatischen Worten: „In den letzten Tagen der Mark werden Zahlungen mit der alten Währung eine seltene, aber willkommene Ausnahme im Einzelhandel sein.”

Am 28. Februar 2002, einem Donnerstag, konnten die Menschen in Deutschland zum letzten Mal in den Geschäften mit D-Mark bezahlen - theoretisch. Praktisch war sich auch der Einzelhandel darüber im Klaren, dass die größte Geldtauschaktion aller Zeiten mehr Zeit brauchen würde - zumindest in den Köpfen der Menschen.

Der damalige Präsident des hessischen Einzelhandelsverbandes, Frank Albrecht, versicherte, viele Geschäfte nähmen auch nach dem Stichtag D-Mark: „Da die Kassen bislang beide Währungen akzeptiert haben, bedeutet es für uns keine Mühe, die wenigen noch verbleibenden Noten zu akzeptieren.”

Die Kassen mussten klingeln, egal in welcher Währung. Tatsächlich versuchte mancher Kunde noch Jahre nach der Euro-Umstellung Einkäufe mit alten D-Mark-Scheinen und -Münzen zu bezahlen - mit Erfolg. So nahm beispielsweise die Bekleidungskette C&A im Jahr 2007 in ihren Filialen bundesweit im Schnitt 300.000 D-Mark pro Monat ein.

Immer wieder in den vergangenen zehn Jahren baten Hilfsorganisationen die Menschen, nach „Schlafmünzen” zu suchen, immer wieder lockten Handel und Kommunen zum D-Mark-Revival. In dem 2600-Seelen-Örtchen Gaiberg südlich von Heidelberg etwa kann seit 2006 jedes Jahr im Mai für vier Wochen mit der alten Währung bezahlt werden. Nach Angaben von Kämmerer Alexander Wenning werden dabei jährlich etwa 20.000 Mark (10.226 Euro) umgesetzt: „Für die Leute ist es ein großer Spaß, mal wieder mit Mark zu zahlen.”

Schuldenkrise, Notgipfel und milliardenschwere Rettungspakete nährten zuletzt das Misstrauen gegenüber dem Euro. Jeder zweite Bundesbürger wünscht sich Umfragen zufolge die „gute, alte D-Mark” zurück. Doch oft sorgen nicht Treue und Sammlerleidenschaft, sondern schlicht Vergesslichkeit dafür, dass das ausgediente Geld nicht umgetauscht wird. Es bleibt jahrelang verschollen und wird dann zufällig bei Umzügen im Keller oder in alten Koffern entdeckt. Nach Schätzungen der Bundesbank müssten sich irgendwo auf der Welt noch rund 172 Millionen D-Mark-Scheine und fast 23,8 Milliarden D-Mark-Münzen befinden (Stand Ende 2011). Zusammengerechnet haben sie einen Wert von fast sieben Milliarden Euro.

Wer heute noch D-Mark findet, kann sie im Handel in der Regel nicht mehr loswerden. „Die D-Mark spielt in den Geschäften keine Rolle mehr, es kommen kaum noch Kunden, die mit D-Mark bezahlen wollen. Offensichtlich haben sich die Geldsäckel unter dem Kopfkissen aufgebraucht”, sagt HDE-Geschäftsführer Kai Falk. „Der Handel würde sie auch nicht mehr annehmen.” Der Aufwand des Umtauschs bei der Zentralbank sei zu groß.

Die Bundesbank wechselt das alte Geld unbefristet kostenlos in Euro - entweder direkt in einer ihrer Filialen oder postalisch über die Hauptverwaltung Mainz. Der Versand geschieht allerdings auf Risiko des Kunden.