Die Invasion der Teddybären in Paris

Dutzende große Stofftiere : Die Invasion der Teddybären in Paris

Es muss sich um eine Nahbegegnung der dritten Art handeln. Da sitzt doch tatsächlich ein Teddybär mit roter Baskenmütze direkt neben dem Zinktresen des Pariser Bistros „Manufacture“ und scheint den Kunden, der gerade einen Espresso bestellt hat, über sein Glas Rosé hinweg anzustarren. „Der ist wirklich ganz harmlos“, grinst der sich über die Verblüffung seines Gastes amüsierende Barkeeper und fügt aufgeräumt hinzu: „Wundern Sie sich nicht, von denen ist in unserem Stadtteil eine ganze Sippe eingefallen“.

So ist es. Wen es in diesen Tagen in das Pariser Gobelins-Viertel nahe der Place d´Italie im 13. Pariser Arrondissement verschlägt, traut seinen Augen nicht. Überall stößt er auf Teddybären einer Spezies, die sich schon allein aufgrund ihrer Größe von mindestens 1,40 Meter  nicht übersehen lassen. Entweder grüßen sie fröhlich von einem Laternenpfahl am Eingang der Metrostation herab, lehnen aus zwei Hotelfenstern, sitzen in einem parkenden Auto, räkeln sich in der Auslage der Apotheke, haben eine strategische Position neben der offenen Bäckereitür bezogen oder lümmeln sich gar im Rudel auf den Stühlen einer Restaurantterrasse.

Mitte November und über Nacht sind die beigen Stofffiguren urplötzlich aufgetaucht. „Ich habe erst an eine Halluzination geglaubt und meinen Arzt verdächtigt, mir das falsche Medikament verschrieben zu haben“, erzählt Huguette. Aber die Rentnerin, die ihre Einkaufstasche über den breiten Bürgersteig der Avenue des Gobelins trägt, gibt sofort zu, dass sie die Idee „einfach großartig“ findet. Man bekomme „sofort gute Laune, wenn man einem dieser putzigen Teddys begegnet“.

So ähnlich scheint es den meisten Anwohnern, Passanten und Touristen zu gehen. Ein spontanes Lächeln ist das Mindeste, was die knuffigen Gestalten hervorrufen. Wobei viele nicht der Versuchung widerstehen können, einmal kurz über ihr flauschiges Fell zu streicheln. Andere zücken beinahe reflexartig das Handy, um ihre unerwartete Begegnung mit den populären Zuwanderern festzuhalten.

„Ziel erreicht!“, kommentiert Philippe Labourel zufrieden: „Die Atmosphäre im Viertel war noch nie so locker.“ In der Buchhandlung des vollbärtigen Mittvierzigers ist die Invasion der großen Teddybären ausgeheckt worden. Labourel hat die „en gros“ beschafften Stofftiere aus der eigenen Tasche bezahlt, weil er nach einer lustige Alternative zur üblichen Vorweihnachtsdekoration suchte.

Sein Einfall fand ein begeistertes Echo. Fast alle von ihm angesprochenen Geschäftsleute in der Nachbarschaft waren sofort bereit, mitzuziehen. Seither hat Labourel alle Hände voll damit zu tun, die kostenlose Verleihung seiner Teddybären zu organisieren. Und da die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigt, wechselt die Mehrzahl der Gute-Laune-Teddys mittlerweile jeden dritten Tag ihre Auftrittsorte.

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