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Berlin: „Diana-Effekt”: Blumenmeer zur Trauer um Knut-Ziehvater Dörflein

Berlin : „Diana-Effekt”: Blumenmeer zur Trauer um Knut-Ziehvater Dörflein

Dutzende von Grabkerzen flackern vor und im Berliner Zoo im Sonnenlicht. Auch eine knappe Woche nach seinem plötzlichen Tod ebbt die Trauer um Thomas Dörflein, den Ziehvater des Berliner Zoo-Lieblings, Eisbär Knut, nicht ab. Betroffene Menschen stellen am Samstag still immer neue Sträuße und Briefe in das Blumenmeer vor dem Nebeneingang des Zoos und vor Knuts Gehege.

Der 44-jährige Dörflein war am vergangenen Montag überraschend an einem Herzinfarkt infolge einer Thrombose gestorben. Auf den zahlreichen an Gitter und Absperrung befestigten Zetteln und Fotos steht immer wieder „Danke”.

„Danke, dass Du Knut ein Leben geschenkt hast”, „Danke, dass Du so ein großartiger und warmherziger Mensch warst”, heißt es dort. Vor dem Gehege des inzwischen fast 22 Monate alten und gut 200 Kilogramm schweren Eisbären stehen an die 30 Menschen und tauschen sich über ihre Erfahrungen mit Knut und Dörflein aus. Viele Berliner sind fast täglich dagewesen. Sie haben sich am „einmaligen Zusammenspiel von Tier und Pfleger einfach nur erfreut und sie beide ins Herz geschlossen”, wie Annegret Dörpel (42) sagt.

Nach Ansicht von Erika Atze (73) ist „Dörflein einem so ans Herz gewachsen, weil er sich von Anfang an so um den kleinen hilflosen Kerl gekümmert hat. So etwas haben wir doch noch nie gesehen, wie so ein kleiner Eisbär heranwächst. Weil es auf Video gefilmt wurde, konnten wir alles verfolgen, wie er trinkt, wie er gehen lernt.”

Fast fünf Monate lang hatte sich der Tierpfleger rund um die Uhr um das erste Eisbärbaby im Berliner Zoo seit 33 Jahren gekümmert. Dörflein zog ins Bärenrevier, um den von seiner Mutter Tosca verstoßenen Winzling mit der Flasche groß zu ziehen. Die Videobilder von Tierarzt André Schüle ermöglichten einen bis dahin unbekannten Einblick in die Kinderstube eines der bedrohtesten Raubtiere der Erde. Die Bilder von dem weißen Wollknäuel auf dem Schoß von Thomas Dörflein lösten einen Hype aus. Zum ersten öffentlichen Auftritt von Knut und Dörflein am 23. März 2007 reiste die Weltpresse aus Japan, USA, Australien, Neuseeland, Südafrika, Pakistan und Europa an.

Für diese ungeheure Aufmerksamkeit hat Schüle eine eigene Erklärung. „Die Öffentlichkeit hatte die Schnauze voll von Nachrichten über Kriege, Terror und Tod”, sagt der Tierarzt in dem RBB-Dokumentarfilm „Verrückt nach Knut”. „Es gibt nichts Schöneres, als dass sich ein Pfleger eines Eisbärbabys annimmt und versucht, es durchzubringen unter Einsatz seiner kompletten Freizeit.” Die Menschen seien verrückt nach dieser „Mensch-Tier-Beziehung gewesen: Was macht Knut mit Thomas Dörflein und umgekehrt”.

Die ungeheure Wirkung der Medien spiegelte sich auch im Internet. Weltweit kommunizierten Knut-Fans und kommentierten jedes neue Bild und Video von Knut in ihren Blogs. Aus vielen Ländern gehen jetzt auch Tausende Beileidsbekundungen ein. Die Medienpsychologin Katrin Döveling nennt als Grund für diese kollektive Trauer den „Diana- Effekt”. Durch die Berichte über Knut und seinen Ziehvater hätten viele Menschen so etwas „wie Intimität aus der Distanz” zu Dörflein aufgebaut, erläutert die Wissenschaftlerin in einem dpa-Gespräch.

„Dörflein hatte so etwas wie eine Stellvertreter-Position für alle, die gern selbst mit dem kleinen Eisbären geknuddelt hätten”. Zudem sei Dörflein sympathisch und authentisch gewesen. „Man kann mit etwas, das als moralisch für gut befunden wird, auch sehr gut mitfühlen”, sagt Döveling, die ähnliche Effekte bereits nach dem Tod von Prinzessin Diana und Papst Johannes Paul II untersucht hat.

Auch Willy Gröck erklärt sich die große Anteilnahme der Öffentlichkeit „mit dem Menschen” Dörflein. „Er war so bescheiden. Wir leben doch in einer Welt, wo jeder nur noch an Geld denkt und meint, nur damit glücklich zu werden”, sagt der Rentner. Das sieht auch Erika Atze so. „Dörflein mochte doch den ganzen Rummel um seine Person nicht. Er hat das alles für Knut gemacht und kein Geld daraus geschlagen. Der hätte doch reich werden können.”

Die große Bestürzung über den Tod Dörfleins ist für seine Mutter ein kleiner Trost. Sie empfinde nur „tiefe, tiefe, tiefe Trauer” über den Verlust ihres Sohnes, sagt Erika Dörflein in einem dpa-Gespräch. „Thomas war ein Sohn, wie man sich den wünscht. Er war so ein Lieber, nicht nur für die Tiere, sondern auch privat.” Doch auch Dörflein habe mit Knut so viel gelernt, sagt die 71-Jährige. Durch den Medienrummel um Knut und ihn habe ihr Sohn gelernt, „dass man in dieser Welt nicht gut leben kann, wenn man nicht tough ist”.