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Flensburg: Deutschlands gesammelte Sünden: 50 Jahre Zentralregister

Flensburg : Deutschlands gesammelte Sünden: 50 Jahre Zentralregister

Über „Punkte in Flensburg” freuen sich allenfalls Handballmannschaften, die bei der SG Flensburg-Handewitt gewinnen. Über acht Millionen Autofahrer denken dabei eher mit Sorge an ihren Führerschein. Sie sind in der Flensburger „Verkehrssünderkartei” registriert.

Vor 50 Jahren, am 2. Januar 1958, nahm das „Verkehrszentralregister”, wie es offiziell heißt, seine Arbeit auf. Damals gab es nicht nur sehr viel weniger Autos, sondern auch nur einen Bruchteil der heutigen Verkehrsvorschriften. „Tempolimit” war ein Fremdwort, die ersten „Blitzgeräte” wurden gerade entwickelt. 1953 waren alle Geschwindigkeitsbegrenzungen, die während der NS-Zeit erlassen wurden, aufgehoben worden.

Erst 1957 wurde wieder ein Tempolimit in Ortschaften von 50 km/h erlassen. Die Beschränkung von 100 km/h für Landstraßen folgte 1972. Der Kfz-Bestand vor 50 Jahren betrug etwa ein Zehntel des heutigen. Dennoch war das Autofahren keineswegs sicher. Rund 13.000 Verkehrstote wurden pro Jahr registriert, mehr als doppelt so viele wie heute.

Als Maßnahme zur Verkehrssicherheit beschloss der Bundestag im Oktober 1956, alle rechtskräftigen Verkehrsverstöße zentral beim Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Flensburg zu registrieren. 1974 wurde das Punktesystem eingeführt. Maskottchen ist Marienkäfer „Ludwig”, der wohl weniger mit seinen Punkten hadert als Autofahrer.

8,4 Millionen Autofahrer waren Anfang 2006 in Flensburg registriert, drei Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Punkte sammeln ist Männersache. Von fünf Verkehrssündern sind vier männlich. In knapp 60 Prozent der Fälle gab es die Punkte für zu schnelles Fahren, gefolgt von Trunkenheit am Steuer und Vorfahrtsverletzung.

75 Prozent der Registrierten haben ein bis sieben Punkte. Die werden bei Ordnungswidrigkeiten nach zwei Jahren gelöscht, wenn nichts weiter vorfällt. Knapp ein Prozent hat 14 Punkte und mehr. Wer sich dann weigert, an einem Aufbauseminar teilzunehmen, ist seinen Führerschein los. Spätestens mit 18 Punkten ist der „Lappen” ohnehin weg.

Nach oben sind der Punktesammlung keine Grenzen gesetzt. Wer über Monate hinweg ohne Führerschein fährt, so Pressesprecher Stephan Immen, könne so auf 200 Punkte kommen. Punktesieger werden aber nicht ermittelt. Immen: „Wir führen keine Hitlisten.” Punkte gibt es nur für Führerscheinbesitzer. Wer also seinen Führerschein abgibt, hat keine Punkte mehr, bleibt aber trotzdem registriert.

In dem Wort „Verkehrssünder” ist noch der Kirchen-Begriff „Sünde” enthalten, der heute allenfalls noch im Zusammenhang mit Sahnetorte oder Schokolade auftaucht. Grobe Verkehrsverstöße seien auch theologisch gesehen Sünde, sagt der evangelische Bischof von Schleswig, Hans Christian Knuth, in dessen Zuständigkeitsbereich das KBA in Flensburg liegt.

Wer Verkehrsregeln verletze, riskiere schließlich das Leben unschuldiger Menschen. Die Vergebung der Sünden sei eine Sache allein zwischen Gott und Mensch, so der Bischof. Doch das Streichen der Punkte in Flensburg erinnere daran: „Gott trägt uns unsere Schuld ja auch nicht in alle Ewigkeit nach.” Freimütig gesteht Knuth auch eigene Sünden: Zwei Punkte habe er vor langer Zeit einmal kassiert.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, die Flensburger Punkte-Akten würden in Dänemark zu Klopapier verarbeitet. Doch das verhindert der Datenschutz. Wenn es sich um offizielle Datenakten handelt, müssen sie nach Auskunft der Flensburger Recycling-Firma Sulo nach dem Schreddern verbrannt werden.