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Wiesbaden/Rostock: Der Abstand bei der Lebenserwartung schrumpft

Wiesbaden/Rostock : Der Abstand bei der Lebenserwartung schrumpft

Die Frauen in Deutschland müssen für die errungenen Fortschritte bei Gleichberechtigung und Emanzipation teuer bezahlen - mit Einbußen an Lebensjahren. Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes hat sich der weibliche Vorsprung bei der Lebenserwartung seit 1979 kontinuierlich verringert.

Ein Hauptgrund sei die „Angleichung der gesundheitsrelevanten Lebensweisen”. „Der Lebensstil der Frauen wird zunehmend männlicher”, kommentiert Marc Luy, Professor für Demografie an der Universität Rostock.

Seitdem die Lebenserwartung berechnet wird (seit 1871), fiel der durchschnittliche Zugewinn an Lebenszeit stets für die Frauen höher aus als für die Männer. Das änderte sich erstmals 1979, wurde damals jedoch zunächst als statistischer Ausrutscher abgetan. Inzwischen ist klar: Seit nunmehr 25 Jahren läuft ein Trend gegen die Frauen.

Zwar können neugeborene Mädchen noch immer im Schnitt mit fast 81 Lebensjahren, mit sechs Jahren mehr als neugeborene Jungen rechnen. Aber der Zugewinn an Lebenserwartung (zum Beispiel durch medizinischen Fortschritt und eine bessere wirtschaftliche Lage, die ausreichende und gesunde Ernährung ermöglicht) betrug in den 25 Jahren für Männer 6,31 Jahre (9 Prozent mehr), für Frauen aber nur 5,19 Jahre (6,8 Prozent mehr).

Konkret: Der Vorteil der Frauen hat sich um 409 Lebenstage verringert. Über die Gründe gab es lange nur Mutmaßungen - bis der junge Wissenschaftler Marc Luy auf die Idee kam, die Lebensdaten von fast 12.000 Mönchen und Nonnen penibel zu erheben. Seine so genannte Klosterstudie sorgte international für Aufsehen. Ergebnis: Mönche leben vier Jahre länger als die übrigen Männer, sterben aber trotz gleicher Lebensumstände zwei Jahre früher als Nonnen.

Seither gilt als gesichert: „Biologische Unterschiede verschaffen den Frauen einen Vorteil von höchstens zwei Jahren bei der Lebenserwartung”, so Professor Luy. „Ungefähr doppelt so wichtig wie die biologischen sind die Unterschiede in der Lebensführung.”

Für Luy steht denn auch fest, warum der weibliche Vorteil bei der Lebenserwartung seit 25 Jahren schrumpft: „Die Berufstätigkeit der Frauen und damit ihre Stressbelastung hat deutlich zugenommen. Die Doppelbelastung durch Familie und Beruf trifft noch immer Frauen stärker als Männer. Frauen sind außerdem heute auch in Risikoberufen, bei Polizei, Feuerwehr, Bundeswehr oder in Flugzeug-Cockpits, tätig.” Und: „Um in höhere Positionen zu gelangen, mussten Frauen vielfach mehr Energie aufwenden als Männer. Je mehr Frauen aber auch in Führungspositionen aufsteigen, desto größer wird die Belastung durch höhere Arbeitszeiten.

Wie bedeutsam der Berufsstress ist, lässt sich an einem weiteren Ergebnis der „Klosterstudie” ablesen: Die befragten Klosterbrüder führten ihre gegenüber den übrigen Männern höhere Lebenserwartung in erster Linie auf den „geregelten Tagesablauf” hinter Klostermauern zurück, wo man keinen Stress wegen der nächsten Haus- oder Autorate, wegen eines erkrankten Kindes oder eines gestorbenen Ehepartners hat.

Andererseits wird aber auch die als sinnvoll angesehene lebenslange Beschäftigung als Grund angesehen: Nonnen und Mönche kennen keinen Ruhestand, sondern arbeiten so lange, wie sie es gesundheitlich können.

Wie geht es weiter? Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass die Lebenserwartung weiter ansteigt, aber nicht mehr so rasant wie in den vergangenen Jahren, dass aber Frauen von der weiteren Zunahme weniger stark profitieren als Männer. Eine Hochrechnung auf das Jahr 2050 ergab, dass die dann neugeborenen Jungen im Schnitt 81,1 Lebensjahre, die neugeborenen Mädchen 86,6 Lebensjahre erwarten können.

Der weibliche Vorteil würde demnach bei 5,5 Jahren liegen. Die Prognose von Professor Luy ist ungünstiger: „Der weibliche Vorteil in der Lebenserwartung wird auf vier bis viereinhalb Jahre schrumpfen.”