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Hamburg: Das Hamburger Hip-Hop-Trio macht Musik für Familien

Hamburg : Das Hamburger Hip-Hop-Trio macht Musik für Familien

Deine Freunde sind nicht einfach irgendeine Hip-Hop-Band. Das wird direkt am Anfang ihres neuen Albums „Keine Märchen“ deutlich. Da steht der „Soundcheck“. Und die drei Rapper stellen darin erstmal mit Hall-Effekt, Verzerrer und Auto-Tuning klar, dass sie ihren Sound noch schnell checken müssen, damit sie nicht „nach Kraut und Rüben“ klingen.

Auch wenn man mit dem Werk des Hip-Hop-Trios bislang noch nicht vertraut war, wird gleich in den Reimen des ersten Stücks offensichtlich, an wen sich seine Musik richtet. Deine Freunde komponieren Musik, die von Kindern gemocht wird. Aber längst nicht nur. Die Hamburger, die auch schon in unserer Region aufgetreten sind, definieren sich selbst als Familien-Band.

Das sah 2012, als sie ihr Debütalbum „Ausm Häuschen“ veröffentlichten, noch anders aus. Damals gingen sie selbst noch davon aus, dass sich Kinder mit der Platte in ihre Zimmern verkrümelten. Schließlich war und ist Hip-Hop die Art Popmusik, von der sich auch der ältere Bruder beschallen und ein Stück weit auch definieren ließ.

Mit dem Einstandswerk von Deine Freunde konnten die Jüngsten auch eine Band für sich entdecken, die ähnlich bis identisch „coole“ Musik bot. Aber eben versehen mit Reimen, die nicht verstörend auf Kinder wirken, sondern die Vorstellungskraft anregen.

Die Idee zur Gründung von Deine Freunde kam Florian Sump, einem Drittel des Trios. Er war früher Schlagzeuger der erfolgreichen, aber kurzlebigen Deutschpopband Echt gewesen. Nach deren Auflösung arbeitete er mal hier, mal da, bevor er vor gut acht Jahren von einer Kindertagesstätte als Erzieher engagiert wurde. „Die Auswahl an Kindermusik war dort sehr begrenzt“, erzählt Sump.

Spontane Interaktionen

Irgendwann habe er die Kinder darum gebeten, CDs mitzubringen, die sie auch daheim gerne hörten, sagt er. „Ich war dann überrascht, dass sie Platten mitbrachten, die auch ihre Eltern gerne hörten. Da war viel Deutschsprachiges dabei, Hip-Hop von Seeed und Peter Fox, also Lieder, deren Texte von Kindern vermutlich gar nicht in Gänze verstanden werden konnten. Aber die Musik transportierte jeweils ein Gefühl, das ihnen zusagte. Ich erinnerte mich in dem Moment daran, dass es mir als Kind und Jugendlichem ganz ähnlich ging. Und ich beschloss, selbst ein Lied für unsere Einrichtung aufzunehmen.“

Im Studio von Markus Pauli, dem Live-DJ von Fettes Brot, entstand unter Mitwirkung des Theaterproduktionsmanagers Lukas Nimscheck nicht nur das Stück „Schokolade“. Auch die Idee zur Gründung von Deine Freunde wurde während der Aufnahmen geboren. Inzwischen haben sie drei Alben aufgenommen, und wo immer das Trio auf einer Bühne auftaucht, entstehen spontane Interaktionen zwischen den Musikern und ihrem zumeist jungen Publikum. In Aachen beispielsweise wurde Florian Sump vor zwei Jahren von der Freilichtbühne in der Altstadt geholt, um 20 Kindern Platz machen zu können.

„Inzwischen bekommen wir aber zunehmend auch Rückmeldungen von Eltern, die unsere Platten mit ihren Kindern hören und Gefallen an unserer Musik finden“, erzählt Florian Sump. „Deswegen finden sich auf unserem neuen Album auch Lieder, die gleichermaßen von Kindern und Eltern verstanden werden können — wenngleich auch vermutlich unterschiedlich. Letztlich wird unsere Musik inzwischen von ganzen Familien gehört, und deswegen thematisieren wir den Begriff Familie auch häufiger.“

Was sich ein wenig wie Bullerbü liest, ist kein Konstrukt, sondern entstammt spontanen Ideen der drei Deine-Freunde-Macher. Zumal das Trio aus den jeweiligen Arbeitserfahrungen seiner Mitglieder weiß, dass vor allem Kinder eine feine Antenne dafür haben, „wenn sich jemand pseudomäßig auf ihre Seite schlagen will“, wie Sump anmerkt.

Auf dem neuen, dem vierten Album „Keine Märchen“ emanzipieren sich Deine Freunde deshalb endgültig vom Etikett „Kindermusik“. Stattdessen verfeinern sie die Nische, die sie sich selbst geschaffen haben. Mit Humor und einer charakteristischen Form des Geschichtenerzählens.

Der Kreis schließt sich

Das Lied „Mein lieber Freund“ etwa entlarvt einen so klassischen wie hilflosen Spruch von Eltern: „Ich zähle bis drei! Eins, zwei, zweieinhalb, zweidreiviertel ...“ In „Fontanelle“ geht es um die noch nicht knorpelige Kopfstelle von Säuglingen mitsamt Saxofon-Solo. „Unsere Fans“ ist eine Hymne an alle, die ständig noch nicht ins Bett gehen wollen, immer am Wackelzahn pulen und Fantasie haben statt einen Masterplan.

Dass Deine Freunde derlei Lyrik nicht kindgerecht vortragen, sondern im Duktus der echten, großen Rapper, lässt sie für die, die verstanden werden wollen, aber sich oft unverstanden fühlen, zu echten Freunden werden. Und damit schließt sich dann auch wieder der Kreis zu den Großen, denen Musik mindestens so oft Trost und Freund ist wie den Kleinen.

„Wenn man Kinder anspricht, darf man nie vergessen, dass man zu Charakteren redet“, sagt Sump. „Die haben natürlich noch ein großes Stück Findungsphase vor sich. Aber die erleichtert man ihnen nicht, indem Erwachsene eine Welt um sie herum aufbauen, die sie, die Erwachsenen, für kindgerecht halten. Wenn wir Texte formulieren, sind wir bemüht, dem kleinen Menschen mit Respekt zu begegnen.

Das ist ganz einfach. Für uns sind Kinder nicht die Naiven, sondern Charaktere, von denen man viel lernen kann, wenn man ihnen zuhört. Zum Beispiel die Buntzeichnung der Welt, die wir Erwachsene gerne grau und schlecht malen.“