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New York/München: Darf ein TV-Mörder sympathisch sein?

New York/München : Darf ein TV-Mörder sympathisch sein?

Darf ein Serienmörder im Fernsehen sympathisch rüberkommen, vielleicht sogar die Zuschauer zu Komplizen im Geiste machen? Mit dieser Frage muss sich derzeit der Abo-Sender Premiere auseinandersetzen. Am Donnerstag startet der Münchner Programm-Anbieter die amerikanische Serie „Dexter”, die in den USA bereits eine heftige Diskussion über das brisante Thema Serienkiller ausgelöst hat.

Kritiker fürchten, dass durch die „Glorifizierung” eines Mörders ein neuer moralischer Damm bricht. Für das frei empfangbare Fernsehen hat RTL II die Rechte an „Dexter” erworben.

Dexter Morgan, der Held der Serie, ist Mordexperte beim Miami Police Department. Tagsüber analysiert er fachmännisch die Blutspuren von Gewalttaten, doch nachts ändert er sein Gesicht: Hinter dem netten und unauffälligen Polizisten verbirgt sich ein eiskalter Killer, der auf eigene Faust freigesprochene Mörder und Verbrecher hinrichtet. Gespielt wird der Mann von „charming boy” Michael Hall (37), der für seine darstellerische Leistung bereits zwei Mal für einen Golden Globe Award nominiert wurde.

Solange die inzwischen mehrfach preisgekrönte Serie im Kabelkanal Showtime lief und damit eher ein Nischendasein fristete, galt sie als Geheimtipp für die Fans von schlagfertigem, schwarzen Humor. Doch während des Streiks der Hollywood-Autoren entschloss sich der landesweite Sender CBS, das erfolgreiche Programm seiner Kabel- Tochter zu übernehmen - der Nachschub an handelsüblichen Serien war ausgegangen. Am 17. Februar startete „Dexter” im frei empfangbaren Fernsehen und lockte auf Anhieb mehr als acht Millionen Zuschauer vor die Bildschirme. „Sehen Sie Amerikas Lieblings-Serienkiller”, heißt die Werbung.

Bei den Kritikern brach ein Sturm der Entrüstung los. Wortführer ist ein „Parents Television Council” (www.parentstv.org), eine selbsternannte Gruppe konservativer Medienwächter, die schon mehrfach Kampagnen gegen Gewalt und Sex im Fernsehen gestartet hat. „Unsere Gesellschaft braucht keine Serie, die einen sadistischen Serienkiller glorifiziert”, wetterte Vereinspräsident Tim Winter und forderte zu einem Werbeboykott von CBS auf. „Diese Serie bringt Zuschauer dazu, mit einem Serienmörder zu sympathisieren, ihn anzufeuern und zu hoffen, dass er nicht entdeckt wird.”

Der Sender wies die Kritik zurück. Die Serie entspreche den Vorschriften, betonte CBS-Unterhaltungschefin Nina Tassler laut „New York Times”. Ihr Showtime-Kollege Robert Greenblatt sekundierte: „Es ist eine erfundene Geschichte. Ich glaube, die Leute verstehen das.” Auch auf den Medienseiten der Zeitungen und in den Internetblogs fanden sich zahlreiche Fürsprecher. „Obwohl Dexter offensichtlich krank ist - und das freimütig zugibt - seine Serie ist es nicht”, urteilte „USA Today”. Und ein Blogger schrieb: „Ich liebe Dexter, weil er so ist wie wir alle. Der einzige Unterschied: Er tötet Menschen. Aber wenigstens sind es schlechte Menschen.”

Premiere ging vorsichtshalber auf Nummer sicher: Noch vor Beginn der Serie bot der Sender ein viertägiges Special „Schöner Morden” an, in dem das Thema mit klassischen Spielfilmen, Dokumentationen und einem Expertengespräch gründlich aufbereitet wurde. Und eine eigens beim Meinungsforschungsinstitut Forsa in Auftrag gegebene Umfrage ergab, dass die Deutschen nach eigener Einschätzung nicht anfällig sind für Sympathie mit einem Killer, der andere Killer killt: 82 Prozent halten sich für immun, nur elf Prozent können sich ein solches Gefühl vorstellen. dpa nw xx a3 cr