1. Panorama

Kommentar zum britischen Königshaus: Charles III. wird behutsam vorgehen müssen

Kommentar zum britischen Königshaus : Charles III. wird behutsam vorgehen müssen

Die offizielle Choreographie der nächsten zehn Tage ist akribisch geplant und deutet auf eine sich immer weiter steigernde Intensität der Trauer hin. Platz für Visionen ist da nicht.

Der plötzliche Tod von Queen Elizabeth II. hat die britische Nation in tiefe Trauer gestürzt. Vor den Toren des Buckingham Palastes in London versammelten sich am Donnerstagabend, kurz nachdem die Nachricht vom Ableben der Queen im fernen Schottland kam, die ersten Menschen mit Blumengebinden und Grußkarten.

Am Freitag strömten immer mehr Briten zur Residenz, um ihr Beileid auszudrücken. Der Palast wird jetzt zum Epizentrum einer gewaltigen kollektiven Erschütterung. Es ist abzusehen, dass die zehntägige öffentliche Trauerzeit, die am Freitag begann, frenetische Ausmaße annehmen wird. Nachdem der „Royal Train“ die sterblichen Überreste vom schottischen Schloss Balmoral nach London gebracht hat, wird der Sarg öffentlich aufgebahrt werden.

Hunderttausende Briten werden nach London pilgern, um der Queen die letzte Ehre zu erweisen, bevor dann am Tag Zehn nach ihrem Tod die Beisetzung stattfindet: Die offizielle Choreographie dieser zehn Tage, akribisch geplant und als „Operation London Bridge“ bekannt, deutet auf eine sich immer weiter steigernde Intensität der Trauer hin.

Da wird der neue König Charles III. ganz vorsichtig agieren müssen. Parallel zu „Operation London Bridge“ findet ja „Operation Spring Tide“ statt, womit die Thronbesteigung von Charles gemeint ist und die die konstitutionellen Aspekte regelt und eine Tour des neuen Staatsoberhaupts durch das gesamte Königreich beinhaltet.

Doch Charles weiß: Er darf sich nicht in den Vordergrund drängen. Jetzt zum Beispiel von seiner Vision zu sprechen, wie seine Regentschaft aussehen soll, wäre pietätlos. Dazu ist später Zeit. Jetzt geht es darum, die Menschen in ihrem Seelenschmerz und Kummer zu verstehen und zu begleiten.

Charles weiß auch: Ein solch epochales Ereignis wie der Tod der längstdienenden Monarchin auf dem britischen Thron kann zu einer Bruchstelle für die Monarchie selbst werden. Denn die Queen war universal populär, doch Charles ist es nicht. In vielen der 15 Nationen, diesen ehemaligen Kolonien und Kronbesitztümern, deren Staatsoberhaupt die Queen gewesen ist, wird jetzt eine Diskussion beginnen, ob Charles III. ihre Rolle übernehmen oder man lieber eine Republik werden soll.

Auch im Mutterland selbst ist er nicht unumstritten. Setzt er einen Fuß falsch, trifft er den falschen Ton, werden schnell wieder Zungen laut, die einen Thronwechsel zugunsten seines viel populäreren Sohnes Prinz William fordern. Auch den politischen Aktivismus, den Charles während seiner Zeit als Thronfolger gern betrieben hat, wird er drosseln müssen. Zwar war sein Einsatz für biodynamischen Landbau oder alternative Medizin, für die Regenerierung der Innenstädte oder die Verständigung mit dem Islam nicht parteipolitisch brisant, aber seine Opposition gegen den Irak-Krieg oder gegen genmodifizierten Mais durchaus.

Damit sollte jetzt Schluss sein. Charles III. tritt ein schweres Erbe an, weil seine Vorgängerin so einzigartig war. Die Fußstapfen, in die er tritt, sind riesig.