Siegburg: Buchvorstellung: Das Herz der Finsternis liegt in der Provinz

Siegburg: Buchvorstellung: Das Herz der Finsternis liegt in der Provinz

Sätze wie diesen hat man in der deutschsprachigen Literatur lange nicht gelesen. Sätze mit der Wirkung eines ansatzlos geschlagenen Leberhakens — lakonisch, trocken, schmerzhaft. Klar, die Amerikaner, die können solche Sätze schreiben. Aber deutsche Schriftsteller?

Doch, sie können, oder präziser: Sven Heuchert kann. Die deutsche Literaturkritik ist darüber schier in Verzückung geraten. Sie hat „Dunkels Gesetz“, Heucherts Roman, in dem sich dieser Satz ziemlich am Ende findet, ausgiebig und eigentlich unisono gefeiert. „Der Spiegel“ nahm ihn sogar in seine Liste der 25 wichtigsten Romane der Saison auf. Nicht schlecht für das Debüt eines 40-jährigen Hörgeräteakustikmeisters aus Siegburg, der morgens um 9 Uhr das Geschäft aufschließt.

Wobei — und man sollte auch hier präzise sein, weil auch Heuchert in seinem Schreiben so viel Wert auf Präzision legt: „Dunkels Gesetz“ ist sein Debüt als Romancier; Kurzgeschichten hatte er zuvor bereits in Literaturzeitschriften veröffentlicht, gebündelt dann in dem Band „Asche“ im kleinen Siegburger Bernstein Verlag. Ein paar Insider waren darauf aufmerksam geworden; Heuchert war also nicht gänzlich unbekannt, als ihn der Ullstein Verlag unter Vertrag nahm.

Der bewirbt den Roman auf seiner Homepage so: „Ein moderner Noir — für alle Fans von großer Spannungsliteratur, geschrieben in den Zeiten von ,True Detective‘ und ,Breaking Bad‘“. Das ist reichlich marktschreierisch, und mit den beiden US-Kultserien hat das Buch nichts zu tun — weder inhaltlich noch formal. Aber so ist das Geschäft. Heuchert hat das akzeptiert, auch wenn ihm die Schubladen, in die die Kritiker sein Buch gesteckt haben, nicht gefallen. „Dunkels Gesetz“ ist kein Thriller und schon gar kein Kriminalroman. „Dunkels Gesetz“ ist mehr. Nämlich große Literatur, die für sich selbst steht.

Das tut sie auch, weil sie nichts erklärt. Heuchert erzählt die beinharte Geschichte vom Ex-Söldner Dunkel, der in einem von allen guten Geistern verlassenen Kaff als Wachmann für eine stillgelegte Zinn- und Bleigrube anheuert und dabei mit seinen eigenen Dämonen, einem gescheiterten Drogendeal, nachtfinsteren Gestalten und geplatzten Illusionen konfrontiert wird, gänzlich ohne Psychologie. Keine Metapher, keine Innenansicht, nur Oberfläche. Die Sprache ist extrem verdichtet, der Stil minimalistisch, der Erzähler verschwindet völlig. Atmosphäre entsteht allein aus der überaus kundigen und detaillierten Beschreibung der Umgebung. Heuchert weiß immer ganz genau, wovon er schreibt.

An der Grenze, irgendwo

Der Verlag hat Altglück, dieses unglückselige Dorf, in dem die Geschichte, an deren Ende es unweigerlich Tote geben wird, ihren Lauf nimmt, an der deutsch-belgischen Grenze verortet. Das stimmt nicht ganz, weil das im Roman selbst nirgendwo so steht. Ist aber auch egal.

Altglück, das könnte überall in der rheinischen Provinz sein. Das konkrete Vorbild liegt ein paar Kilometer von Siegburg entfernt, hier hat es auch mal Mienen wie die im Roman gegeben. Das aber einen Regionalkrimi zu nennen, wäre völlig deplatziert. Rheinisch sind allein die Natur, die Wälder, Täler und Pflanzen, das geologische Setting. Der Rest ist allgemeingültig.

Ein „Western aus strukturschwachen Gegenden“ hat ein Kritiker das Buch begeistert genannt. Doch Altglück ist nicht strukturschwach, sondern längst abgeschrieben, selbst von den Menschen, die hier noch leben. Es gibt eine Tankstelle, in der mehr Schnaps (Zinn 40!) und Zigaretten als Benzin verkauft werden. Es gibt das „Walterchen“, eine Kneipe, die tatsächlich ein Puff ist. Es gibt ein paar Häuser, die sich gegenüberstehen „wie in die Jahre gekommene Feinde. Windschief, verwittert, nur noch aufs Ende wartend“. Platz für Hoffnung bleibt da nicht. Und manchmal fließt Blut.

Kein Buch für schwache Nerven also. Aber eins mit Haltung. Nämlich der, dass es nichts nützt, groß zu lamentieren über das Elend der Welt und das eigene. Aufstehen, weitermachen, sich dem Leben stellen: Das allein zählt. So handelt der Ex-Söldner Dunkel, und er ist bereit, die Konsequenzen zu tragen.

Dass jemand, der solche Bücher schreibt, mit amerikanischer Literatur sozialisiert wurde, wird nicht verwundern. Für Heuchert sind Schriftsteller wie Raymond Carver, Pete Dexter, Beth Nugent oder Leonard Gardner Fixsterne am literarischen Himmel. Doch er ist kein Epigone, sondern hat einen ganz eigenen Sound entwickelt. Den hat er sich hart erarbeitet.

Heuchert, ein kompakter Mann mit Schiebermütze und ohne alle Allüren oder gar Tendenzen zu Selbstinszenierung, entstammt einer „Malocherfamilie“, wie er selbst sagt. Gelesen wurde nicht viel, schon gar keine „schöngeistige“ Literatur. Nach der mittleren Reife hat er eine Handwerksausbildung gemacht. Er selbst beschreibt seinen Werdegang auf seiner Homepage so: „Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Lehre, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ,Zinn 40‘ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen.“

„Ich bin Rockmusiker“

Dazwischen gab es viel Musik und gibt es sie immer noch. „Ich bin Rockmusiker“, sagt Heuchert selbst. Es gab einen Mentor, der ihn dazu ermutigte, selbst zu schreiben — zuerst Songtexte, dann Lyrik, dann Prosa —, es gab einen Kreis von literaturbegeisterten Menschen, die ihre eigenen Schreibversuche untereinander diskutierten und scharf kritisierten. Das hat ihn geprägt.

Mittlerweile lebt und arbeitet Heuchert wieder in seiner Geburtsstadt. Er legt Wert auf die Feststellung, dass ihn der Erfolg als Schriftsteller nicht verändert hat und nicht verändern wird. Wenn man mit ihm vor einem Café auf dem Siegburger Markt sitzt, kann es passieren, dass er viel und überaus freundlich gegrüßt wird.

Ein „normales“ Leben lebe er hier, sagt er, das er aber irgendwie mit der kräftezehrenden Arbeit am Manuskript unter einen Hut gebracht hat. Ein Jahr lang hat er jeden Tag an „Dunkels Gesetz“ geschrieben. „Im Kopf habe ich mich eigentlich immer mit dem Text beschäftigt.“

Und doch: Mit dem Erfolg des Romans, den er „so nicht erwartet hat“, ist Heuchert im Literaturbetrieb angekommen. Er war als Gast auf der Frankfurter Buchmesse und wurde am Stand der „Zeit“ interviewt. Ein Reporter der Berliner „taz“ ist ihm einen Tag lang durch Siegburg gefolgt und hat sich dabei auch von seiner stattlichen Bourbon-Sammlung inspirieren lassen. Es gab die euphorischen Kritiken. Das ihm das alles schmeichelt, will Heuchert nicht abstreiten. Wohl aber, dass ihn das nachhaltig beeindrucken wird. „Ich habe meinen Beruf, das macht mich unabhängig.“ Er muss und will deshalb nicht so viele Kompromisse machen, wie das vielleicht andere Autoren, die von ihrem Schreiben leben müssen, tun. Sein neuer Erzählband wird wieder bei dem Siegburger Kleinverlag erscheinen, in dem schon „Asche“ erschienen ist. Seinen nächsten Roman wird wieder Ullstein herausbringen — voraussichtlich erst 2019.

Ansonsten wird er weiter morgens um 9 Uhr das Geschäft aufschließen. „Ich bin beides. Sven Heuchert, der Schriftsteller, und Sven Heuchert, der Handwerksmeister“, sagt er. „Warum soll ich eine Rolle spielen, die ich nicht bin? Man ist etwas, oder man ist es nicht.“

Sven Heuchert: „Dunkels Gesetz“ Ullstein, 192 Seiten, 14.99 Euro.

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