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Berlin: Bleierne Zeit: Was der Terrorismus mit uns macht

Berlin : Bleierne Zeit: Was der Terrorismus mit uns macht

Viele erinnern sich noch, andere kennen nur Filme über die RAF. „Deutschland im Herbst”, „die bleierne Zeit”: Der Höhepunkt des Terrors der linksextremistischen Rote Armee Fraktion fiel in das Jahr 1977. Fast 40 Jahre ist es her, und plötzlich werden angesichts der aktuellen Furcht vor islamistischen Anschlägen Parallelen gezogen.

In den Dezember-Tagen, in denen Menschen in Deutschland zögerten, sich für Glühwein und Lebkuchen ins Getümmel der Weihnachtsmärkte zu stürzen, waren die Unterschiede zu den 70er Jahren zunächst offensichtlich. Ziel der Linksterroristen damals waren Repräsentanten des Staates und der Wirtschaft, der Generalbundesanwalt, Vertreter eines ihnen verhassten Systems. Allerdings gab es auch Ausnahmen, etwa die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut”, die das Leben unbeteiligter Touristen bedrohte.

Der deutsche Herbst - das waren die Terroraktivitäten der zweiten RAF-Generation. Ihr Ziel war es, die Gefangenen um Andreas Baader in Stuttgart-Stammheim freizupressen. Generalbundesanwalt Siegfried Buback wird am 7. April in Karlsruhe erschossen, Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto am 30. Juli in Oberursel. In Köln verschleppt ein RAF-Kommando am 5. September Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer, dabei sterben dessen vier Begleiter.

Am 13. Oktober kapern palästinensische Terroristen den Lufthansa-Linienflug von Palma de Mallorca nach Frankfurt. Trotz der kaltblütigen Erschießung des Flugkapitäns bleibt Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) hart und lässt das Flugzeug in Mogadischu von der Grenzschutz-Elitetruppe GSG 9 stürmen. Daraufhin begehen Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in Stammheim Selbstmord. Schleyers Leiche wird im elsässischen Mühlhausen gefunden.

Damals reagierte der Staat mit aller Härte, Helmut Schmidt sagte, man müsse an die „Grenzen des Rechtsstaats” gehen. Vielen gilt er deshalb noch heute als Vorbild. Der Sicherheitsberater Wolfgang Petri, selbst 16 Jahre lang Kriminalpolizist, erinnert sich noch an die 70er Jahre: „Buback, Ponto, Schleyer, der nächste ist ein Bayer.” Mit dem Kampfruf der RAF sei damals Franz Josef Strauß gemeint gewesen.

Petri fordert, aus der damaligen Erfahrung Lehren zu ziehen. „Alle müssen sich zusammentun wie seinerzeit bei Helmut Schmidt.” Für den Terrorexperten ist klar, was notwendig ist: „In erster Linie brauchen wir Geld, die Polizeipräsenz wurde doch überall heruntergefahren.” Dagegen verfügten Terroristen über fast unerschöpfliche Mittel. Und so groß seien die Unterschiede zwischen damals und heute nun auch wieder nicht: „Gewalt und Grausamkeiten waren damals da und sind heute da.”

Die bleierne Zeit. Man kann das lesen als Inbegriff der gesellschaftlichen Erstarrung, der trüben Bewegungslosigkeit, auch der Angst. Das Wort stammt aus einem Gedicht von Friedrich Hölderlin: „Trüb ists heut, es schlummern die Gäng und die Gassen und fast will mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.” Margarethe von Trotta, die den gleichnamigen Film 1981 gemacht hat, bezog den Titel eher auf die 50er Jahre, in denen ihre beiden Protagonistinnen, die Schwestern Gudrun und Christiane Ensslin, aufgewachsen sind.

„Entweder man erstickt darin oder man befreit sich gewaltsam. Und das tun die beiden Frauen schließlich, wenn auch auf sehr verschiedene Weise”, erklärte Trotta. Später wurde der Begriff „bleierne Zeit” anders interpretiert, „anni di piombo” hieß es auf Italienisch: Gemeint waren die Projektile der Terroristen, der RAF hier und der Brigate Rosse dort.

Mehr als 30 Menschen starben durch Anschläge der RAF, allerdings in zwei Jahrzehnten zwischen 1972 und 1993. Auch der frühere Innenminister Gerhard Baum (FDP) erinnert sich in diesen Tagen. „Es gab damals keine allgemeine Bedrohung, auch wenn Golo Mann vom Staatsnotstand gesprochen hat. Die Demokratie war nie ernsthaft in Gefahr, aber es gab hysterische Reaktionen bei Teilen der Presse und auch der Bürger.”

Die harte Reaktion des Staates war nicht unumstritten. „Ich muss selbstkritisch einräumen: Es gab eine sicherheitspolitische Aufrüstung, Gesetze wurden geändert, die Strafprozessordnung, neue Fahndungsmethoden eingeführt, auch nicht Verdächtige wurden einbezogen”, sagt Baum der Deutschen Presse-Agentur. Später mussten „Reparaturarbeiten” am Rechtsstaat ausgeführt werden, sagt Baum, der von 1978 bis 1982 unter Schmidt Minister war.

Vergleiche zur aktuellen Lage weist er zurück: „Heute wollen die Dschihadisten die Bevölkerung insgesamt verängstigen. Das war damals nicht so.” Baum rät zur Offenheit. „Die Wahrheit ist, dass wir uns nicht hinreichend schützen können. Da nützen keine falschen Versprechungen oder Symbolhandlungen.”

Damit setzt er sich ab vom aktuellen Amtsinhaber Thomas de Maizière, der nach der Absage des Fußball-Länderspiels in Hannover meinte, es würde die Menschen erschrecken, wenn er alle Erkenntnisse offen lege. „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern”, sagte de Maizière. Baum hält das für kontraproduktiv: „Die Art der Bedrohung würde ich schon offenlegen, keine Frage.” Viele Menschen hätten Angst. „Diese Angst können Sie nur bekämpfen mit der Wahrheit. Insofern liegt er (De Maizière) völlig falsch.”

Als Liberaler weiß Baum auch: „Untrennbar zur Freiheit gehört das Risiko”. Das sieht auch der Risikoforscher Ortwin Renn von der Uni Stuttgart so. Die Wahrscheinlichkeit, in Europa tatsächlich selbst von einem Terroranschlag betroffen zu sein, sei „extrem gering”, sagte Renn im Deutschlandradio Kultur nach den Pariser Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Januar. Das Risiko sei geringer, als an einer Pilzvergiftung zu sterben.

Die mediale Dauer-Wiederholung von Terroranschlägen oder anderen Katastrophen trägt nach Ansicht Renns auch zu einem übertriebenen Angstgefühl bei: Je mehr und je öfter ein Ereignis in der virtuellen Realität auftauche, „desto stärker haben wir den Eindruck, dass es auch um die Ecke ist”.

Terrorgefahr, Klimawandel, Flüchtlingskrise. Die aktuellen Nachrichten, Konferenzen und Debatten signalisieren alles andere als Entspannung. Dabei bräuchten wir genau die. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler sagt es „netzpolitik.org” so: „Wir müssen eine heroische Gelassenheit entwickeln. Denn es wird auch bei uns früher oder später einen Anschlag geben.” Und er erinnert an das entscheidende Moment des Terrorismus: „Die Macht der Terroristen erwächst aus unserer eigenen Angst.”

(dpa)