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London: Blaue Weihnacht: Britische Polizei setzt „Saufpasser” ein

London : Blaue Weihnacht: Britische Polizei setzt „Saufpasser” ein

Alle Jahre wieder: Die britische Weihnachtszeit ist nicht weiß, sondern blau vor Alkoholdunst. Diesmal jedoch hat sich die Polizei etwas Neues zur Eindämmung der Adventsbesäufnisse in den Pubs des Inselreichs einfallen lassen.

Undercover-Agenten verhängen Geldstrafen, wenn Wirte an bereits angetrunkene Gäste weiter Alkohol ausschenken. Pub-Betreiber laufen Sturm gegen den Einsatz der polizeilichen „Saufpasser”.

„Diese Aktion zeigt doch, dass unsere Bürokraten dringend selbst mal einen anständigen Schluck brauchen”, sagt ein Sprecher des Verbandes der Unternehmen mit Alkohol-Lizenz (LVA). Besonders umstritten ist ein Katalog von Kriterien, der den verdeckten Kontrolleuren in insgesamt 1500 nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Pubs helfen soll, die Grenzüberschreitung vom geselligen Trinken zum „Komasaufen” zu verhindern.

Die Kriterien wurden vom Innenministerium abgesegnet und an alle 90 Polizeireviere verteilt, die an der vorweihnachtlichen „Kampagne zur Sicherung eines verantwortungsvollen Alkoholausschanks” beteiligt sind. Die Undercover-Kontrolleure dürfen sofort Geldbußen von 80 Pfund (115 Euro) verhängen. In besonders schweren Fällen sollen sie die Staatsanwaltschaft einschalten. Zu achten haben sie bei Schluckspecht-Verdacht unter anderem auf „spürbare Veränderungen im Benehmen”, heißt es in der ministeriellen Entscheidungshilfe.

Dazu gehört, dass ein Gast „ungestüm” wird oder „nicht mehr deutlich spricht”. Ein Alarmzeichen sei es auch, wenn der Pub- Besucher „schnell und wettbewerbsähnlich trinkt”, wenn er „unvorsichtig mit Geld hantiert, andere Personen belästigt oder unangemessene sexuelle Gesten vorführt”. Hartes Einschreiten sei geboten, wenn jemand bereits „torkelt, auf das Mobiliar fällt, Drinks verschüttet” oder wenn er „schläfrig und gedankenlos ist, nicht mehr versteht, was gesagt wird und glasige Augen hat”.

„Wenn man alle diese Kriterien auf einen durchschnittlichen britischen Pub anwendet”, sagt der LVA-Sprecher, „dann könnte ja fast jeder Gast rasch als Betrunkener eingestuft werden.” Und die Fachzeitschrift „The Publican” - das Zentralorgan der Pub-Betreiber - meint: „Trunkenheit kann man nicht mit ein und derselben Elle messen. Sie ist so subjektiv und so anfällig für Fehlinterpretationen, dass diese Kriterien völlig nutzlos sind. Vor Gericht könnten sie wohl niemals bestehen.”

Unzweideutig sind hingegen die Zahlen des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS. Der warnte zum Beginn der diesjährigen weihnachtlichen Pub-Partys vor einem weiteren Anstieg von Alkoholvergiftungen und alkoholbedingten Verletzungen. Seit vor zwei Jahren in England die 23.00-Uhr-Sperrstunde gefallen sei, habe sich die Zahl alkoholbedingter nächtlicher Notaufnahmen in den Krankenhäusern um 16 Prozent erhöht - und die Tendenz sei weiter steigend.

Angesichts dessen mehren sich Stimmen, die von Premierminister Gordon Brown die Wiedereinführung der Sperrstunde fordern. „Der enorme Anstieg von nächtlichen Alkohol-Notfällen ist nur die Spitze des Eisbergs”, sagt Geoff Pope, Gesundheitsbeauftragter des Londoner Stadtparlaments. „Alkoholmissbrauch verursacht im staatlichen Gesundheitswesen immer höhere Kosten.”

Zu jenen, die vor der Aufhebung der Sperrstunde gewarnt hatten, gehörte auch Tony Booth, der Schwiegervater des damaligen Premierministers Tony Blair. „Falsch, irrsinnig und furchtbar gefährlich” sei der Wegfall aller Schankbeschränkungen, hatte Ex-Trinker Booth erklärt. Die Briten hätten nun einmal keine vernünftige Alkohol-Kultur: „Wir trinken auf primitive, Furcht erregende angelsächsische Art. Wir trinken, um besoffen zu werden.”