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Berlin: Billige Aushilfen arbeiten als „Streikbrecher” im Weihnachtsgeschäft

Berlin : Billige Aushilfen arbeiten als „Streikbrecher” im Weihnachtsgeschäft

Für acht Euro brutto ohne bezahlte Pausen schuftet die Studentin Christiane K. in den Weihnachtswochen an der Kasse eines großen Berliner Kaufhauses. Nach Abzug von Steuern und Abgaben bleiben ihr höchstens fünf Euro in der Tasche. Angeheuert wurde sie von einer Zeitarbeitsagentur, ohne Tarifvertrag.

Mit studentischen Aushilfen, Teilzeitkräften und Minijobbern stemmt der Einzelhandel wie in jedem Jahr das Weihnachtsgeschäft. In diesem Jahr werden
zusätzlich noch tausende von Hilfskräften herangezogen, um die Läden auch an den von ver.di ausgerufenen Streiktagen offen zu halten.

Seit Ende September wird in dem festgefahrenen Tarifkonflikt der Branche der Ausstand geprobt. Knackpunkt des Streits sind die Zuschläge für die Arbeit in den späten Abendstunden und an den Feiertagen. „Empfindlich stören” wollte ver.di auch das für die Kaufleute so wichtige Geschäft im Advent. Dazu liefen in den Dezemberwochen bundesweit zahlreiche Aktionen. Betroffen waren vor allem Filialen von Real, Schlecker, Extra, Aldi, H&M, Karstadt und Kaufhof.

Allein am dritten Adventssamstag beteiligten sich an den Streiks rund 6000 Beschäftigte in zehn Bundesländern. Von den Kunden blieb dieser Arbeitskampf allerdings weitgehend unbemerkt. Zwar spricht die Gewerkschaft von unbesetzten Frischetheken und langen Schlangen an den Kassen. Doch nach Angaben der Händler haben die Streiks oft keine nennenswerten Auswirkungen auf das Geschäft.

Mehr als 100.000 zusätzliche Kräfte werden in den Adventswochen ohnehin eingestellt, um den Ansturm auf die Läden zu bewältigen. Die Textilkette C&A hat gut 1500 Aushilfen zur Entlastung der Stammmitarbeiter angeheuert, in den Karstadt-Warenhäusern sind es rund 3000 zusätzliche Mitarbeiter. Und auch während der Streiktage „setzen die Unternehmen Himmel und Erde in Bewegung, damit die Kunden nicht die Leidtragenden sind”, betont Hubertus Pellengahr vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE). „Da geht dann auch mal ein leitender Angestellter an die Kasse.”

Laut Gewerkschaft holen die Händler während der Streiks auch Leiharbeiter und Mitarbeiter von anderen Unternehmen herbei. „Es ist frustrierend, auf der Straße für mehr Geld zu kämpfen, während hinterm Rücken sofort eine billige Aushilfe als Streikbrecher herangekarrt wird”, berichtet ein Betriebsratsmitglied der zur Metro gehörenden Supermarktkette Real.

Die Leiharbeiter sind außerdem häufig bei Unternehmen tätig, die Tarifverträge mit christlichen Gewerkschaften abgeschlossen haben. Dort ist laut ver.di der Anspruch, nicht als Streikbrecher eingesetzt zu werden, nicht präzisiert. Gegen die christlichen Gewerkschaften kämpft ver.di derzeit vor Gericht. Es werde noch geprüft, ob sie tariffähig seien, sagt eine ver.di-Sprecherin.

Hinzu kommt laut ver.di ein Heer von knapp 900.000 Minijobbern, das ein Großteil des Geschäfts in der Branche erledigt und für die nicht die Tarifverträge gelten. Die 400-Euro-Kräfte werden als Aushilfen oder Packerinnen eingestellt, sie sind flexibel einsetzbar und erhalten Niedriglöhne. „Oft bekommen sie gerade einmal fünf bis sechs Euro Brutto die Stunde, mir sind aber auch schon 2,50 Euro berichtet worden”, sagt ver.di-Sprecherin Erika Ritter.

Weit mehr als 100.000 Beschäftigte haben sich mittlerweile an den Streiks beteiligt. Die Zuschläge sind dabei nur ein Thema. Die Beschäftigten wollen zwischen 4,5 und 6,5 Prozent mehr Geld. Bewegung könnte in den festgefahrenen Konflikt durch den Vorstoß des Branchenriesen REWE kommen. Dieser gab in der vergangenen Woche eine einseitige Lohn- und Gehaltserhöhung bekannt. Die 80.000 Mitarbeiter des zweitgrößten deutschen Handelskonzerns sollen demnach vom 1. Januar an drei Prozent mehr Geld bekommen.

Die übrigen Unternehmen boten bislang nur 1,7 Prozent. ver.di fordert sie nun auf, dem Beispiel von REWE zu folgen. Ob es aber vor Weihnachten noch zu einer Lösung kommt, ist eher unwahrscheinlich. „Die Zeit wird langsam knapp”, betont Cornelia Haß von der ver.di- Bundeszentrale in Berlin.