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Interview mit Weltärzte-Präsident: „Bei 20.000 Infektionen am Tag droht ein Lockdown“

Interview mit Weltärzte-Präsident : „Bei 20.000 Infektionen am Tag droht ein Lockdown“

Der Weltärztepräsident fordert, Soldaten zum Testen einzusetzen und eine Maskenpflicht ab der 3. Klasse. Das Impfen der Bevölkerung werde zwei bis drei Jahre dauern. Antje Höning führte das Gespräch mit Frank-Ulrich Montgomery.

Angesichts des sprunghaften Anstiegs der Infektionszahlen ist Frank-Ulrich Montgomery ein gefragter Mann. Bis 2019 war der Hamburger Radiologe der deutsche Ärzte-Präsident. Inzwischen ist er Weltärzte-Präsident. Wir telefonieren mit ihm zwischen zwei Terminen.

Die Infektionszahlen steigen auch in Deutschland an. Wie schlimm wird es?

Montgomery: Das hängt von uns allen ab. Wenn wir disziplinierter werden, auf Abstand und Hygiene achten, können wir das rasante Wachstum abbremsen. Ansonsten droht uns in Deutschland tatsächlich ein Anstieg auf 20.000 Infektionen am Tag, wie die Kanzlerin gewarnt hat.

Was würde das für das deutsche Gesundheitssystem bedeuten?

Montgomery: Aktuell ist die Lage für Krankenhäuser, Arztpraxen und Gesundheitsämter beherrschbar. Bei 20.000 Neuinfektionen am Tag aber gerät die Lage außer Kontrolle. Dann wäre es für Gesundheitsämter nicht mehr möglich, die Infektionsketten nachzuverfolgen und zu unterbrechen. Dann droht uns ein zweiter Lockdown, weil sich das Virus anders nicht mehr bremsen lässt. Das müssen wir vermeiden.

Schon jetzt haben wir Infektionszahlen wie im Frühjahr …

Montgomery: Wir sind aber klüger als im Frühjahr. Bei lokalen Ausbrüchen müssen wir konsequent reagieren. Darum ist es genau richtig, dass der Landkreis Berchtesgaden nun einen lokalen Lockdown verhängt hat. So sollten bundesweit alle Orte mit solchen Inzidenzwerten reagieren. Das hilft, das exponentielle Wachstum der Infe ktionszahlen zu stoppen.

Sind das nicht schwerwiegende Eingriffe in die Grundrechte? Im Bundestag wird bereits wieder mehr Mitsprache gefordert.

Montgomery: Das Infektionsschutzgesetz gibt der Exekutive weitgehende Eingriffsrechte, das war übrigens schon vor Corona der Fall. Aus gutem Grund. Wenn wir die Pandemie bekämpfen wollen, müssen wir rasch reagieren können. Langwieriges Pingpong zwischen Regierung und Opposition können wir uns nicht leisten.

Welche Noten geben Sie der Pandemiebekämpfungs-Politik?

Montgomery: Kanzlerin Merkel und Bundesgesundheitsminister Spahn machen ihre Sache sehr gut. Sie haben früh den Ernst der Lage erkannt und handeln statt nur zu reagieren. Bei den Ministerpräsidenten, die sich auch noch einen Wettstreit der Eitelkeiten liefern, lautet die Zeugnisbewertung dagegen: „Versetzung gefährdet“.

Sie spielen auf Markus Söder und Armin Laschet an …

Montgomery: … aber auch auf Daniel Günther, den Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein. Dass Hamburger dort nicht mehr auf dem Deich spazieren durften, war ebenso lächerlich wie das Beherbergungsverbot. Kleinteilige Regelungen, die immer wieder geändert werden und inkonsistent sind, verwirren nur die Bevölkerung und schüren den Unmut. Wir brauchen bundeseinheitliche Regelungen, die dann je nach Infektionsgeschehen regional angewendet werden.

Brauchen wir eine bundesweite Maskenpflicht?

Montgomery: Ja, aber die sollte nur für Orte gelten, wo Abstände nicht eingehalten werden können. Im Wald in Mecklenburg-Vorpommern muss man keine Maske tragen, in belebten Einkaufsstraßen schon. Hier sollten wir an die Eigenverantwortung der Menschen appellieren. Italien macht es vor, hier sind die Menschen sehr disziplinier t.

Was ist mit den Schulen? In Ländern wie NRW gehen nun die Ferien zu Ende.

Montgomery: Schulen und Kitas müssen wir so lange wie möglich offen halten. Eine generelle Schulschließung müssen wir unbedingt vermeiden. Weder Kinder noch Eltern können den Winter im Homeschooling verbringen. Eine bundesweite Maskenpflicht für alle Schulen, etwa ab Klasse drei, kann helfen, Schulschließungen zu verhindern.

Zu Beginn der Pandemie haben Sie die Sinnhaftigkeit der Masken noch anders gesehen …

Montgomery: Ich habe kritisiert, dass die Politik Masken vorschreiben wollte, obwohl es noch gar nicht genug gab und die Sinnhaftigkeit nicht erwiesen war. Inzwischen wissen wir aus vielen Studien, dass Alltagsmasken eine Infektion zwar nicht verhindern können, aber die Gefahr der Ansteckung senken.

Beim Testen stoßen wir an Grenzen. Die niedergelassenen Ärzte klagen schon jetzt über die hohe Belastung durch Tests.

Montgomery: Viel testen hilft, Infektionsketten zu stoppen. Man kann nicht Tage auf einen Testtermin warten, wie es in Berlin manchmal der Fall ist. Um den Ausbau der Kapazitäten zu erhöhen, könnte man die Bundeswehr stärker einsetzen. Schon jetzt helfen Soldaten den Gesundheitsämtern beim Telefondienst, um Infektionsketten zu verfolgen. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr könnte noch viel stärker in Testzentren eingesetzt werden. Auch ein Abstrich muss professionell gemacht werden, sonst ist er wertlos. Ich halte nichts von Selbstabstrichen, die Menschen gehen alleine nicht weit genug in Rachen oder Nase, weil dies unangenehm ist.

Alle hoffen auf den Impfstoff. Ist die Pandemie vorbei, wenn er kommt?

Montgomery: Die Impfung ist kein Allheilmittel. Die Weltgesundheitsorganisation rechnet mit ein em Impfstoff Mitte 2021. Doch bis die gesamte Bevölkerung geimpft ist, wird es zwei, drei Jahre dauern. Für eine Impfung aller auf einen Schlag gibt es weder genug Dosen noch genug Personal. Wir müssen noch über Jahre mit dem Virus leben und damit umgehen: Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen.

Was bedeutet das für Reisen? Wird der Sommer 2021 wieder normal?

Montgomery: Das Virus bleibt ein Thema für die nächsten Jahre. Auch 2021 werden wir keinen Sommerurlaub wie früher haben. Auch Touristen müssen mit dem Virus leben.

Was raten Sie bei der Grippeschutz-Impfungen?

Montgomery: Ich bin geimpft und rate jedem aus der Risikogruppe – Alte, Kranken, medizinisches Personal, Angehörige von Berufen mit viel Publikumsverkehr – sich impfen zu lassen. Wir müssen eine doppelte Belastung der Kliniken mit schweren Influenza- und Covid-Fällen ver meiden, sonst droht hier der Notstand.

Ärzte und Mediziner sagen, der Impfstoff sei knapp.

Montgomery: Das ist nur eine Momentaufnahme. Es war schon immer so, dass der Impfstoff nach und nach geliefert wurde. In der vergangenen Saison wurden bundesweit keine 15 Millionen Dosen verimpft, nun haben wir 26 Millionen Dosen. Wer die Corona-Regeln einhält, schützt sich übrigens auch vor Influenza.