1. Panorama

Baumversteher Wohlleben auf der Leinwand und bei der EU-Kommission

„Das geheime Leben der Bäume“ : Baumversteher Wohlleben auf der Leinwand und bei der EU-Kommission

Baumeltern mit Kindern, kuschelnde Bäume mit Schmerzen: Der Buchautor Peter Wohlleben erklärt mit Bestsellern wie „Das geheime Leben der Bäume“ den Wald. Nun tut er das auch im Kino und auf politischer Bühne. Kritiker werfen ihm Vereinfachungen und Verzerrungen vor.

Ein Förster in der Eifel fängt an aufzuschreiben, was er Waldbesuchern erzählt. Buch um Buch verfasst er. Peter Wohllebens 16. Werk wird schließlich ein in viele Sprachen übersetzter Weltbestseller: „Das geheime Leben der Bäume“. Am Donnerstag (23. Januar) kommt es als gleichnamiger Film in die Kinos.

Der 55-Jährige, baumlang und bärtig, hat inzwischen sechs weitere Bücher veröffentlicht. Viermal im Jahr erscheint seine Zeitschrift „Wohllebens Welt“. Bei einem Waldgipfel der Grünen hat er gesprochen, bei der EU-Kommission in Brüssel ist er Anfang Februar eingeladen. In den Rummel mischt sich aber auch Kritik: Wohlleben vereinfache und verzerre die Wirklichkeit. Er weist diese Vorwürfe zurück.

Stürme, Hitze und Dürre infolge der Klimakrise schaden dem Wald und bringen ihn in die Schlagzeilen. Das könnte das Interesse an Wohllebens Erklärungen weiter anheizen. Laut dem Präsidenten der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW), Hans-Georg von der Marwitz, trifft er „den Nerv einer Zeit, in der viele Menschen immer weniger Zugang zur Natur haben. In Zeiten der Überforderung durch Digitalisierung und durch rasante technologische Veränderungen verstärkt er die Sehnsucht nach einer heilen Welt.“

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Wohllebens 96-minütiger Kinofilm entführt die Zuschauer hautnah in die Natur im In- und Ausland. Unter der Regie von Jörg Adolph („Elternschule“) begleitet die Kamera Wohlleben eineinhalb Jahre lang. Er spricht in Talkshows und auf der Frankfurter Buchmesse, reist zu einem der weltweit ältesten Bäume nach Schweden sowie nach Kanada, wo Indianer gegen die Abholzung eines Waldes protestieren. Wohlleben, der gern lacht, nennt die Dreharbeiten „eine verrückte Erfahrung“. Und sagt: „Es gab auch drei andere große Filmunternehmen, die mein Buch ‚Das geheime Leben der Bäume’ verfilmen wollten.“

Der 1,98-Meter-Mann mit Brille wollte nach eigenen Worten schon als Sechsjähriger Naturschützer werden. 1992 übernimmt er in der Eifel ein Revier im Dienste des Landes Rheinland-Pfalz. Er verausgabt sich, gerät in Konflikt mit der konventionellen Forstwirtschaft, bekommt einen Burnout, kündigt 2006, will mitsamt Familie erst nach Schweden auswandern, wird dann aber Gemeindeförster ohne Korsett des Landes.

Er sei immer noch stellvertretender Revierleiter im Wald des Eifeldorfs Wershofen, sagt Wohlleben. „Da wohne ich auch weiterhin in einem alten Forsthaus.“ Bei seiner Waldakademie in Wershofen sei er inzwischen „finanziell völlig raus – sie wird von meinen zwei Kindern und einer Forstkollegin betrieben“. Der Bestseller-Förster bietet hier aber auch noch Kurse mit eigenen Erklärungen an. Das Erscheinen eines neuen eigenen Bandes zu Baumforschungen und ein weiteres Kinderbuchs plant er nach eigenen Worten 2021.

Komplexe Zusammenhänge schildert er anschaulich in vermenschlichter Form. So mahnt er in seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume“: „Wer weiß, dass Bäume Schmerz empfinden und ein Gedächtnis haben und dass Baumeltern mit ihren Kindern zusammenleben, der kann sie nicht mehr so einfach fällen und mit Großmaschinen zwischen ihnen herumwüten.“ Besser sei es, traditionelle „Rückepferde“ einzelne gefällte Stämme bodenschonend zu den Forstwegen ziehen zu lassen.

Kritik an Wohlleben

Der Göttinger Forstprofessor Christian Ammer und sein Freiburger Kollege Jürgen Bauhus halten Wohlleben zwar zugute, als „ausgesprochen guter Geschichtenerzähler“ das Interesse am Wald zu steigern und auf dessen Verletzlichkeit hinzuweisen. Zugleich kritisieren sie aber, er mache für die Bedrohung der Bäume nur die Forstwirtschaft verantwortlich. „Die wahren Gefährdungen des Waldes durch den Klimawandel, den Landschaftsverbrauch und die Zersiedlung, durch eingeschleppte Schädlinge und Krankheiten sowie invasive Arten, alles Faktoren welche die gesamte Gesellschaft mit ihrer Lebensweise zu verantworten hat, werden geschickt ausgeblendet.“

Ammer und Bauhus zeigen sich betroffen, dass jemand „mit Verzerrungen, Auslassungen und Halb- und Unwahrheiten einen so großen Erfolg haben kann, nur, weil er Emotionen trifft und keiner hinterfragt, ob das alles wirklich sein kann“.

Auch Waldbesitzerpräsident von der Marwitz sieht den Wald bei Wohlleben mythologisiert: „Er reduziert den Wald auf einen Sehnsuchtsort. Die vielen Seiten des Waldes als Klimaschützer, CO2-Senker, Sauerstoffproduzent, Erholungsort und Rohstoffproduzent finden in seiner Erzählung nicht statt. Auch für die Waldbauern, die mit und von der Natur leben, ist bei ihm kein Platz.“

Torben Halbe, Mitarbeiter des Deutschen Forstwirtschaftsrats und Autor des Gegenbuchs „Das wahre Leben der Bäume“, erklärt, der Waldumbau zu klimastabileren Beständen mit mehr Laubbäumen sei teuer. Ein Viertel von Deutschlands Wald gehöre „Kleinprivatwaldbesitzern“ mit weniger als 20 Hektar, die oft nicht viel investieren könnten, „zumal der Holzpreis wegen der großen Schäden und des resultierenden Überangebots zerfallen ist“. Diese langfristige Investition werfe je nach Baumart erst in mehr als 100 Jahren Rendite ab.

Wohlleben sagt zu den Vorwürfen: „Kritik der konservativen Forstwissenschaft an mir hat es immer gegeben. Ich habe aber auch schon Preise von Forstwissenschaftlern bekommen.“ Es sei wie beim Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat: „Es gibt keine einheitliche Linie – die konservative Landwirtschaft findet es gut, die ökologische Landwirtschaft nicht.“

(dpa)