1. Panorama

Aachen: Auf allen Kanälen wird gekämpft

Aachen : Auf allen Kanälen wird gekämpft

Jogi Löw heißt in dieser Nacht Wolfgang Fiereck oder Eric Braedon oder Otto Schilly. Monica Lierhaus bleibt Monica Lierhaus - egal ob US-Wahl oder Fußballländerspiel. Sie schlägt die Beine in Washington übereinander. Es die „Nacht der Entscheidung” (ZDF).

„Amerika wählt” heißt die zehnstüdige Live-Sendung in der ARD. Bei Sat.1 spricht man vom „Machtkampf in Amerika”. Die Fernsehsender haben sich in Stellung gebracht. Live-Reporter, Moderatoren, Korrespondenten, Experten und solche, die dafür ausgegeben werden. Es wird eine lange Nacht, soviel ist schnell klar.

Bald wird Johannes Kerner auch die Mainzelmännchen moderieren. „Hallo, n´Abend”, wird Kerner sagen, „Det, Edi, ich find´s richtig gut, dass Sie uns zwischen den Werbungen heute wieder zum Schmunzeln bringen wollen.” Kerner, der Oliver Geissen des ZDF, der Grinsefix, der wegmoderiert, was immer das ZDF ihm vorsetzt, moderiert auch die Vorbereitung auf die US-Wahl.

Er plappert sich durch die Stunde zwischen elf und zwölf, er versucht, ein „Gefühl historischer Moment” zu verkaufen, er sagt, was jeder weiß, er führt Gespräche, deren Sinn es ist, Zeit zu töten. Kerner zu sehen und zu vergessen ist eins. Den ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger, der sehr alt und sehr müde aussieht, fragt Kerner allen Ernstes, wo er sich denn die Wahlen ansieht, und ob er Obama Ratschläge gäbe, wenn dieser danach fragte.

Was soll ein Staatsmann auf solche Fragen antworten? Kissinger sagt, die Augen halb geschlossen, dass er hofft, bald allein zu sein. „Dann muss ich nicht mit so vielen Leuten reden.”

Das ZDF hat im alten Fernmeldeamt in Berlin-Mitte eine US-Wahlarena eingerichtet, aus der begrüßen kurz nach Mitternacht Peter Frey und ein aufgekratztes Publikum. Es ist ein bisschen so wie bei der Fußball-EM, als das ZDF auch nur aus Studios mit Publikum gesendet hat. Das transportiert Stimmung - oder was das ZDF dafür hält.

Als um 1 Uhr erste belastbare Prognosen aus den USA eintreffen, hat Christian Sievers im ZDF seinen ersten wichtigen Auftritt. Er präsentiert die Ergebnisse wie Marco Schreyel bei „Deutschland sucht den Superstar”, „Vermont”, sagt Sievers und hebt die Stimme, „geht an...” Spannung, warten... „Obama!” Jubel, Geklatsche. Eine dünne Frau mit grauen Haaren im schwarzen Obama-T-Shirt wird eingeblendet, wann immer Obama einen Staat zugesprochen bekommt. Sie sieht dann aus, als hätte sie mit dem letzten Wurf eine Partie Kniffel im Familienkreis gewonnen.

Andreas Cichowicz führt bei der ARD durch die Nacht. Zum Anfang zitiert er Busch, Wilhelm Busch: „Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.” Richtig. Vieles konnte man erwarten, das nicht. Cichowicz fragt: „Wie heißt die Katze von Bill Clinton? a) First cat, b) Monica, c) Socks oder d) Pussy?”. Das Quiz im Ersten - ohne Jörg Pilawa - ist an Dämlichkeit nicht zu überbieten. Insgesamt zehn Fragen können die Zuschauer bis zum frühen Morgen lösen. Der Gewinn: zwei Pappkameraden, der eine Obama der andere McCain.

RTL steigt um 0.30 Uhr ins Geschen ein. Peter Kloeppel und Christoph Teuner live aus New York. Die Kulisse erinnert an CNN oder n-tv. Ist es auch, RTL und n-tv senden gemeinsam. Sechs Reporter haben die beiden Sender live vor Ort: in Chicago, in Maimi, in Phoenix, in L.A., New York und Washington. Zudem steht Heike Boes in Berlin mitten in der „RTL-n-tv-Bertelsmann-CNN-Wahlparty”. „Bei uns”, sagt sie, „hat Obama bei einer internen Vorwahl gewonnen.” Mehr Informationen gibt es nicht. Kloeppel wirkt schon jetzt müde. Die neue randlose Brille kann die Augenringe nicht verbergen.

Hilke Petersen ist die ZDF-Korrespondentin aus der Wahlkampfzentrale John McCains in Arizona, sie sieht aus wie eine Grundschullehrerin, die irgendjemand aus einem gemütlichen Mate-Tee-Beisammensein mit lieben Kolleginnen herausgerissen und vor diese Kamera in Arizona gezerrt hat. Ständig wird zu Hilke Petersen geschaltet, obwohl in der Wahlkampfzentrale beharrliche Ereignislosigkeit herrscht. Als ihr irgendwann wirklich gar nichts mehr einfällt, sagt Hilke Petersen: „Sarah Palin hat einen aggressiven Wahlkampfstil vorgelegt, McCain hat da mitgezogen, und man weiß nicht genau, aus welcher Ecke kam das jetzt.” Tja.

Peter Frey dankt für die wertvollen Informationen und wendet sich dem nächsten aus dem Korrespondentenheer zu, das das ZDF über den USA ausgeschüttet hat. Fast ist es, als befänden sich in dieser Nacht mehr ARD- und ZDF-Korrespondenten in den USA als Einwohner.

Bei Sat.1 ist das ein bisschen anders, denn wenn es um Politik geht, wird bei Sat.1 ausschließlich Peter Limbourg aktiv. Er steht mit Trenchcoat in Washington, live vor dem Capitol. Daneben steht ein Mann, der auch einen Trenchcoat trägt, dessen Name einem später einfach nicht mehr einfallen will. Vielleicht, weil es auch egal ist. Wie die beiden, die irgendetwas sagen, was man zuvor schon gefühlte 200 Mal gehört hat. Langeweile greift um sich. Im WDR talkt sich Domian gerade mit skurrilen Anrufern um den eigenen Verstand. Das Thema des Tages: „Das hätte ich besser nie erfahren.”

Auf allen Kanälen kommen Hunderte von Experten zu Wort, wobei oft als Experte gilt, wer schon mal in den USA gewesen ist. Man erfährt, dass „im US-Wahlkampf Charisma wichtiger als Inhalt” ist (n-tv), dass Obama der erste schwarze US-Präsident werden könnte und: „Es gibt ein schönes deutsches Sprichwort: Man soll sich nicht zu früh freuen” (Peter Frey, ZDF).

Die Wahlnacht findet auch auf Al-Dschasira statt, einem arabischsprachigen Sender aus Katar. Vier Menschen sitzen in weißen Ledersesseln und unterhalten sich angeregt, selten kommen Einspielfilme, selten gibt es eine Schalte zu einem Korrespondenten in den USA. Schade, dass man so wenig versteht, eigentlich gar nichts, aber die Sendung macht einen unaufgeregten Eindruck. Warum können deutsche Sender nicht mehr unaufgeregt berichten?

„Unglaublich, oder?”

In der ARD ist jetzt Oliver Christian Jogi Löw, vielleicht heißt er auch Christian Oliver. Monica Lierhaus sagt, dass der junge Mann Schauspieler sei und „für uns” kürzlich mit dem Wohnmobil durch die USA gereist sei. Er wollte in Rosswell Ufos gucken, erzählt er dann. Stattdessen habe er per Zufall Sarah Palin getroffen.

„Unglaublich, oder?”

Bei all dem Zahlen-, Talk- und Informationswahnsinn hilft vielleicht ein kurzer Sprung rüber zu Bibel-TV, Programmplatz 43. Wabernde Keyboard-Musik, gedämpfte Stimmen, warme Farben. Ein Mann mit Bart preist die Arbeit des Senders, dann kommt ein kleines blondes Mädchen zu Wort, seine Tochter. Keine Rede von Obama, McCain oder Bush. Sie findet ihren Musiklehrer toll, Pascal. Schon weil er so gut Klavier spielt, sagt das Mädchen.