1. Panorama

Hamburg: ARD-„Tatort”: 700 Krimis mit denkwürdigen Kommissaren

Hamburg : ARD-„Tatort”: 700 Krimis mit denkwürdigen Kommissaren

Der ARD-„Tatort” - das sind 700 TV-Krimis, ausgestrahlt in mehr als 37 Jahren mit 73 verschiedenen Kommissaren oder Ermittlerteams. Was am 29. November 1970 mit „Taxi nach Leipzig” als Versuch der ARD startete, dem erfolgreichen ZDF-„Kommissar” Erik Ode etwas entgegenzusetzen, entwickelte sich zur langlebigsten Krimireihe der deutschen Fernsehgeschichte.

Ein halbes Jahr später lief in der DDR der „Polizeiruf 110” an, der sich inzwischen als zweite gesamtdeutsche ARD-Reihe etabliert hat. Einige Schauspieler prägten den „Tatort” nachhaltig, wie Hansjörg Felmy, der 20 Mal - von 1974 bis 1980 - den zurückhaltenden Kommissar Haferkamp verkörperte, oder Götz George, der mit dem ruppigen, oft unbeherrschten Ruhrpott- Ermittler Schimanski eine ganz neue Kriminalistenfigur schuf.

Der erste „Tatort”-Kommissar hieß Trimmel und wurde von dem profilierten Theaterschauspieler Walter Richter (1905-1985) dargestellt. In der Rolle des grantigen Eigenbrötlers, den er bis 1982 elf Mal spielte, war Richter mehr als ein Jahrzehnt lang beim TV-Publikum präsent. Ähnlich dauerhaft bestimmte der erste österreichische „Tatort”-Ermittler, Oberinspektor Marek, das Bild der Wiener TV-Kripo. Marek-Darsteller Fritz Eckhardt (1907-1995) schrieb auch alle Drehbücher zu seinen 14 Auftritten von 1971 bis 1987. Auch das Schweizer Fernsehen war von 1990 bis 2002 mit neun Beiträgen vertreten.

Einige „Tatort”-Kommissare sind nur als Gespann vorstellbar. Das Münchner Duo Batic/Leitmayr, gespielt von Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl, hält mit 49 Einsätzen (seit 1991) den Spitzenplatz unter den meistbeschäftigten Kommissaren. Nummer zwei sind mit 45 Einsätzen die Leipziger Ehrlicher und Kain (Peter Sodann und Bernd Michael Lade), die sich im vergangenen Jahr verabschiedeten. Ehrlicher war 1992 der erste ostdeutsche „Tatort”-Kommissar. Ebenso zum festen Begriff wurden die „singenden Kommissare” Stoever und Brockmöller (Manfred Krug und Charles Brauer), die 41 Mal ermittelten (1984 bis 2001).

Mit Ulrike Folkerts als Lena Odenthal schaffte es ab 1989 erstmals eine Frau, in die Riege der vielbeschäftigten Ermittler aufzurücken. Sie hat es, später im Team mit Andreas Hoppe als Kopper, schon auf 44 Einsätze gebracht. Zuvor hatten weibliche „Tatort”-Kommissare kaum eine Rolle gespielt. Karin Anselm war von 1981 bis 1988 acht Mal auf dem Bildschirm, Nicole Heesters drei Mal (1978 bis 1980) und Hannelore Elsner 1997 zwei Mal als Lea Sommer, die sie seit 1994 auch in der Vorabendserie „Die Kommissarin” spielte.

Inzwischen aber sind starke Frauen im „Tatort” stark vertreten. Neben Ulrike Folkerts gehört Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm zu den populärsten. Sie hatte 2002 ihren ersten Auftritt und löste im Frühjahr 2008 bereits ihren zwölften Fall. Noch erfahrener ist die Bremer Kommissarin Inga Lürssen (Sabine Postel) mit bisher 17 Einsätzen seit 1997. Auch Klara Blum (Eva Mattes), die Ermittlerin vom Bodensee, gehört mit 14 Kriminalfällen seit 2002 zum festen „Tatort”-Stamm.

Ein eher ausgefallener Typ unter den Ermittlern war der Zollfahnder Kressin, den Sieghardt Rupp sieben Mal verkörperte (1971 bis 1973). Klaus Löwitsch ermittelte zwei Mal als Polizeihauptmeister, 1982 hieß er Werner Rolfs, 1985 Reinhold Dietze. Auch Horst Bollmann war im Doppeleinsatz: von 1979 bis 1985 drei Mal als Oberstleutnant Delius vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) und 1988/1989 als Hauptkommissar Brandenburg.

Einzelne „Tatort”-Filme sind dem Publikum als herausragende Produktionen im Gedächtnis geblieben. Am häufigsten genannt wird „Reifezeugnis” aus dem Jahr 1977. Die Geschichte von der verbotenen Liebe zwischen einem Lehrer (Christian Quadflieg) und seiner Schülerin, gespielt von der 18 Jahre alten Nastassja Kinski, wurde von Wolfgang Petersen inszeniert, der in den Jahren danach Welterfolge für das Kino drehte („Das Boot”, „Die unendliche Geschichte”, „Outbreak”, „Troja”). Den nachdenklich-hintersinnigen Kommissar Finke spielte Klaus Schwarzkopf (1922-1991). Über 20 Millionen Zuschauer sahen damals zu.

Im Durchschnitt schalteten im vergangenen Jahr gut sieben Millionen Menschen die „Tatort”-Krimis ein. Das ist etwa jeder fünfte TV-Konsument, der am Sonntagabend vor dem Fernsehen sitzt. Vor dem Start des Privatfernsehens im Jahr 1984 lagen die Publikumsanteile teils über 50 Prozent. Die von Wolfgang Staudte inszenierte letzte Haferkamp-Folge „Schönes Wochenende” erreichte am 16. November 1980 die höchste je registrierte Zuschauerzahl eines „Tatorts”: 24,39 Millionen oder 63 Prozent aller Haushalte. Als höchste Haushaltsreichweite (ohne Zuschauerzahl) wurden 76 Prozent am 20. Januar 1974 für „Nachtfrost” mit Kommissar Finke festgehalten. Quotentiefpunkt war im Juli 1998 der als Persiflage gedachte Krimi „Ein Hauch von Hollywood” mit dem Berliner Kommissar Roiter (Winfried Glatzeder), der wegen Qualitätsbedenken auf den späten Montagabend verbannt wurde und dort nur 1,66 Millionen Zuschauer erreichte.

Im ursprünglich westdeutschen Produkt „Tatort” spielte die ostdeutsche Metropole Leipzig von Anfang an eine Rolle. „Taxi nach Leipzig” hieß die erste Folge und „Quartett in Leipzig” im November 2000 die 30-Jahre-Jubiläumsfolge, gemeinsam gestaltet von den Leipziger und Kölner Ermittlern. Und aus Leipzig kommt auch der 700. „Tatort” am 25. Mai 2008.