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Madrid: An der Prostitution scheiden sich in Spanien die Geister

Madrid : An der Prostitution scheiden sich in Spanien die Geister

Drei Jahre lang berieten spanische Parlamentarier und Experten darüber, wie sie die immer stärker um sich greifende Prostitution in den Griff bekommen könnten. Aber alle Debatten, Gesprächsrunden und Expertisen waren letzten Endes vergebens: Das Madrider Parlament gab sein Vorhaben auf, ein Gesetz über die Prostitution zu erlassen. Damit bleibt in Spanien alles beim Alten: Die käufliche Liebe ist weder legal noch illegal.

Bei der Diskussion hatte es zwei Seiten gegeben: Die einen plädierten dafür, die käufliche Liebe nach dem Vorbild der Niederlande zu reglementieren und zu einer legalen Erwerbstätigkeit zu machen. Die anderen forderten, Spanien solle sich an Schweden ein Beispiel nehmen und die Prostitution ganz verbieten. Einig waren sich beide Parteien darin, dass unbedingt etwas geschehen müsste. Die Prostitution hatte zuvor einen beispiellosen Boom erlebt. „Spanien wird zum Bordell Europas”, empörte sich die Presse.

Nach Angaben der Zeitung „ABC” geben die Spanier schätzungsweise 40 Milliarden Euro im Jahr für käuflichen Sex aus. Dies ist fast so viel, wie der Staat in die Bildung investiert. Etwa 350 000 Huren gehen auf Straßen und Parkanlagen, in Privatwohnungen und Bordellen ihrem Gewerbe nach.

Das Parlament entschied nun, seine Gesetzespläne zu den Akten zu legen. Die Abgeordneten lehnten es mit großer Mehrheit ab, die Liebesdienste per Gesetz als eine legale Arbeit wie andere anzuerkennen. „Die Prostitution ist zu einem lukrativen Geschäft geworden, das von internationalen Verbrechermafias kontrolliert wird”, heißt es in einem Bericht, der mit den Stimmen der regierenden Sozialisten und der konservativen Opposition verabschiedet wurde. Etwa 90 Prozent der Huren in Spanien würden von Mafias ausgebeutet und zur Prostitution gezwungen, teilte die Abgeordnete Maribel Montaño mit. Das Parlament wolle die kriminellen Geschäfte dieser Banden nicht legalisieren.

Bei den Betroffenen löste die Entscheidung heftige Kritik aus. „Das Parlament behandelt uns wie Unmündige”, meinte die Prostituierte Margarita Carreras (42). „Ich gehe auf den Strich, weil ich es so will.” Die Prostituiertenvereinigung Hetaira sprach von einer „Schande”. Das Parlament lasse all jene Liebesdienerinnen ohne Schutz und ohne Rechte, die ihre Dienste freiwillig und ohne Zwang anböten.

Die Vereinte Linke warf die Frage auf: „Wenn fast alle Prostituierte, wie behauptet wird, Opfer sexueller Ausbeutung sind, warum verbietet man die Prostitution nicht schlicht und einfach?” Aber so weit wollten die Parlamentarier nicht gehen. Dafür ist die Prostitution in Spanien wohl zu weit verbreitet. Nach Angaben der Abgeordneten Montaño erwerben in Spanien pro Tag 1,5 Millionen Männer käuflichen Sex. „Wenn man bei uns dem Beispiel Schwedens folgte, müssten Hunderttausende von Freiern festgenommen werden”, warnte ein Experte der Polizei.

Die Zeitung „El Pais” führte das Scheitern der gesetzgeberischen Initiative darauf zurück, dass die spanische Gesellschaft in der Frage der Prostitution zutiefst gespalten sei. Das eine Lager verlange eine gesetzliche Regelung, das andere ein Verbot. „Die Teilung richtet sich nicht nach den üblichen ideologischen Trennungslinien”, betont das „Blatt”. „In der Frage der Prostitution ist nicht nur die feministische Bewegung gespalten, sondern auch die sozialistische Regierung.”