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Rom: „Amore light”: Zwölf Jahre und ohne Schranken

Rom : „Amore light”: Zwölf Jahre und ohne Schranken

Schon im zarten Alter von 12 oder 13 Jahren machen sie gern die Nacht durch. Die Mädchen schminken sich wie Mama, und manche Jungen trinken einen über den Durst oder rauchen einen Joint. Vor allem die „riskanten Sachen” ziehen die kleinen Italiener an.

Als gefährlich und damit für viele als ganz besonders attraktiv gelten neben Haschisch, Medikamenten und Alkohol der ungeschützte Geschlechtsverkehr und das Klauen in Geschäften.

Für etliche Eltern dürfte es ein Schock sein, was die Pädiatrische Gesellschaft Italiens ans Tageslicht beförderte, als sie 1250 „Ragazzi” aus der Altersgruppe der bis zu 14-Jährigen zu ihrem Alltag befragte. Für deren „Ausrutscher” sind nach Meinung italienischer Fachleute aber genau diese oft zu liberalen Erzeuger und Erzieher verantwortlich.

„Jawohl, sie haben häufig sexuelle Kontakte, unsere Ex-Bambini”, zeigte sich auch der Mailänder „Corriere della Sera” überrascht von heutigen Jugendlichen: „Kleine Mädchen und der Sex, zwölf Jahre alt und ohne Schranken.” Sie wirken entschlossen, wollen eine „berühmte Persönlichkeit” werden, am liebsten ein Showgirl, wie sie das dafür hinreichend bekannte italienische Fernsehen allabendlich in die Wohnzimmer bringt.

Für Jungen, im Land des Weltmeisters ist das klar, gibt es nur eins: Fußballspieler. Was den Frühreifen eindeutig fehlt, ist nach Einschätzung der Psychologen „der Sinn für Schuld und das Gefühl von Angst”. Da hätten die Elternhäuser wohl versagt.

Auch wie sich italienische Teenager dann entfalten, birgt für ahnungslose Eltern einige bemerkenswerte Überraschungen. Etliche jungen Leute ziehen die „Amore light” vor, sie wollen ihre Freiheit, also keinerlei Verpflichtungen einem Partner gegenüber - und sie haben nach den ersten leidenschaftlichen Treffen eher wenig Sex. „Sie sehen sich vielleicht einmal in der Woche, sie verteidigen ihren eigenen Freiraum und suchen in den Partnerbeziehungen keine Bestätigung”, so fassen Sozialwissenschaftler und Autoren wie Franco Garelli das „relaxte” Lebensgefühl vieler Heranwachsender zusammen.

„Das Alter für das ,erste Mal sinkt weiter, manchmal sind sie erst knapp zwölf Jahre alt”, darin sieht die Mailänder Gynäkologin Alessandra Graziottin den Grund für eine nach und nach einsetzende „Abflachung des Verlangens, wenn sie nach viel Sex schließlich in einer stabilen Beziehung landen”.

Die Psychologen schieben das alles aber nicht den jungen Leuten in die Schuhe, die einer Gesellschaft auf dem Weg in den „Individualismus” folgten: Comics, Kinderbücher und Fernsehen verbreiteten „Anleitungen, es allein zu probieren, die Kraft in sich selbst zu suchen”. Junge Erwachsene ziehen so auch in Italien immer später zusammen und lernen eher, allein zu bleiben.