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Garmisch-Partenkirchen: Alles schläft und einsam wacht der Meteorologe auf der Zugspitze

Garmisch-Partenkirchen : Alles schläft und einsam wacht der Meteorologe auf der Zugspitze

Er ist einer der wenigen Menschen, die in Deutschland in diesem Jahr eine weiße Weihnacht erleben werden: Manfred Kristen wird Heiligabend auf dem höchsten Punkt der Republik verbringen, bei zwei Meter hohen Schnee. Doch nur bedingt freiwillig. Denn der 61-Jährige ist Leiter der Wetterwarte auf der Zugspitze und muss arbeiten.

Einsam wird er am Festtag in dem Turm auf einer Höhe von 2966,2 Meter - vier Meter über dem Berggipfel - Sturm und Schnee im Auge behalten.

Seine Schicht beginnt um elf Uhr und dauert 24 Stunden. Mit der Eibsee-Seilbahn geht es in einer zehnminütigen Fahrt hinauf zu der Warte. Ein zweistöckiger, mit Blech beschlagener Holzturm, der zwei jeweils 16 Quadratmeter große Diensträume beherbergt. Darin: hoch entwickelte Technik.

In der ersten Etage stehen die Messinstrumente, sechs Computer und ein Server. „Das macht schon eine Menge Lärm”, sagt der Hausherr. In der zweiten Etage sei dann der ruhigere Arbeitsraum. Über vier Monitore hat Kristen das Wettergeschehen im Blick.

Stündlich muss er dann die Großrechner in Offenbach und Reading bei London mit den Daten über Schneehöhe, Sichtweite, Windrichtung, Windgeschwindigkeit und Luftdruck versorgen. Anhand der Daten, die die Zugspitzwarte ermittelt, werden die Vorhersagen ausgearbeitet.

Zur Erfassung mancher Werte, zum Beispiel ob es leicht oder stark schneit, müsse er auf sein Auge vertrauen, erläutert Kristen. Eine gute Aussicht wird ihm in diesem Jahr aber verwehrt bleiben, das weiß er schon. „Es wird stark bewölkt sein und leicht schneien.”

Auf soviel Technik wie Kristen konnten die Pioniere nicht bauen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm der Meteorologe Josef Enzensberger auf der Zugspitze die ersten Messungen vor. „Unsere Altvorderen mussten da oben noch unter viel härteren Bedingungen arbeiten”, erzählt Kristen.

Deshalb findet er den Preis, am Heiligen Abend nicht bei der Familie sein zu können, nicht zu hoch: „Wir können ja nicht eine Messreihe, die seit 108 Jahren fortgeführt wird, nicht auf den meteorologischen Müll werfen.” Die Messreihe sei sehr wertvoll, die Warte ein „Finger in der Atmosphäre.”

Zwischen den Kollegen gebe es die Vereinbarung, entweder Silvester oder Weihnachten Dienst zu tun. Früher habe er immer den „auch unbeliebten” Dienst zum Jahreswechsel gemacht. Jetzt sei es aber so, dass die Kinder von manchen Kollegen in das Weihnachtsalter rein- und seine Tochter rausgewachsen seien. Da sei er jetzt an der Reihe.

Allein wird er sich nicht fühlen. „Man hat keine Zeit zum einsam sein.” Und ein bisschen Feststimmung will er sich auch zwischen die Bildschirme zaubern. Das Radio wird laufen. „Die Weihnachtslieder bieten eine besondere Untermalung.” Außerdem seien die Nachrichten wichtig. „Vor allem wenn etwas in Zusammenhang mit dem Wetter passiert. An solchen Tagen sind manche Wetterextreme drin.”

Selbst gebackene Plätzchen und einen Christstollen, den ihm Freunde aus Dresden geschickt haben, hat er schon hergerichtet. Auch gönnt er sich „ein besseres Essen”. Als Festmahl habe er sich eine Auswahl an Meeresfrüchten besorgt. Dazu gebe es dann eventuell Kinderpunsch: „Nur keinen Alkohol. Damit würde man die Schicht nicht durchstehen.”

Einen Weihnachtsbaum gibt es auch, wenn es auch kein echter sein wird. Kristen wird einen Mini-Christbaum mit Kristallzweigen und bunten LED-Leuchten aufstellen, den er an die USB-Schnittstelle seines Laptops anschließen kann. „Das ist schon sehr Las Vegas- isiert, kitschiger geht es kaum - aber den Spaß habe ich mir erlaubt.”

Nach seiner Schicht wird er am ersten Weihnachtsfeiertag noch in der Talstation in Garmisch-Partenkirchen arbeiten müssen. Zurück zur Familie geht es dann am zweiten Feiertag. Dort erwarten ihn dann seine Frau und seine Tochter, Rinderbraten - und ein echter Christbaum.