1. Panorama

Aachen/London: Absurdes Theater aus Sandhurst - eine Polemik

Aachen/London : Absurdes Theater aus Sandhurst - eine Polemik

Ja, wo laufen sie denn? Die alte Dame schaut ein bisschen verdattert aus der roten Wäsche. Halt, da kommen sie ja! Schlurfenden Tritts wiegen sich die Kadetten im Takt des aristokratisch-gediegenen Marsches „Sandhurst Slow”. Nun wird es langsam Zeit. Die Queen erhebt sich von ihrem Stuhl und mustert streng jene versammelten Soldaten, die langsam vorbei am königlichen Podeste in Richtung Militärakademie trotten.

Die feierlichen Mienen, der finstere Wolkenhimmel, die grauen Mauern von Sandhurst: einfach herrlich britisch, dieses anachronistisch anmutende Spektakel, das uns das Erste da Freitag über rund 100 Minuten live zur schönsten Mittagszeit servierte.

„Prinz William - Leutnant Ihrer Majestät” hatten die Programmgewaltigen der ARD getitelt. Nicht weniger als den Abschluss der Militärausbildung des Herrn William Windsor, seines Zeichens zweiter Thronfolger der Briten, galt es zu feiern. Kein schlechter Anlass, um noch einmal den Altmeister der deutschen Adelsberichterstattung, Rolf Seelmann-Eggebert, aus dem wohlverdienten Ruhestand zu holen.

Die Protagonisten dieses Trauerspiels in einem Aufzug: eine ältere Dame, ausstaffiert wie Miss Marple auf Ecstasy, nennen wir sie der Einfachheit halber „Ihre königliche Hoheit” oder auch schlicht „Oma”; daneben der junge blonde Held, von den Frauen begehrt und feuchter Traum aller Uniformfetischisten (William). In den Nebenrollen: die böse, gestiefelte Schwiegermama (Camilla); ein stolzer Vater, der vor lauter Orden an der geschwellten Brust kaum mehr laufen kann (Charles) - und die schöne Freundin Kate, zwar nur bürgerlicher Herkunft, dafür im Besitz einer gigantischen Hut-Kreation.

Beste Voraussetzungen für einen verpfuschten Mittag also: Der Seelmann, der Eggebert, dessen Funktion im deutschen Fernsehen sich mit dem Begriff Hofschranze nur unzureichend umschreiben lässt, gibt von der ersten Minute an Vollgas.

Im Talk mit Moderatorin Juliane Eisenführ holt der „Royalty-Experte” der ARD ein ums andere Mal sein umfangreiches Wissen aus der Mottenkiste hervor. Er schwadroniert über die beeindruckenden Kraftübungen der angehenden Offiziere und den Drill in Sandhurst, über Frauen und Afrikaner im Dienst der Krone.

Da lacht das Herz des deutschen Royalisten, der Rest des Publikums indes fragt sich mit fortschreitender Sendezeit, warum er dieses absurde Theater mit seinen Gebühren finanziert.

In London schlurft derweil immer noch der Stolz des britischen Königreichs um den Block. Nur kurz treffen sich die Blicke von Oma und Enkel bei der Abnahme der Parade. Ein angedeutetes Lächeln, das wars. Die Kapelle spielt „Duke of York”, die schöne Kate plaudert mit einer Dame, deren riesige Fellmütze ihr beinahe bis zum Kinn reicht, der glückliche Papa stiert ins Leere und Camilla amüsiert sich prächtig. Tristesse royale - ungefähr so spannend wie der Initiationsritus afrikanischer Buschmänner, bloß mit wenig nackter Haut.

Der deutsche Zuschauer wäre vermutlich längst eingeschlummert, würde ihn Seelmann-Eggebert nicht pausenlos mit Informationen aus der schillernden Welt von Adel und Militär füttern. „Das, was wir hier jetzt sehen”, flötet Stichwortgeberin Eisenführ, „geht das auch etwas präziser?”

Hoppla, das wird noch einmal ungeahnt lustig, treffen im NDR-Studio doch offensichtlich zwei Stechschritt-Experten ersten Ranges aufeinander: „Sie müssen wissen, dass wir hier ja sehr unterschiedlich gewachsene Kerle sehen”, sekundiert Mister Blaublut. Schließlich seien ja auch Frauen unter den Absolventen der militärischen Kaderschmiede.

Wäre das zum Glück geklärt. Offen bleibt allerdings die Frage, mit welchen Übertragungen die Öffentlich-Rechtlichen dieses Feuerwerk der Einfältigkeit in Zukunft noch steigern wollen. Vielleicht mit einem Blick auf den deutschen Adel mit all seinen debilen Foffis und Prügelprinzen? Unwahrscheinlich, da nicht immer jugendfrei. Mit weiteren Einzelheiten aus dem langweiligen Leben der britischen Royals? Wenn ja, dann bitte nur mit Seelmann-Eggebert. God save the Queen!