1. Panorama

Frankfurt/Main: 60 Jahre Luftbrücke: Erinnerungen an Rosinenbomber und Wackelflügel

Frankfurt/Main : 60 Jahre Luftbrücke: Erinnerungen an Rosinenbomber und Wackelflügel

Was er und seine Kameraden wirklich getan haben, war dem US-amerikanischen Flugingenieur Dub Southers 1948/49 nicht gleich klar. „Ich wusste, dass wir hungrige Menschen versorgen, aber die weltpolitische Bedeutung der Luftbrücke habe ich erst später verstanden”, sagt der 80 Jahre alte Luftwaffen-Veteran am Donnerstag in Frankfurt.

Gemeinsam mit sechs weiteren Ex-Soldaten ist er nach Deutschland gekommen, um bei einem umfangreichen Besuchsprogramm an die beispiellose Aktion der Westalliierten zur Rettung Westberlins vor 60 Jahren zu erinnern.

Schon morgens beim Frühstück mit den heutigen Soldaten des US- Flugplatzes in Wiesbaden-Erbenheim waren die alten Haudegen bester Stimmung. Sie ließen sich auch nicht verdrießen, als klar wurde, dass der angekündigte Flug mit einem der historischen „Rosinenbomber” vom Typ DC 3 ausfallen musste, weil die Maschine mit einem Motorschaden in Berlin stehengeblieben war. Statt der als Ersatz bereitgestellten Junkers Ju 52 nahmen die als „Helden” und „lebende Legenden” gefeierten Veteranen ins nahe Frankfurt den von der Polizei eskortierten Bus. Nach Berlin gelangten die Veteranen dann mit einer modernen C-17, die von der US-Luftwaffe zur Verfügung gestellt wurde.

Vor dem Frankfurter Luftbrückendenkmal, dem Gegenstück zur Tempelhofer „Hungerharke”, wiederholte Oberst Gail S. Halvorsen seine herzerweichende Geschichte von den Berliner Jungs, die ihn selbst in größter Not nicht um Süßigkeiten angebettelt hätten. In der Folge sammelte der „Candy-Bomber” in der gesamten Armee und in den Staaten Süßigkeiten und kleine Fallschirme, an denen die Leckereien in die eingeschlossene Stadt segelten. Damit die Kinder seine Maschine erkannten, wackelte er im Anflug mehrfach mit den Flügeln und hatte prompt den Spitznamen Onkel Wackelflügel weg. Auch beim Festakt 60 Jahre später ist der 87-Jährige immer noch das Gesicht der Luftbrücke und sagt: „Unsere wichtigste Ladung war die Hoffnung.”

Verantwortlich für die bis dahin beispiellose Logistikaktion war der US-Zweisterne-General William H. Tunner, der sein Hauptquartier in einem früheren Hotel in der Wiesbadener Taunusstraße 11 hatte. Er hatte bereits im Weltkrieg eine ständige Truppenversorgung über den Himalaya organisiert und feilte nun an der Optimierung der Operation „Big Lift”, für die Transportkapazitäten aus der ganzen Welt zusammengezogen wurden. Tunner mit dem Spitznamen „Willie the Whip” (Willie die Peitsche) verbot seinen Piloten, ausschließlich auf Sicht zu fliegen und ließ sie im Simulator radargestützte Landungen üben, berichtet der Militärhistoriker John Provan.

Wie an einer Perlenkette gezogen erreichten die Flieger in immer kürzeren Abständen die eingeschlossene Stadt. Wer seine Landung abbrechen musste, flog voll beladen via Hannover wieder in den Westen zurück: Das Slot-System moderner Verkehrsflughäfen wurde während der Luftbrücke entwickelt. Auch der Bau des Berliner Flughafens Tegel und der zweiten Startbahn in Frankfurt waren unmittelbare Folgen der ersten Schlacht des Kalten Kriegs.

Tunner legte zudem großen Wert auf die Organisation der Instandhaltung. Von den US-Maschinen seien jederzeit zwei Drittel einsatzfähig gewesen, berichtet Provan. Ein Wert, von dem die Briten mit ihrer Vielzahl verschiedener Flugzeugtypen nur träumen konnten. „Wir haben einfach unseren Job gemacht”, sagt dazu der 77 Jahre alte Dale Lewis Whipple, seinerzeit US-Nachschubsoldat in Celle.