Leserbriefe zum Thema Kirche: Offene und verschlossene Türen im Hause Gottes

Leserbriefe zum Thema Kirche : Offene und verschlossene Türen im Hause Gottes

Unser Interview mit dem Regionalvikar der katholischen Vereinigung Opus Dei hat ebenso Reaktionen unserer Leser ausgelöst wie unsere Berichterstattungen über den wegen Untreue angeklagten Aachener Weihbischof Bündgens und die Debatte um die Sexualmoral und Reformen in der Kirche.

Dieter Spoo aus Aachen geht auf das Interview „Dan Brown verzerrt uns“ mit Christoph Bockamp, dem Regionalvikar der umstrittenen Vereinigung der katholischen Kirche Opus Dei ein:

Ich habe als Theologe immer wieder Kontakt mit Opus Dei gehabt. Nicht ein Kontakt war ehrlich und transparent.

Als Student in den 80ern war ich Mitglied einer kleinen Gruppe, die versuchte, Menschen zu helfen, sich aus den Fängen des Opus Dei zu befreien. Oft waren die Christen, die sich einmal dem Opus angeschlossen hatten, nicht die innerlich stärksten Charaktere. Aus vielerlei nachvollziehbaren Gründen. Frau X hatte sich an uns gewandt, weil sie sich vom Opus vollkommen fremdbestimmt fühlte. Wir versuchten, in Gesprächen und Begegnungen die innere Freiheit der Frau aufzubauen. Die arme Frau wurde massiv unter Druck gesetzt, innerlich gebrochen.

Als Referenten der Katholischen Aachener Hochschulgemeinde versuchten wir, Kontakt zu den beiden Studierendenwohnheimen des Opus Dei in Aachen zu bekommen. Nach außen wurden wir eingeladen, mit der Hausleitung zu sprechen, nach innen wurden den Studierenden der Kontakt zu uns und jeglicher Besuch verboten. Opus Dei, wie ich es kennengelernt habe, ist eine stramme Geheimorganisation, die von subtiler Unterdrückung lebt, besonders unter Papst Johannes Paul II. an Macht zugelegt hat und dem Einfluss der Ortsbischöfe entzogen wurde (Personalprälatur, eigene Bistumsstrukturen). Intransparenz und Geräuschlosigkeit gehören nach meinen Erfahrungen zum Machtgebaren des Opus Dei.

Es ging und geht dem Opus um inneren Gehorsam der Mitglieder und höchst weltlichen Zuwachs von Macht und Einfluss. Analog zu vielen fragwürdigen Sekten.

Wenn Ihre Zeitung einem Opus Dei-Repräsentanten treuherzig ein Forum für glättende Floskeln bietet, dann sollte doch bitte demnächst auch ein freundlicher Mafioso oder Scientologe auftauchen, um der Welt das große Missverständnis um seine Organisation zu erklären!

Giorgio Bavaj aus Aachen beschäftigt sich ebenfalls mit dem Interview „Dan Brown verzerrt uns“:

Verschwörungstheorien und Dämonisierung des Opus Dei sind genauso wie das Hochspielen mittelalterlicher Selbstgeißelungspraktiken nicht geeignete Mittel der Kritik an der Institution Opus Dei. Leider verbreitet der Regionalvikar der Prälatur in Deutschland mit seinen Antworten eher Nebel als Aufklärung. Schon bei der ersten Frage zur Corona-Pandemie hätte ich eine klare Positionierung erwartet, stattdessen lese ich: „Gott kann aus etwas Schlechtem stets auch etwas Gutes entstehen lassen.“ Was soll ich konkret daraus folgern? Gilt das auch für Kriege, Krankheiten, Missbrauch? Sind diese möglicherweise im Grunde nur Vorboten von „etwas Gutem“? Herr Bockamp kennt sich wohl mit Gottes Plänen gut aus, wahrscheinlich hat er einen besonderen Draht, denn er ist ja Teil des „Werk Gottes“. Die Frage nach möglichen Einflussnahmen im Sinne der Institution am Beispiel von Monsignore Hofmann in Köln wird recht eindimensional beantwortet: Wenn einzelne Mitglieder des Opus Dei Einfluss nehmen wollen, sei das ihre Sache. Ist das nicht wirklichkeitsfremd? Das ist ein Kernproblem: Welche Ziele verfolgt im Hintergrund diese straff organisierte, parakirchliche Institution mit einem Vermögen von 2,8 Milliarden US-Dollar (Quelle: Irish Independent), und welche Rolle spielt sie bei den heutigen Reformbemühungen? Die Ernennung eines Opus-Dei-Mitglieds als Generalvikar in Köln ist ein deutliches Zeichen einer ideologischen Allianz mit Kardinal Rainer Maria Woelki gegen grundlegende Reformen. Zum Schluss bietet sich noch ein kurzer Blick auf die Rolle der Frau: Frauen hätten in der Kirche eine große Bedeutung und seien unersetzbar, eine Verbindung mit Weiheämtern sähe Christoph Bockamp aber nicht. So einfach ist es: Herr Bockamp sieht es nicht!

Dr. Lioba Zodrow-Kresken aus Aachen meldet sich auch zum Interview mit dem Opus-Dei-Vikar Christoph Bockamp zu Wort:

„Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.“ Dieses Kirchenlied ist vielen Katholiken bekannt. Weniger bekannt ist der enge Zusammenhang zwischen dem Inhalt dieses Liedes und Fehlentwicklungen innerhalb aller christlichen Kirchen. Als Teil der katholischen Kirche versteht sich das Opus Dei, dessen Vertreter in Ihrer Zeitung seine Vereinigung zu erklären versucht. Die in der Doktrin des Opus zentralen Leidenserfahrungen – auch selbst mit dem Bußgürtel zugefügte – seien „mit dem Leiden Christi in Verbindung“ zu sehen. Siehe Liedtext oben.

Nicht erwähnt wird im weiteren Verlauf des Interviews, dass solche Selbstverleugnung in die emotionale Verwahrlosung führen kann und in vielen Fällen auch geführt hat: Bei Priestern und Ordensfrauen, die „selbstlos dem Herrn im Leiden gefolgt“ sind und dabei ihre eigenen existenziellen Bedürfnisse vollständig leugneten und leugnen. Dies in einem Kirchensystem, dessen strenge Hier­archie einer freien Persönlichkeitsentfaltung und der Erfahrung von Selbstwirksamkeit vielfach entgegensteht – so insbesondere im Opus Dei. Zur emotionalen Verwahrlosung gesellt sich damit das Gefühl der Ohnmacht. Diese Mischung – das haben internationale interdisziplinäre Studien erwiesen – bildet die gefährliche Grundlage für sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Ordensfrauen, wie sie weltweit bis heute verübt wird, und für vormalige Kindesmisshandlungen in kirchlichen Kinderheimen nicht nur der Diakonie.

Die katholische Kirche täte darum gut daran, sich zur Prävention sexualisierter Gewalt klar von der Leidensdoktrin und dem Gefolgschaftsdenken des Opus Dei zu distanzieren!

Albert Breuer aus Aachen reagiert auf den Leserbrief von Walter Schröder aus Düren, der für die Wegnahme aller weltlichen Güter von Johannes Bündgens und eine körperliche Arbeit als Buße für den wegen Untreue angeklagten Weihbischof plädierte:

Warum spekulieren Sie so tendenziös gegenüber Herrn Dr. Bündgens? Nach der gültigen Rechtslage gilt immer noch in dubio pro reo. Bisher gibt es Indizien, aber keine Verhandlung oder gar ein Gerichtsurteil. Der Vergleich mit dem Fall des ehemaligen Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst hinkt somit. Ihre Vorschläge sind verständlich, aber emotional und gipfeln in Sarkasmus. Ihren restlichen Ausführungen ab „Papst Franziskus ist ein gutes Vorbild ...“ stimme ich vorbehaltslos zu.

Heinz Philippen aus Jülich meldet sich zum Text „Ein Reformgegner schert aus“ Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp, der es ablehnte, die katholische Sexualmoral neu zu bewerten, zu Wort:

Die katholische Sexualmoral entspricht nicht dem, was der Schöpfer im Sinn hatte, als er mit der Order „wachset und mehret euch“ die Fortpflanzung aller höheren Lebensformen auf lustvolle Sexualität basierte. Bei Menschen führt dies als einem der stärksten Triebe in Verbindung mit tief in der Seele empfundener Liebe zu wahrhaft beglückenden Zuständen von Seligkeit – und erfüllt genial den vom Schöpfer geplanten Zweck. Katholische Sexualmoral aber setzt andere Prioritäten für eine angeblich gottgefällige Lebensausrichtung: die „Ideale“ sexueller Enthaltsamkeit und Lustunterdrückung (Kasteiung), lebenslange Jungfräulichkeit und Zölibat. Sünde ist vor allem sexuelles Fehlverhalten nach Maßstab der Kirchenmänner. Die Beichtspiegel sprechen eine eindeutige Sprache. Die Kirche segnet Waffen mit tausendfach tödlicher Wirkung; sie ist gnädig verbandelt mit kriminellen Staats- und Wirtschaftsführern bis hin zur Mafia. Als Sünder aber geächtet werden von ihr unter anderem die ehelos Schwangeren und die Homosexuellen. Ist das im Sinne Gottes? Ich verstehe die christliche Religion so, dass der Mensch am Ende seines Lebens nach seiner Lebensführung gemäß der Gesetze von Gottes- und Nächstenliebe be-, aber (von Gott) nicht verurteilt wird. Die Kirche aber mit ihren Repräsentanten wie den Herren Rainer Maria Woelki, Domenikus Schwaderlapp, Joseph Müller etc. maßt sich an, Menschen in Grund und Boden (in die Hölle) schon vor Ende ihres Lebens zu verurteilen, weil diese nicht ihren Maßgaben entsprechen, die in Wahrheit nicht die Gottes sind. Wenn sie Gott wirklich als ihren Herrn anerkennen, sollten sie demütig ihm das Urteil über jeden Menschen überlassen und den von ihnen als „Sünder“ Gebrandmarkten in ihren Nöten und Schwächen beistehen – verurteilungs- und vorurteilslos.

Auch Martin Müschen aus Baesweiler befasst sich mit dem Beitrag „Ein Reformgegner schert aus“:

Da lese ich mit Freude den Artikel über Kardinal Marx und bin sehr froh, dass ein hochrangiger Kardinal mit wirklich menschlichen Zügen öffentlich eine solche Meinung vertritt. Genau das, was er sagt, muss endlich und schnell geschehen. Die ewig Zurückgebliebenen sollten vom Papst Franziskus nach Brasilien versetzt werden, dort ist Priestermangel. Die Menschen dort werden nach kurzer Zeit von diesen Klerikern die Nase voll haben. Aber Hauptsache, sie sind hier weg. Und sie werden lernen müssen, dass sie dort keine Beamten mehr sind und wie die Made im Speck leben. Von den Armen und Ausgebeuteten ist nicht viel zu erwarten. Keine prunkvollen Gewänder, nur einfache Soutanen. Nach diesem Statement von Kardinal Marx meldet sich sofort wieder so ein Granitkopp zu Wort mit mittelalterlichen Thesen. Im Rheinland, das heißt auch in Köln, nennt man einen Typen, der viel Sinnloses von sich gibt: einen (enne) Schwadlapp. Diese Woelki/Schwaderlapp sind nicht relevant für den christlichen Glauben. Bei Jesus war das Wichtigste die LIEBE. Vielleicht haben diese Kleriker diese Seiten aus ihrer Bibel herausgerissen. In meiner Bibel steht es jedenfalls drin. Liebe Hardliner, lernt Portugiesisch, in Brasilien spricht man diese Sprache. Eure Sprache versteht sowieso kein normaler Mensch.

Dr. Paul Schmarling aus Aachen äußert sich zur Rubrik „Zur Person: Der Kardinal und die Freiheit“ über Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München, der seine Kirche zu einer grundlegenden Reform auffordert:

Die Rezension zum neuen Buch von Kardinal Marx hat Karlheinz Deschner bereits 1980 geschrieben: „Reformierte man denn nicht seit je? Reformierte nicht schon die zweite Christengeneration gegenüber der ersten, die nachkonstantinische Kirche gegenüber der vorkonstantinischen? Bonifatius reformierte und Hugo von Cluny; man reformierte in Gorze, Brogne, Hiersau, Siegburg, Einsiedeln; reformierte in Konstanz, Basel, in Trient. Man reformierte nicht zuletzt in Rom. […] Gott! Wirklich, ich muss ihn anrufen, und da kommen immer noch Reformer? […] Ja, als was kommen, als was fungieren sie denn? Doch als die Verlängerer des Unglücks, die Helfershelfer der Hierarchie, die gerade ihretwegen – wie noch nach jeder Reform – im Grunde ganz und gar genauso fortexistieren wird: mit der allein seligmachenden Pfründe und der allein seligmachenden Macht […]. Reformer? Kadaverkosmetiker bloß. Bestallte Konservierer einer Leiche, die schon riecht und nicht mehr der Reform bedarf, sondern nur noch des Abdeckers.“

Kardinal Marx irrt, wenn er über seine Amtskollegen schreibt, diese hätten „nichts gelernt aus der Geschichte“. Das Christentum wusste natürlich von den alten Ägyptern, dass eine Leiche, die schon riecht, noch lange überleben kann, wenn man sie mumifiziert. Mumien haben nichts aus der Geschichte gelernt, aber mehr als 3000 Jahre Geschichte überstanden. Geistige Mumifizierung ist also eine durchaus erfolgreiche Strategie der katholischen Kirche.

Immerhin hat auch Kardinal Marx dieses verrottete System selbst jahrzehntelang mitgetragen und nicht schlecht davon gelebt. Da mutet ein aufmüpfiges Buch doch wie der Versuch an, sich nachträglich von der Komplizenschaft mit den kirchlichen Hierarchien reinzuwaschen.

Hans-Jürgen Ferdinand aus Aachen beschäftigt sich mit dem „Seite Drei“-Text „Biografie mit Schlagzeilen-Potenzial“ über den emeritierten Papst Benedikt XVI.:

Den Gott, den mir eine geschichtlich belegbare (!) blutbesudelte, von zahlreichen Verbrechen heimgesuchte katholische Kirche zu vermitteln sucht, degradiert der frühere deutsche Papst Benedikt XVI., der sich sinnigerweise auch noch bei gewissen Glaubensdogmen im Besitze der alleinigen (!) Wahrheit wähnt, zu einem hässlichen Monstrum, dem die meisten vernunftbegabten, oft mit Sorgen und Ängsten beladenen Menschen im Angesicht der ungeheuren Leiderfahrung auf unserem Planeten keinen Trost entlocken können.

Es ist verwerflich, dass Benedikt sich theologisch abgeschottet hat gegenüber Frauen, Andersgläubigen, Geschiedenen und Homosexuellen. Er ist ein Dogmatiker, aufs theologische Dogma fixiert und bemüht, die Macht der kirchlichen Institution zu mehren.

Er hat schweren Schaden in den Beziehungen zu anderen christlichen Religionen angerichtet, indem er zuerst die Muslime beleidigt und dann die Juden gründlich verärgert hat. Solche Amtsträger wie der emeritierte Papst Benedikt XVI. von einer mit zahlreichen geistesgeschichtlichen Verirrungen und Verbrechen gezeichneten katholischen Kirche werden dereinst von der Geschichte wegen ihrer weltfremden Glaubensverkündungen in einer Fußnote als Irrläufer gebrandmarkt werden. Man wird dann aber auch fragen, warum die politischen und geisteswissenschaftlichen Eliten unserer Zeit der Kirche die Verbreitung und Indoktrination eines häufig unethischen und unsinnigen Gedankenguts so lange erlaubt haben.

Heinrich-K. Bahnen aus Aachen reagiert auf die Leserbriefe unter dem Titel „Ein Zeugnis dieser Kirche“ zu Bischof Helmut Dieser:

Ein glaubwürdiges Zeugnis! Wenn ich es recht verstehe, ist ein katholischer Bischof Nachfolger der Apostel, also derjenigen, die für Jesus und seine Botschaft Kopf und Kragen riskierten. Beliebt zu sein und nach Anerkennung zu streben, sind meines Wissens keine bischöflichen Tugenden. Zum Gespräch und zur Zusammenarbeit bereiten Einzelpersonen und Gremien zeigte er die kalte Schulter und bot das Bild eines zum Dialog unwilligen, wenn nicht gar unfähigen Nachfolgers der Apostel. Eine als Gesprächsprozess „Heute bei dir“ deklarierte Imagekampagne schlug fehl, obwohl eine Menge Geld, Arbeitskraft, Vorschuss an Vertrauen und Bereitschaft zur Mitarbeit investiert wurden. Die sachlichen Ergebnisse blieben dürftig, das negative Erscheinungsbild des Bischofs bekam unter anderem durch Bauernopfer, zuletzt die Entlassung des Bistumssprechers Stefan Wieland, kräftigere Züge. Wer zieht Bischof Dieser wegen Verschwendung von Ressourcen für seine eigenen Interessen zur Rechenschaft? Die klerikale Machtstruktur der Kirche steht derzeit auf dem Prüfstand. Dass sie sich überlebt hat, ließe sich glaubwürdig unter Beweis stellen, indem Bischof Diesers Streben nach Selbstdarstellung Einhalt geboten würde.