Aachen: Zwischen Wahn und Realität: Als Bufdi in der Johannes-Station

Aachen: Zwischen Wahn und Realität: Als Bufdi in der Johannes-Station

Es ist ein silberfarbener Schlüssel, der die Grenze zwischen Realität und Wahn markiert. Wenn Ann-Cathrin Biermann das Schloss der gläsernen Tür öffnet, weiß sie nie so recht, was sie heute erwartet. In der Johannes-Station des Alexianer Krankenhauses ist kein Tag wie der andere. Die 26-Jährige ist ein sogenannter Bufdi.

Seit knapp zwölf Monaten leistet sie ihren Bundesfreiwilligendienst am psychiatrischen Krankenhaus inmitten der Aachener Innenstadt.

Ein Job, der auch mal an die Nieren geht: Ann-Cathrin Biermann (links) weist ihre Nachfolgerin Lea Letiexhe in die Abläufe der Johannes-Station am Alexianer Krankenhaus ein. In wenigen Tagen endet ihr Bundesfreiwilligendienst. Foto: Annika Kasties, Harald Krömer

Ursprünglich sahen ihre beruflichen Pläne ganz anders aus. Einige Jahre war Ann-Cathrin als Fotografin tätig. Heute betreut sie Menschen, deren Wahrnehmung, Denken und Affektivität durch eine psychische Erkrankung gestört ist. Schizophrenie, Manie, Depression und Persönlichkeitsstörungen wie Borderline heißen die Krankheitsbilder, mit denen sie sich täglich beschäftigt.

In der Johannes-Station befinden sich die besonders schweren Fälle. Als eine Akut-Aufnahmestation gleicht der Trakt einer psychiatrischen Intensivstation. Hier werden Menschen aufgenommen und behandelt, die sich in einer akuten und existenziellen Krise befinden und eine Gefahr für sich selbst und/oder andere darstellen. Ann-Cathrin und ihre Kollegen sprechen deshalb lieber von einer „geschützten“ statt einer „geschlossenen Station“.

Die Patienten seien zum Teil so stark in ihrem Zustand gefangen, dass an eine Therapie zum gegenwärtigen Zeitpunkt oft nicht zu denken sei. Sie müssen zunächst zur Ruhe kommen.

Faszinierendes Thema

Harter Tobak für eine junge Frau. Doch wenn Ann-Cathrin über ihre Arbeit spricht, fällt vor allem ihre positive Ausstrahlung und ihr herzliches Lachen auf. Die 26-Jährige scheint mit ihrer Entscheidung, sich beruflich neu zu orientieren, völlig im Reinen zu sein. „Der soziale Bereich hat mich schon immer begeistert, und die Psychiatrie war für mich ein faszinierendes Thema“, erklärt sie. „Ich wollte wissen, wie es dort wirklich aussieht.“

Die Spätschicht beginnt. Ann-Cathrin hatte einige Tage keinen Dienst und lässt sich im Stationszimmer auf den aktuellen Stand bringen. Heute ist es vergleichsweise ruhig. Das war in den vergangenen Tagen anders. Die Patienten waren angespannt, einige aggressiv. Das signalisierte der 26-Jährigen bereits ein Zettel, der an der gläsernen Eingangstür hängt und das Pflegepersonal dazu auffordert, zu klingeln, statt den Schlüssel zu benutzen. Manchmal versuchen Patienten den Schichtwechsel zu nutzen, um sich nach draußen zu mogeln, obwohl sie keinen Ausgang haben.

Die psychischen Probleme der Patienten in der Station sind unverkennbar. Ein Mann mit einem schwarzen Buch in der Hand redet aufgeregt auf Ann-Cathrin ein. Einige Meter weiter entfernt sitzt eine junge Frau auf einem Stuhl und starrt ins vermeintliche Nichts. Das Personal bemüht sich, die Station für ihre Patienten so angenehm wie möglich zu gestalten. An den Wänden hängen rote Bilder. Es gibt einen Kicker und einen Raucherraum. Weiße Arztkittel sucht man hier vergebens.

Ob Facharzt, Bufdi oder Jahrespraktikant, das Personal ist bewusst in ziviler Kleidung unterwegs. Nur ein schwarz-weißes Namensschild unterscheidet es optisch von den Patienten. Es ist vor allem der Umgang mit Türen, der verdeutlicht, dass sich nicht alle Menschen freiwillig in der Johannes-Station aufhalten. Ann-Cathrin und ihre Kollegen achten penibel darauf, jede Tür hinter sich ins Schloss fallen zu lassen. Sie wollen kein Risiko eingehen.

Natürlich sei es ein Job, der auch mal an die Nieren gehe, gesteht die 26-Jährige. Umso wichtiger sei deshalb eine ordentliche Portion Humor. „Man muss sich bewusst sein, was einen erwartet. Ich darf das, was ich hier mitkriege, nicht mit nach Hause nehmen. Sobald sich die Tür hinter mir schließt, ist Schluss“, sagt sie und genehmigt sich im Aufenthaltsraum des Pflegepersonals einen Schluck Kaffee aus ihrer bunten Henkeltasse. Vom Flur ertönen laute Stimmen.

Ein Mann schreit Unverständliches. „Hier ist eben immer etwas los, wie man merkt“, kommentiert Ann-Cathrin und lacht kurz auf. Da ist sie wieder, diese ansteckende Lebensfreude, die ihren Alltag begleitet. „Man darf nichts persönlich nehmen. Manche Patienten werden auch mal ausfallend und wollen einen provozieren, aber darüber muss man hinwegsehen.“

Ernst wird Ann-Cathrin, wenn sie über die Verantwortung der Gesellschaft gegenüber ihren Mitmenschen spricht. „Jeder sollte sich fragen: Was ist eigentlich normal? In den Köpfen der Menschen ist immer noch verankert, dass man immer funktionieren muss“, kritisiert sie die Stigmatisierung psychischer Krankheiten. „Es ist wichtig, auch mal nach links und nach rechts zu gucken. Die Psychiatrie ist für viele Menschen noch ein rotes Tuch. Dass Depression aber genauso eine Volkskrankheit ist wie eine Magen-Darm-Infektion, vergessen viele.“

Auf den Boden der Tatsachen

Durch die vergangenen zwölf Monate habe sich ihre Perspektive auf das Leben und die Gesellschaft verändert. „Ich habe in diesem Jahr wahnsinnig viel gelernt und nehme menschlich so viel mit. Die Arbeit holt einen auf den Boden der Tatsachen zurück. Wenn man sieht, was diese Menschen mitmachen und was wir selbst zu Problemen machen — das bringt einen zum Nachdenken.“

Ihre Zeit am Alexianer Krankenhaus hat Ann-Cathrin in ihrem Entschluss, sich beruflich neu zu orientieren, bestärkt. Im Oktober beginnt sie eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Sie möchte auch weiterhin Menschen in Krisensituationen begleiten. Einige Tage wird sie dies noch in der Johannes-Station tun. Bis Ende August ihr Bundesfreiwilligendienst endet. Und sich die Tür wieder hinter ihr schließt.