Köln: Zwei Jahre nach Archiveinsturz: Offene Fragen und Wunden

Köln: Zwei Jahre nach Archiveinsturz: Offene Fragen und Wunden

Vor zwei Jahren verschwand das Kölner Stadtarchiv an einem Mittag von der Bildfläche. Binnen Sekunden stürzte der Bau ein, begrub zwei junge Männer unter den Schuttmassen. Noch immer ist unklar, was genau die Katastrophe auslöste, wer Schuld trägt. Die Ungeduld wächst.

Geblieben sind Narben und offene Fragen. Vor zwei Jahren - am 3. März 2009 - stürzte das Kölner Stadtarchiv in der Innenstadt ein, der Schock über die verlorenen Kulturschätze und auch europaweit bedeutenden Handschriften und Urkunden war riesig. Doch es kam noch schlimmer: Zwei Anwohner wurden vermisst. Den 17-jährigen Kevin zogen Feuerwehrkräfte vier Tage später tot aus den Trümmern, dann entdeckten sie den Leichnam des 23-jährigen Khalil. Seitdem ist für die Rettung der Archivgüter Enormes geleistet worden, viele Betroffene haben Hilfe erhalten. Aber es bleiben Fragen - was war die Unglücksursache, wer hat Schuld, warum dauert die Aufarbeitung so quälend lang?

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt. Ein Ende ist auch nach vielen Razzien bei Baufirmen und den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB) nicht abzusehen. Die KVB baut eine neue U-Bahn-Linie, eine Baugrube liegt direkt an der Einsturzstelle und steht mit dem Unglück in Verbindung. Was genau aber am 3. März 2009 passierte, ist weiter unklar, sagt Oberstaatsanwalt Torsten Elschenbroich, der eine Sonderkommission dazu leitet. Er weiß, dass die Bevölkerung Antworten verlangt. Auch KVB-Vorstandssprecher Jürgen Fenske erklärt: „Ich verstehe die große Ungeduld der Stadt, vor allem auch bei den Betroffenen (...) Ich verstehe auch den Unmut.” Der Fall sei aber hochkompliziert.

Warum schleppt sich alles so hin? Dreh- und Angelpunkt ist der Zugang zu einer wichtigen Stelle am Unglücksort, die auch zwei Jahre danach noch kein Ermittler genau inspizieren konnte. Das liegt nach wie vor an der Bergung der Archivalien - oberirdisch ging die recht fix, unterirdisch aber nicht. In einem tiefen Krater liegen noch immer Archivgüter im Grundwasser, vermischt mit Schlamm und riesigen Betontrümmerteilen. Erst wenn hier alles rausgeholt sei, könne die Stelle übergeben werden, sagen Stadt und Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia.

Auch das Landgericht drängt auf Tempo: Stadt und KVB müssen schnellstmöglich ein Besichtigungsbauwerk errichten, um der Schadensursache endlich auf den Grund gehen zu können. Aber auch das wird wieder dauern: „Unseren Planungen gemäß werden wir hiermit voraussichtlich im August dieses Jahres beginnen können. Die Arbeiten werden etwa ein Jahr dauern”, sagt KVB-Chef Jörn Schwarze. „Baubegleitend werden wir mit Tauchern runtergehen, um Schlitzwanddefekte genau zu überprüfen und zu filmen.” Experten vermuten, dass Mängel an Schlitzwänden zum Eindringen von Grundwasser-Massen führten, was wiederum unterirdische Bodenbewegungen und den Einsturz verursacht haben könnte.

Pfusch, Fehler, Material-Diebstahl an der Baustelle und Protokoll-Fälschungen haben die Ermittlungen bisher offengelegt. Das alles hat das Vertrauen der Kölner schwer erschüttert. Oberstaatsanwalt Elschenbroich - der noch immer von einem „sehr emotional aufwühlenden Ereignis” spricht - arbeitet mit Kripo und wissenschaftlichen Gutachtern seit März 2009 zusammen. Nach den Razzien wertet er Computerfestplatten und 2500 beschlagnahmte Aktenordner aus. Man stehe vor einer gigantischen Aufgabe, betont er.

Das gilt auch für die Restauratoren: 90 Prozent der Bestände sind geborgen, davon 85 Prozent in einem mittel bis schwer beschädigten Zustand. Aber: „Geborgen heißt nicht gerettet”, sagt Schmidt-Czaia. Eine Restaurierung werde bis zu 50 Jahre dauern und 400 Millionen Euro kosten. Insgesamt kostet die Katastrophe die Stadt wohl mindestens eine Milliarde Euro, sagt Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD). Die KVB zahlte bisher 5,1 Millionen Euro Entschädigung an mehr als 200 Betroffene.

Es laufen auch Prozesse. Einige Betroffene klagen gegen die KVB, weil sie mit der Entschädigung nicht einverstanden sind. Fünf Klagen richten sich gegen die Stadt - private Leihgeber verlangen Schadenersatz für ihre Verluste. Aber auch hier ist Geduld gefragt, denn bis Ursache und Verantwortliche ermittelt sind, lassen die Gerichte die Verhandlungen gezwungenermaßen ruhen. Die Katastrophe sei „eines der dunkelsten Kapitel in der Stadtgeschichte”, sagt Roters zum zweiten Jahrestag. Bis Licht in dieses Dunkel kommt, dauert es nach Ansicht von Kritikern aber auch katastrophal lange.