Aachen: Zum 60. Geburtstag von Misereor: „Singen und spenden“

Aachen : Zum 60. Geburtstag von Misereor: „Singen und spenden“

Diese Stadt ist auf manches stolz: auf den Dom und das Reitturnier, auf den Karlspreis und die RWTH. Dass der Name Aachens in die Welt getragen wird, dafür sorgt aber noch mehr das Bischöfliche Hilfswerk Misereor, das in Aachen zu Hause ist. Es wird 2018 60 Jahre alt und unterstützt in 92 Ländern Menschen in Notlagen. Auch darauf kann man in Aachen zurecht stolz sein.

„Seit 2015 zeigt das große Engagement vieler Aachener in der Flüchtlingshilfe, dass es ein Grundgefühl in unserer Stadt gibt, über den eigenen Tellerrand zu schauen“, sagte Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp am Donnerstag, als er mit Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon die Aktion „Singen und spenden“ vorstellte. Sie ist das Geschenk der Stadt zum 60. Geburtstag des Hilfswerks.

Worum geht es? Die Stadt ruft alle Chöre in der gesamten Region Aachen, Düren, Heinsberg, Eifel sowie in den niederländischen und belgischen Nachbarkommunen auf, große oder kleine, spontane oder gründlicher geplante Konzerte zu organisieren und dabei für zwei Misereor-Projekte zu sammeln, mit denen syrische Flüchtlinge unterstützt werden. Aachen wolle sich damit für das 60-jährige Engagement von Misereor bedanken und helfen, das Flüchtlingselend zu lindern. Philipp: „Wir dürfen uns nicht an die täglichen Schreckensnachrichten aus dem Nahen Osten gewöhnen. Wir müssen etwas tun.“

In den kommenden Wochen und Monaten soll sich also einiges tun — musikalisch und finanziell. Prinzipiell stehen für Auftritte alle Plätze in Aachen zur Verfügung: die Rotunde des Elisenbrunnens, Katschhof oder Kugelbrunnen, Westpark oder Neumarkt, Kennedypark oder Lousberg. Jeder Ort auch außerhalb der Stadtgrenzen, ob groß oder klein, Open Air oder überdacht, Sportplätze oder geschlossene Räume — alles ist möglich. „Das Ordnungsamt wird nicht einschreiten“, verspricht Philipp. Nur eine kleine Bedingung gibt es:

Professionelle Chöre, Schul-, Kirchen oder Hobbychöre, Sängerinnen und Sänger, die Interesse an einem Misereor-Benefizkonzert haben, werden gebeten, sich per Mail mit ihrem Wunschtermin und dem Ort bei der Stadt zu melden: syrien@mail.aachen.de (weitere Angaben: siehe Infobox). Dort werden Tage und Zeiten koordiniert und die Plätze reserviert. Außerdem erhalten die Veranstalter dann von Misereor Spendenboxen, Plakate und Flyer mit allen relevanten Informationen über die Misereor-Projekte.

Wer das Benefiz-Konzert größer und aufwendiger aufziehen möchte, dem wird die Stadt einen Saal kostenlos zur Verfügung stellen, und Philipp macht da auch vor dem Krönungssaal im Rathaus nicht Halt. Er kann sich durchaus vorstellen, dass mehrere Chöre dort bei einem Abschlusskonzert mit einem gemeinsamen Programm die Geburtstagsaktion zugunsten syrischer Flüchtlinge unterstützen. Die gesamte Aktion soll — mit Schwerpunkt in den Sommermonaten — bis zum Jahresende laufen.

Misereor sagt zu, dass alle Spenden zu hundert Prozent in die Syrienhilfe fließen. Bröckelmann-Simon nennt zwei Projekte. Libanon, das kleine Nachbarland Syriens mit 4,6 Millionen Einwohnern, beherbergt derzeit 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge; Misereor unterstützt hier Kindergärten, Schulunterricht und auch psychologische Betreuung für syrische Flüchtlingskinder durch den Jesuit Refugee Service (JRS). Im syrischen Aleppo, das weitgehend zerstört ist, hilft Misereor in der dortigen Poliklinik des JRS bei der medizinischen Versorgung.

Wie dringend erforderlich diese und andere Maßnahmen sind, daran lässt Bröckelmann-Simon keinen Zweifel: „In den bislang acht Jahren des syrischen Krieges sind 400.000 Menschen getötet worden, ist die Lebenserwartung um 20 Jahre gesunken. In Syrien gibt es 6,6 Millionen Binnenflüchtlinge, in anderen Ländern insgesamt weitere sechs Millionen. Das Ausmaß an Gewalt und Zerstörung ist riesengroß.“ Nicht nur an Zahlen, sondern an konkreten Beispielen lässt sich das unsägliche Leid der Menschen ermessen. „Kleine Kinder erkennen Mörsergranaten an deren Schussgeräusch“, sagt Bröckelmann-Simon. „Was ist das für eine Kindheit!?“

Dagegen hilft die Aachener Aktion. In den ersten beiden Wochen wird sie begleitet von einer Foto-Ausstellung im Haus Löwenstein am Marktplatz in Aachen. Dort sind vom 11. bis 22. Juni (montags bis freitags von 12 bis 17 Uhr) Bilder des Aachener Fotografen Eric Greven zu sehen, der 2015 im syrisch-libanesischen Grenzgebiet war und seine Bachelorarbeit an der Fachhochschule Aachen darüber geschrieben hat. „Ich suchte damals Kooperationspartner, und Misereor hat erstaunlich schnell und positiv reagiert.“ Sein Ansatz? „Hilfsbereitschaft in großem Leid — das wollte ich zeigen.“

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