Kall: Zufallsfund: Eifeler Kuhmilch für Allergiker geeignet

Kall : Zufallsfund: Eifeler Kuhmilch für Allergiker geeignet

Es klingt zunächst wie ein Witz: Kühe, die eine Milch geben, die auch Menschen mit Laktoseintoleranz vertragen können? Und kein technischer Trick, kein aufwendiges Verfahren steckt dahinter?

In der Tat. Christoph Gerden aus Kall-Keldenich ist ein Landwirt, der sich auf alte Kuhrassen konzentriert und durch Zufall auf die besondere Milch, die seine Kühe geben, gestoßen ist. Nun beschreitet er mit Altem neue Wege.

Der findige Landwirt und seine „Eifeler Ur-Milch“: Christoph Gerden hat schon Anfragen von Supermarktketten erhalten. Foto: Gudrun Klinkhammer

Auf Gerdens Taubentaler Hof stehen 140 Kühe. 70 Kühe davon geben Milch, die sich von herkömmlicher Milch schlicht in der Zusammensetzung der Eiweiße, also der Proteine, unterscheidet. Gerden nennt diese speziellen Kühe liebevoll die „A2-Mädels“, denn ihre Milch enthält das Eiweißbestandteil in der Form „A2“.

In der herkömmlichen Milch (A1) findet sich der Stoff Histidin, der Laktoseintoleranz auslöst. In der A2-Milch fehlt dieser Stoff, stattdessen wird er von Prolin, einem wesentlich verträglicheren Baustein, ersetzt. Gerden: „In Neuseeland wird die A2-Milch seit 1984 untersucht und angeboten. Rund zwölf Prozent der dortigen Betriebe haben inzwischen komplett auf A2-Milch umgestellt.“

Der Zufallsfund

Bei Christoph Gerden kam einiges zusammen, bevor er auf die A2-Milch stieß und sie für sich als möglichen Wirtschaftsfaktor wahrnahm. Der Milchmarkt in Deutschland ist extrem schwierig für die Produzenten. Die Bauern sind entsprechend unzufrieden mit der europäischen Milchpolitik. Seit zehn Jahren macht der 46-Jährige seinen Ärger über Schleuderpreise, auf die er als Produzent keinen Einfluss nehmen kann, immer wieder öffentlich.

18 Cent pro Liter erhält Gerden derzeit netto für seine Milch. Dafür kann er die Milch nicht produzieren. Vor Jahren verschaffte er seiner Wut Luft, indem er provokant ein ganzes Güllefass voller Milch auf eines seiner Felder kippte. „Da seht ihr, wie wertlos die Milch geworden ist“, wollte er damit demonstrieren.

Dann fuhr er in einem Traktor-Konvoi mit 1000 weiteren Landwirten über die belgische Autobahn nach Brüssel, um dort seinen Unmut zu zeigen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Netto-Milchpreise hängen dauerhaft im Keller, die Milchwirtschaft will es so.

40 Cent pro Liter wären ein gerechter Preis, meint Gerden. Doch das ist für die Landwirte ein weit entfernter Traum. Für die Produzenten, die keinen Einfluss auf die Vermarktung ihres eigenen Produkts haben, ist das ein ständiger Schlag ins Kontor.

Gerden, verheiratet und Vater von zwei Kindern, ärgert sich: „Geh‘ ich in den Stall, dann nehme ich Geld mit. Das ist einfach kein gesunder Markt.“ Viele Bauern, berichtet er, setzen inzwischen auf ein zweites oder gar drittes Standbein. Sie verpachten ihr Land, damit Windräder darauf gebaut werden, oder verkaufen es ganz. Viele geben einfach auf.

Doch dazu war und ist Gerden, ein Bauer aus Leidenschaft, nicht bereit. Er wünscht sich einen gesunden Betrieb mit gesundem Vieh, keine industrielle Massenproduktionsstätte. Da fiel ihm vor vier Jahren ein Artikel in die Hände, indem es um A2-Milch ging. Gerden dachte: „Das könnte ja mal was für uns werden.“ Zwar ist letztlich jede Milch weiß, doch der Verbraucher schmeckt den Unterschied, vor allem wenn die Milch im Nachhinein so behandelt wurde, dass sie laktosereduziert ist.

Gerden ließ seine Kühe per DNA-Untersuchung testen und wurde überrascht: Rund die Hälfte seiner Kühe sind reinerbige A2-Tiere, die andere Hälfte ist mischerbig. Was erleichternd hinzukam: Gerden hat noch nie auf Hochleistungsmilchvieh, also schwarz-bunte Holstein-Friesions gesetzt, die extrem viel Milch aber wenig Fleisch geben. Das entspricht nicht seiner Überzeugung von einer gesunden Tierhaltung.

Er setzte lieber auf Fleckvieh, das sowohl für die Milch— als auch für die Fleischlieferung gute Dienste tut. Und so erwies sich gerade sein Fleckviehbulle Ilion aus heutiger Sicht als absoluter Glückstreffer: Er ist ein reinerbiger A2-Bulle. „In den vergangenen zehn Jahren“, sagt Gerden, „hat Ilion viele Kälbchen gezeugt. Das ist heute unser Kapital.“

Experten gehen davon aus, dass in Deutschland rund 15 Prozent der Menschen von Laktoseintoleranz betroffen sind. Treffen kann dieses Problem jeden in jedem Alter von jetzt auf gleich. Gerden fächert auf, dass Milch aus Fett, Molke und festen Eiweißbausteinen besteht. Die Eiweißbausteine wiederum enthalten Zucker, Proteine und Laktose. Darin enthalten sind 229 Aminosäuren, und an Position 67 hängt der bereits beschriebene Unterschied.

Seit einigen Tagen vermarktet der Keldenicher Landwirt seine A2-Milch, die er „Eifeler Ur-Milch“ taufte, selbst — mit überwältigendem Erfolg. Unmittelbar am Kuhstall steht nun in einer kleinen Holzhütte ein Milchautomat, Glasflaschen und Becher stehen gegen einen kleinen Obolus für die Mitnahme der Milch bereit.

Seine ersten Kunden geraten ins Schwärmen. Anni Metz aus Kall zum Beispiel. Die 66-Jährige hat seit Jahren keine Milch aus dem Supermarkt mehr getrunken, weil sie ihr nicht schmeckt. Jetzt nimmt sie einen tiefen Schluck von der frisch gezapften A2-Milch und sagt: „Oh, lecker, das schmeckt wie früher, richtig nach Milch.“ Auch drei Menschen mit Laktoseintoleranz haben Bauer Gerdens Milch schon getestet und haben sie laut Gerden gut vertragen.

Der findige Bauer freut sich. „Auch große Supermarktketten haben schon angefragt, ob sie unsere Milch haben können.“ Er wird in Verhandlungen treten.

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