Aachen: Zu viele Psychopharmaka in Pflegeheimen

Aachen: Zu viele Psychopharmaka in Pflegeheimen

Die Menschen in der Region sind zu dick, zu nachlässig in der Krebsvorsorge, zu sorglos, was den Alkoholkonsum bei Jugendlichen und die Verabreichung von Psychopharmaka bei Patienten in Pflegeheimen betrifft.

Auf der anderen Seite: Es gibt weniger Gelenkersatz-Operationen und eine gute Bilanz bei Schlaganfall-Patienten: Der Gesundheitsreport 2014 der AOK Rheinland/Hamburg, mit 2,87 Millionen Versicherten größte gesetzliche Krankenversicherung in NRW, verrät, wo es in Gesundheitsfragen Brennpunkte und positive Entwicklungen gibt in den Kreisen Düren, Heinsberg sowie in der Städteregion Aachen. Die Daten zeigen, wie sehr sich die Strukturen regional unterscheiden können. „Wir sind gar nicht glücklich mit manchen Entwicklungen“, betont AOK-Regionaldirektor Waldemar Radtke.

Pflegeheime: Beunruhigend sind die vorliegenden Zahlen zum Einsatz von Psychopharmaka in Pflegeheimen. Verglichen wurde der Medikamenteneinsatz bei Menschen, die zu Hause gepflegt werden, mit der Gabe von Psychopharmaka bei jenen, die in einem Pflegeheim leben. Im Kreis Heinsberg werden in Heimen sage und schreibe 358 Prozent mehr Psychopharmaka als in der Vergleichsgruppe zu Hause gegeben. Im Kreis Düren sind es immer noch 132 Prozent, in der Stadt Aachen 80 Prozent. Nur der ehemalige Kreis Aachen liegt mit 18 Prozent fast auf einer Höhe. „Das wurde bei uns bisher nicht als Thema erkannt, wir können das aber nicht so einfach hinnehmen und müssen Gespräche führen“, versichert Radtke

Krebsvorsorge: Männer sind und bleiben Vorsorgemuffel. Lediglich 17 bis 19 Prozent der 45- bis 64-Jährigen nutzten 2014 die Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung. Die Werte haben sich seit 2013 (rund 16,9) nicht verändert. Bei den Frauen sieht es zwar besser aus (43,42 Prozent in Aachen, 47,06 Prozent im ehemaligen Kreis Aachen), doch seit 2009 (rund 50 Prozent) haben sich die Zahlen bei den Vorsorgeuntersuchungen leicht verschlechter. „Wir haben auf einen Anstieg gehofft, seit wir die Samstagsöffnungszeiten von Gynäkologen anbieten“, meint Barbara Feykens, Fachserviceleiterin „Medizinische Versorgung“ und AOK-Statistik-Expertin, „aber da bewegt sich nichts“ Adressen beteiligter Praxen finden sich im Internet unter http://www.aok.de/rheinland-hamburg/tu-s-fuer-dich-113712.php?bl_neu=12

Übergewicht: Sorge bereitet jener Anteil der Bevölkerung, der „adipös“ und sogar „massiv adipös“ — also krankhaft dick ist. Der Kreis Düren liegt dabei mit 19,4 Prozent in NRW (Durchschnitt: 16,2 Prozent) auf dem dritten Platz nach Duisburg (20,2 Prozent) und dem Oberbergischen Kreis (19,5 Prozent). Im Kreis Heinsberg bringen 17,6 Prozent zu viele Pfunde auf die Waage, in der Städteregion 15,7 Prozent.

Jugendliche: Während immer mehr junge Leute in Folge der Kampagne „Be smart — don‘t start“ rauchfrei werden oder bleiben, ist der Alkoholkonsum regional ein wachsendes Problem. So mussten 2013 im Kreis Düren 435, in Stadt (272) und Altkreis Aachen (433) insgesamt 705 Jugendliche im Alter zwischen zehn und unter 20 Jahren mit Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus. „Wir wollen zu diesem Problem eine Kampagne entwickeln, ähnlich wie die Anti-Rauchen-Aktion“, sagt Radtke. „Wir brauchen die Politik, aber Prävention funktioniert eben nicht in einer Legislaturperiode.“

Impfungen: Bei den Impfungen gegen Masern/Röteln und Diphterie/Tetanus bewegt man sich zwar im 90-Prozent-Bereich, doch die fehlenden Anteile bereiten der AOK dennoch Sorgen. „Wer nicht impfen lässt, handelt fahrlässig“, betont Radtke. „Die Ausrottung einer Erkrankung gelingt nur bei 100 Prozent.“ Auffällig ist zudem die geringere Teilnahme an den Früherkennungsuntersuchungen U10 für Kinder im Alter zwischen sieben und acht Jahren, bei denen Entwicklungs- und Verhaltensstörungen erkannt werden können.

Schlaganfall: Eine gute Bilanz zeigt sich bei der Behandlung des Schlaganfalls. Kreis Düren (90,64 Prozent), Stadt (90,16 Prozent) und Altkreis Aachen (86,88) überzeugen mit einer hohen Versorgung in Spezialstationen, den „Stroke Units“, die inzwischen gezielt von Rettungsteams angefahren werden. „Die meisten Betroffenen kommen in das richtige Krankenhaus, selbst in ländlichen Gebieten“, versichert Barbara Feykens. NRW-weit werden 51,3 Schlaganfall-Patienten in einer „Stroke Unit“ behandelt. Eine Übergangslösung für Schlaganfall-Patienten gibt es im Kreis Heinsberg im Hermann-Josef-Krankenhaus Erkelenz, wo 2015 die Versorgungsstruktur laut AOK Rheinland erweitert werden soll.

Wirbelsäule: Eingriffe an der Wirbelsäule haben in der Zeit zwischen 2007 und 2013 deutlich zugenommen. „Es hat große Entwicklungen bei den Operationsmethoden gegeben, viele Eingriffe geschehen minimalinvasiv“, berichtet Barbara Feykens. „Hohe Steigerungen zeichnen sich ab, sobald entsprechende Experten an den Krankenhäuser etabliert werden.“ So gab es im Kreis Düren in besagtem Zeitraum eine Steigerungsrate von 114,02 Prozent (von 107 zu 229 Fällen). Stark ist man dort gleichfalls bei den unterschiedlichen Formen der Bandscheibenprothesen — Steigerung von 411,11 Prozent (2007: 18, 2013: 92 Eingriffe).

Knie und Hüfte: Die Zahl der Gelenkersatz-Operationen ist deutlich zurückgegangen. „Immer mehr Patienten zögern den Eingriff durch Reha-Maßnahmen heraus“, erklärt Radtke. „Allerdings müssen wir in einigen Jahren mit einem Anstieg der Revisionsoperationen rechnen, wenn die Prothesen sich lockern oder erneut ersetzt werden müssen.“

Insgesamt stellt Waldemar Radtke fest: Die Anzahl von Medikamenten in den Schränken der über 65-Jährigen ist ein wachsendes Problem. „Wir brauchen dringend Pharmako-Berater, und die Gesundheitskarte sollte endlich mehr Informationen trage, als das Foto ihres Besitzers“, fordert er. In medizinischen Zentren sieht er die Zukunft einer „vernetzten Gesundheitsregion“. Ein erster Kongress zu diesem Thema soll noch 2015 alle Beteiligten an einen Tisch holen.