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Heerlen: Zeit reif für Omas Asche am Handgelenk?

Heerlen : Zeit reif für Omas Asche am Handgelenk?

Lange Leichentrucks „made in Holland“ für Massenkarambolagen, flimmernde Flachbildschirme in Grabsteinen und schnittige Särge, die aussehen wie Ferraris: Beim „International Funeral Award (IFA)“, einer Art Oscar-Verleihung der Bestattungsbranche, fahren niederländische Nominierte traditionell die extravagantesten Modelle der Trauerindustrie vor.

Bei der 14. Auflage der internationalen Preisverleihung, die jetzt in Heerlen über die Bühne ging, gab‘s weniger Skurriles — dafür aber einen neuen Trend. Vieles, was noch vor einigen Jahren in Sachen Beerdigung und Friedhofskultur im diesbezüglich enorm konservativen Deutschland unerhört oder unerlaubt war, scheint nun doch (bald) möglich. Wobei der Umgang mit der Asche von Verstorbenen tatsächlich in eine rechtliche Grauzone führt.

Galant geehrt: Künstlerin Angela Stehr (2.v.l.) erhält in Heerlen von der deutschen IFA-Vorsitzenden Mira Moos (3.v.l.) den Funeral Award 2013 — flankiert von den Moderatoren Maike Zweerings (r.) und Robert Esser. Foto: Graf

Umjubelter Gewinner des „International Funeral Awards 2013“ ist Willem van den Berg. Der Uhrmacher aus Hertogenbosch sorgt dafür, dass Omas Asche in exklusiven Armbanduhren landet. Und damit immer am Puls der Angehörigen getragen wird. „Gedenkhorloge“ nennt er das. In teils sündhaft teure Chronographen implantiert er Miniatur-Urnen — auf Wunsch auch inklusive Haarsträhne des Verstorbenen. „Viele Trauernde fühlen sich wohler, wenn ein Teil des geliebten Angehörigen weiterhin am Leben teilnimmt“, sagt van den Berg.

Die Idee, Asche wie Haare und ähnliches von Verstorbenen in Schmuck einzuarbeiten, ist nicht neu. Schon länger sucht die Bestattungsbranche nach Innovationen und, ja, auch alternativen Einnahmequellen, um Umsatzverluste wegen der immer beliebteren preiswerten Kremierungen und Urnenbestattungen zu kompensieren. Dabei ist der „Markt“ riesig und beständig: Über 840.000 Deutsche sterben pro Jahr.

Wer das nötige Kleingeld investiert, kann sich die Asche eines Verblichenen buchstäblich unter Hochdruck zu einem synthetischen Diamanten pressen lassen. Den kann man dann theoretisch in Ringe und Colliers einfassen und herumtragen — anstatt einer konventionellen Urnenbestattung. Bloß: In Deutschland ist dies eigentlich verboten. Das Gesetz gibt die sogenannte Bestattungspflicht vor. Will sagen: Sarg und Leichnam gehören unter die Erde — und dies nicht irgendwo. Auch nach der Kremierung muss die Asche auf einem Friedhof beigesetzt werden. Dies gilt ebenso, wenn Deutsche im liberalen Ausland — günstigenfalls in den Niederlanden — kremiert werden. Doch kontrolliert in der Regel niemand die Rückführung der Asche in die Bundesrepublik. Wie viele Leichen auf diese Weise verschwinden — auf dem Kaminsims oder im privaten Vorgarten — weiß niemand. Deshalb drängen einzelne Bundesländer und auch die Europäische Union auf eine Lockerung der Bestattungspflicht.

Geradezu harmlos, dafür umso sensibler, mutet da die Idee an, für die Angela Stehr die deutsche Wertung des „International Funeral Awards 2013“ gewann. Die Künstlerin kreiert in ihrem Hof-Atelier in Tespe an der Elbe „Traueroblaten“. Das sind handtellergroße Tonfragmente, die den Verstorbenen mit einem geprägten letzten Gruß ins Grab begleiten. Die deutsche IFA-Vorsitzende Mira Moos zeichnete Stehr in Heerlen aus. „Die Beigabe ist stilvoll, sehr individuell und letztlich genauso vergänglich wie sterbliche Überreste — alles kehrt ganz natürlich zur Erde zurück“, sagte die Aachenerin.

In Deutschland gilt es mittlerweile als erlaubt, ein paar Gramm Asche von Verstorbenen in Andenken — Schmuck oder Uhren — einzuarbeiten. Natürlich nicht die komplette Asche eines Toten. Wie groß der Anteil sein muss, der letztlich auf einem Friedhof dem Gesetz Genüge tut, ist unklar. Auch hier verschieben sich Grenzen — Richtung Niederlande.