Aachen: Zeit nach der Braunkohle: Innovationsregion in der Selbstfindungsphase

Aachen: Zeit nach der Braunkohle: Innovationsregion in der Selbstfindungsphase

Irgendwie hängt alles miteinander zusammen: die Jamaika-Gespräche in Berlin, die Klimakonferenz in Bonn und die Pläne der neuen Landesregierung. Deren Ergebnisse haben weitreichende Konsequenzen für das von der Braunkohle-Verstromung geprägte Rheinische Revier. Schon längst bereiten sich die Kommunen im Areal zwischen Düsseldorf, Köln und Aachen auf die Zeit nach den Tagebauen vor.

Die landschaftliche Perspektive liegt fest: Dort, wo sich aktuell die Tagebaue Inden, Hambach und Garzweiler befinden, werden Restseen entstehen. Die wirtschaftliche Zukunft ist allerdings ungewiss. Mit der Innovationsregion Rheinisches Revier (IRR) soll eigentlich der Motor des Strukturwandels bereits gefunden sein, doch in den Augen vieler Akteure läuft es nicht rund.

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Manche sind davon überzeugt, dass der Motor zu wenig Pferdestärken besitzt: IRR-Geschäftsführer Heinz Weifels gilt als Fachmann und ist bestens vernetzt. Schließlich sammelte er als Projektleiter der landeseigenen Entwicklungsgesellschaft „NRW.URBAN Service GmbH“ viele Jahre Erfahrung in der Belebung von Industriebrachen sowie von Konzepten für Stadt- und Regionsentwicklung. Allerdings arbeitet er in Teilzeit. Zu wenig, meinen einige, ein hauptamtlicher Geschäftsführer in Vollzeit müsse her, lautet die Forderung.

ARCHIV - Das Elektrofahrzeug "Work" des Herstellers Streetscooter für die Deutsche Post steht am 14.04.2016 während einer Konferenz zu Elektromobilität in Leipzig (Sachsen) in einer Messehalle. (zu dpa „Startschuss für Elektro-Autos der Post im Saarland gefallen“ vom 08.11.2017) Foto: Jan Woitas/dpa

Zudem wird der Ruf nach mehr Geld aus Düsseldorf und Berlin lauter. Mit Spannung wird nun die IRR-Revierkonferenz am 8. Dezember erwartet, bei der auch der neue NRW-Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie, Andreas Pinkwart (FDP), sprechen wird. Zuvor tagt der Aufsichtsrat mit dem neuen Vorsitzenden, Staatssekretär Christoph Dammermann. Dessen „Vorstellung ist, dass sich die IRR GmbH als Dienstleister für die Kommunen und Unternehmen im Rheinischen Revier etabliert, der Projekte vorantreibt und dafür die notwendigen Fördermittel bei EU und Bund einwirbt.“

Solarthermisches Demonstrations- und Versuchskraftwerk Jülich, Solarturm, Betreiber: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt; bis etwa 2012: Stadtwerke Jülich; an der Spitze zu sehen: der Receiver; im Mittelbereich: Forschungsplattform mit Rolltor; auf dem Feld davor: über 2000 einzeln steuerbare Spiegel

Wenn es darum geht, finanzielle Unterstützung aus Berlin für das Rheinische Revier zu erhalten, sieht auch Weifels die IRR als ersten Ansprechpartner. „Wenn das frühere Aus der Braunkohleverstromung kommt, dann müssen die Prozesse beschleunigt und es muss schneller mehr Geld in die Hand genommen werden“, sagt er. Dass bestimmte Prozesse wie Genehmigungsverfahren Zeit benötigen und manchmal Jahre dauern, verschweigt er nicht.

Auch Wolfgang Spelthahn gehört nicht zu denjenigen, die Horrorszenarien entwerfen. „Wir sind ja keine notleidende Region“, sagt der Landrat des Kreises Düren. Er mache sich daher weniger Sorgen um die wegfallenden Arbeitsplätze in der Braunkohle. „Aber es muss eine geordnete Infrastruktur in der Landschaft hinterlassen werden. Das ist Risiko und Chance zugleich“, sagt der CDU-Politiker. Spelthahn will die einmalige Chance nutzen, die gesamte Infrastruktur zu überarbeiten. Dazu gehört für ihn das Verkehrsnetz, denn Wachstum und Mobilität, so postuliert Spelthahn, gehören zusammen. Von Linnich soll der Lückenschluss nach Hückelhoven-Baal und damit die Schienenanbindung nach Düsseldorf endlich gelingen, die Bördebahn soll den Kreis Düren mit Euskirchen und Bonn verbinden. Für das dritte Gleis zwischen Köln und Aachen kämpft Spelthahn ohnehin.

Wachstum und neue Siedlungen

„Dafür müssen Sondermittel im Sinne des Strukturwandels fließen“, fordert er. Wer will schon Jahrzehnte warten, bis der Verkehrswegeplan abgearbeitet ist? Zehntausende Neubürger sollen in den Kreis Düren ziehen, bevorzugt aus dem Raum Köln/Bonn. Nicht umsonst hatte der Kreis bei der Immobilienmesse Expo Real zuletzt Projekte in den Gemeinden Merzenich und Nörvenich im Gepäck. Sie sollen stark wachsen. „Und wir wollen neue Siedlungsstrukturen andenken“, bekräftigt der Landrat.

Er bekommt in Zeiten, in denen der Boden knapp wird, ein kostbares Geschenk. Über 1700 Hektar Fläche werden allein auf dem Gebiet des heutigen Tagebau Inden verfügbar, 1000 davon als Seefläche. „Nennen Sie mir mal eine Gebietskörperschaft, die 700 Hektar Fläche dazubekommt“, fragt Spelthahn. 700 Hektar oder 980 Fußballfelder oder sieben Quadratkilometer, die gestaltet werden wollen.

Beim Indeland-Geschäftsführer Jens Bröker stößt der Landrat mit solchen Worten auf offene Ohren. Natürlich, Spelthahn ist Aufsichtsratschef der Indeland GmbH. Im Dreieck zwischen Eschweiler, Jülich und Düren liegen schon einige Projekte auf dem Tisch, auch ein Masterplan wurde entwickelt, was im Umfeld des Indesees entstehen kann. Die Kommunen am Tagebau Inden sind auch zuerst von der Schließung eines Braunkohlestandorts betroffen. Nach derzeitiger Planung endet der Betrieb in Inden und Weisweiler im Jahr 2030. Bröker denkt jedoch über die Grenzen von Indeland weit hinaus: „Wir haben die unglaubliche Chance, etwas zu entwickeln auf einer Fläche, die in ihrer Größe einzigartig in Europa ist.“

Dafür ist jedoch Zusammenarbeit zwischen den Städten und Gemeinden gefordert. Eschweiler und Stolberg machten den Schulterschluss, um das Projekt „Industriedrehkreuz Weisweiler — Inden — Stolberg“ auf den Weg zu bringen. Aktuell befindet es sich in der zweiten Phase, im kommenden Jahr sollen konkrete Vorschläge auf dem Tisch liegen, wie man die Industriefläche in Weisweiler und die Flächen am Hauptbahnhof in Stolberg entwickeln kann. Dieses Vorhaben wird von der IRR betreut, die projektbezogen arbeitet und für jedes konkrete Vorhaben Fördermittel einfordert. „Wir wollen nicht nach dem Gießkannenprinzip vorgehen“, betont Weifels. Er möchte den Ideenwettbewerb fördern, bei dem sich gute Vorhaben durchsetzen.

Ernüchternde Entwicklung

Dennoch steht die IRR auch in der Kritik. „Wir sind gerade an einem Punkt, an dem wir uns zusammenraufen müssen“, sagt Michael F. Bayer, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen, mit Blick auf die IRR. Vor zwei, drei Jahren sei bei dem an sich „sehr guten Instrument“ eine Ernüchterung eingetreten. Er sieht die Zeit gekommen, sich neu aufzustellen. „Mindestens“ ein Geschäftsführer in Vollzeit müsse her. Damit der gefunden wird, schlägt Bayer eine operative Gruppe innerhalb des riesigen Aufsichtsrates vor, der turnusmäßig nur zweimal jährlich tagt. Die bislang projektfinanzierte IRR müsse dauerhaft ausgestattet werden. „Wir werden intensiv mit dem Land darüber diskutieren, wie eine solche Finanzierung aussehen kann“, kündigt Bayer an. Und dann fängt die eigentliche Arbeit ja erst an.

Die IRR brauche nicht mehr an die 70 Projekte wie bisher, sagt Bayer. „Wir müssen die drei, vier oder fünf wichtigen Regionalprojekte identifizieren und entwickeln“, fordert Bayer und nennt beispielhaft das Industriedrehkreuz Weisweiler oder das Wohnen im Dürener Raum. Diese Projekte müssten dann nach Berlin getragen werden. „Diese Achse kann kein anderer ausfüllen als die IRR“, ist der IHK-Chef sicher.

Wie Bayer empfiehlt auch Lothar Mahnke, Geschäftsführer der Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer (Agit) „auf Reset zu drücken und die IRR neu aufzustellen“. Mahnke findet es nicht schlimm, dass sich viele Organisationen (siehe Info-Box) mit dem Strukturwandel beschäftigen. Aber: „Wir arbeiten viel zu sehr an der Oberfläche. Wir müssen mehr in die Tiefe kommen.“ So doktern nach seiner Beobachtung alle an den Themen Logistik und Digitalisierung herum. 1000 Mal sei darüber schon gesprochen worden, moniert Mahnke, der früher mit der Beratungsfirma „Regionomica“ unter anderem Kreise und Kommunen in Ostdeutschland beim Regionalmanagement begleitet hat. Es müsse dringend mehr über Inhalte statt über Strukturen gesprochen werden. „Aber es muss schnell gehen. In den nächsten drei Jahren müssen wir das geklärt haben.“

Viele Masterpläne

Was im Indeland schon besteht, wird gerade an anderen Standorten im Rheinischen Revier entwickelt: ein Masterplan. Neben „Weisweiler — Inden — Stolberg“ wird auch eine mögliche Folgenutzung für den Kraftwerksstandort Frimmersdorf in Grevenbroich geplant. Dort wird zum letzten Mal im Jahr 2021 Strom produziert. Gleiches gilt für die Tagebaue Garzweiler und Hambach. Nach derzeitigem Plan will die IRR die Ergebnisse zu einem Gesamtplan der Strukturentwicklung im Rheinischen Braunkohlerevier zusammenfügen. „Ich erwarte, dass die Partner ihre Initiativen für die wirtschaftliche Entwicklung einbringen und dass die IRR GmbH diese als Dienstleister weiter vorantreibt. Dazu braucht es eine klare Strategie, eine langfristig gesicherte Geschäftsführung und Finanzierung sowie eine funktionierende Arbeitsebene. Daran wollen wir gemeinsam weiter arbeiten“, sagt Staatssekretär Dammermann.

Möglicherweise muss dies schneller geschehen, als gedacht. „Die Frage der Laufzeiten ist eine relevante. Die politische Diskussion bestimmt die Dynamik des Prozesses“, sagt Bayer.