Yvonne Gebauer stellt Aktionsplan gegen Gewalt an Schulen vor

Mehr Psychologen, keine Hilfssheriffs : NRW gegen Gewalt an Schulen

Straftaten an Schulen nehmen in NRW zu. Kinder leiden immer häufiger unter Cyber-Mobbing, aber auch Lehrer werden Opfer schulischer Gewalt. Was tun - auch, um Amokläufe zu verhindern? NRW setzt vor allem auf Psychologen und Pädagogen - nicht auf Hilfssheriffs.

Mehr Psychologen, Sozialpädagogen und konsequentes Anzeigen sollen helfen, Gewalt und Extremismus an nordrhein-westfälischen Schulen zurückzudrängen. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) legte am Freitag in Düsseldorf einen Maßnahmenplan vor.

Ein Anlass für verstärkte Gewaltprävention waren Amokläufe an Schulen, die in den vergangenen Jahren in Deutschland und anderen Ländern für Erschütterung gesorgt hatten. „Das sind aber absolute Ausnahmen“, betonte Gebauer. „Die Schulen in Nordrhein-Westfalen sind sichere Orte.“

Eine martialische Ausrüstung der Lehrer schließt die FDP-Politikerin aus: In Florida können Lehrer als Hilfssheriffs bewaffnet vor die Klasse treten, kritisierte sie. Das wolle sie in NRW nicht. Auch Selbstverteidigungskurse für Lehrer seien nicht geplant.

„In NRW berichtet jede dritte Schulleitung über Gewalt gegen Lehrkräfte“, klagte der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE) in einer Mitteilung. Jede der rund 6000 Schulen in NRW benötige mindestens eine vom Land finanzierte Stelle für Sozialarbeit, bekräftigte VBE-Landeschef Stefan Behlau.

Derzeit gibt es in NRW nach Angaben des Ministeriums 357 Stellen für Schulpsychologen - davon 189 vom Land finanzierte, die übrigen von den Kommunen. Geplant sei, ihre Zahl um 100 aufstocken, kündigte Gebauer an. Eine Stelle sei im Etat durchschnittlich mit rund 67 000 Euro zu veranschlagen.

Zum 1. August werden die schulpsychologischen Dienste um 54 sozialpädagogische Fachkräfte oder Beratungslehrer verstärkt, wie bereits im vergangenen Herbst angekündigt. Das ist eine Stelle für jeden Schulamtsbezirk. Jede einzelne schlägt im Landeshaushalt mit rund 50 00 Euro zu Buche.

Nach Zahlen des Landeskriminalamtes war die Zahl der angezeigten Straftaten an nordrhein-westfälischen Schulen von 2016 auf 2017 um knapp fünf Prozent auf 22 900 gestiegen, darunter die Zahl der Körperverletzungen von 2841 auf 3146. Die Zahl der polizeilich erfassten Körperverletzungen an Lehrern hatte das Schulministerium 2018 mit rund 200 pro Jahr beziffert. Neuere Zahlen konnte Gebauer nicht nennen.

2020 erhalten alle Schulen einen aktualisierten Notfallordner mit Handlungsempfehlungen für verschiedenste Krisen. Die Ministerin erinnerte an die Amokläufe von Colorado, Erfurt, Winnenden und an die tödliche Messerattacke eines 16-Jährigen auf einen 14-jährigen Mitschüler an einer Gesamtschule in Lünen im vergangenen Jahr.

Ein Erlass soll im zweiten Halbjahr regeln, wie Straftaten am besten zu erfassen und wem sie zu melden sind. Damit soll geklärt werden, wann die Schulaufsicht, Psychologen oder die Polizei die richtigen Ansprechpartner sind. „Wir fordern jeden auf, Straftaten zu melden“, unterstrich Gebauer. „Die Landesregierung prüft auch eine erweiterte Meldepflicht, etwa für antisemitische Straftaten.“

Zudem werde das Land erstmals wissenschaftlich die Ursachen von Gewalt an Schulen sowie die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen erfassen lassen. Im Frühjahr 2020 und 2022 soll jeweils eine „Woche für Demokratie und Respekt“ Ausrufezeichen an den Schulen setzen. Wertevermittlung werde auch stärker in den Lehrplänen und in der Fortbildung verankert, sagte Gebauer.

„Beste Bildung kann nur gelingen, wo die Rahmenbedingungen stimmen. Kinder sollen unbeschwert, ohne Angst vor Gewalt, Diskriminierung, Mobbing oder Cyber-Mobbing zur Schule gehen können.“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft erklärte, verbale Gewalt, vor allem im Internet, verschärfe sich. „Sprache und Kommunikation verrohen zunehmend“, teilte die stellvertretende Landesvorsitzende Maike Finnern mit. „Cybermobbing nimmt zu.“ Sie lobte die von der Ministerin angekündigte Telefon-Hotline „Sprech:ZEIT 24/7“, die Lehrer rund um die Uhr beraten soll. Dieses Angebot könne „eine große Hilfe sein“.

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