Eine Bilanz zu „Brummi-Andi“: Wütend, gefährlich, kaum Sinn für Unrecht

Eine Bilanz zu „Brummi-Andi“ : Wütend, gefährlich, kaum Sinn für Unrecht

In einem früheren Verfahren ist ein Gespräch zwischen Andreas B. und einem Polizisten aktenkundig geworden. Darin ist zu lesen, wie der gerade strafmündige 14-Jährige B. am Steuer eines Lkw sitzt, die Verfolger wollen ihn zum Aufgeben bewegen: „Ich lasse mich nicht aufhalten, ziehe mein Ding mit Vollgas durch“, sagt er und braust weiter.

Aufhalten ließ sich Andreas B. nur selten, elf seiner 33 Lebensjahre hat er im Gefängnis verbracht, verurteilt wegen unzähliger Verkehrsdelikte und auch wegen Totschlags, weil er bei einer tagelangen Amokfahrt einen Autobahnpolizisten bei Venlo überfuhr. Als 14-Jähriger. In den Zeitungen wurde er als „Crash Kid“ geführt. Später im Knast kam noch eine Vergewaltigung eines Mitgefangenen hinzu.

Seit Februar 2018 sitzt er wieder in Untersuchungshaft, inzwischen läuft der Prozess gegen ihn vor der 7. Großen Strafkammer des Aachener Landgerichts. Aktuell werden ihm 17 verschiedene Delikte mit 72 Punkten quer durch das gesamte Strafgesetzbuch zur Last gelegt, die er im Wesentlichen 2017 begangen haben soll: Gefährliche und fahrlässige Körperverletzung, vollendete und versuchte Zwangsprostitution, Zuhälterei, Drogenhandel, Geldfälschung, Bedrohung, Brandstiftung und natürlich: Trunkenheit am Steuer, Unfallflucht und Fahren ohne Führerschein.

Es geht um die nächste Haftstrafe, aber auch um die Frage, ob zusätzlich die Sicherheitsverwahrung verhängt werden muss gegen jemanden, der sich nicht aufhalten lässt. Im Gegensatz zur Freiheitsstrafe knüpft die Sicherungsverwahrung einzig an die Gefährlichkeit des Straftäters für die Allgemeinheit an. Wie soll also die Gesellschaft mit jemandem umgehen, der alle Stoppschilder der Justiz seit Jahrzehnten ignoriert und sich damit auch noch brüstet?

Andi B. lebt nach seinen Regeln, die sich häufig mit dem Strafgesetzbuch nicht vereinbaren lassen. Im Elternhaus ist ihm kein gelungenes Wertesystem vermittelt worden. Die Mutter hatte ein Alkoholproblem, der Vater, ein Lkw-Fahrer, brachte seinem Sohn bereits zum 11. Geburtstag das Fahren von solchen Mehrtonnern bei.

Eskapaden fürs Publikum erzählt

Der Boulevard hat sich jahrelang durchaus ausdauernd um das „Crash Kid“ gekümmert. Natürlich ging es da nicht um Wertevermittlung. Geschichten mit dem „Brummi-Andi“ brachten Aufmerksamkeit und Quote. Der Pubertierende hat manchmal sogar viel Geld dafür bekommen, dass er dem Publikum seine Eskapaden ausbreitete. Schon sein ganzes Leben lang lechzt er nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, er bekam sie, verstand aber nicht, dass seine mediale Präsens keine Anerkennung seiner Straftaten bedeutete.

Andi B. war nur der Quoten- und Auflagenbringer. Als nun das Verfahren im späten Sommer gegen ihn eröffnet wurde, waren die TV-Sender und Boulevard-Zeitungen vor Ort . Sie berichteten davon, dass das nächste Kapitel seiner gewaltigen kriminellen Karriere eröffnet wurde ­ – dann verschwanden sie wieder bis zur Urteilsverkündung.

Im Gerichtssaal geht es um die Geschichte von fünf Menschen, die weite Teile des Jahres 2017 miteinander verbracht haben. Die drei Frauen und zwei Männer waren mindestens vorübergehend befreundet, alle verbindet zudem eine ziemlich brüchige Biografie. Andreas B. berichtet von exzessivem Drogen- und Alkoholkonsum in dieser Phase – „bis zu vier Flaschen Wodka täglich“. Das soll sein Verhalten erklären, mindestens aber seine verminderte Schuldfähigkeit belegen.

 Die Zeugin Fenja Z. gibt sich als Verlobte des Angeklagten. Juristisch ist das falsch, weil sie noch anderweitig verheiratet ist. Die 23-Jährige will sich nicht belasten, verweigert die Aussage. In den Akten steht, dass sie mehrfach brutal geschlagen und getreten wurde, dass ihr der Verlobte einen Zahn ausgeschlagen und ein Messer in die Wade gestoßen habe. Sie schweigt.

Das unterscheidet sie von zwei anderen jungen Frauen, die zudem als Nebenklägerinnen in dem Verfahren auftreten. Viele ihrer belastenden Aussagen sind in die Anklage eingeflossen, aber nicht alles, was sie erzählen, klingt glaubhaft.

Polizeibeamte führen den 14-jährigen Andreas B. (vorn) am 26.3.2000 aus der Polizeiwache in Langenfeld bei Leverkusen. Der jugendliche Serientäter hatte zusammen mit zwei Freunden am 25.3. mit einem gestohlenen Lkw eine 30-stündige Tour unternommen. Beim Durchbrechen einer Straßensperre in Eindhoven (Niederlande) verletzte er einen 36-jährigen niederländischen Polizisten lebensgefährlich. Foto: picture-alliance / dpa/Ferdinand Ostrop

 Yasmin B. war 17 Jahre alt, als sie den Angeklagten kennenlernte. Die Zeugin berichtet durchaus facettenreich, wie der erste gute Eindruck schnell verflogen sei. Und fast immer habe ihr neuer Bekannter dabei unter Drogen gestanden. Sie beobachtete also, wie Andreas B. seine Freundin drangsalierte.

„Er hat mich immer wieder bedroht, dass mit mir das gleiche passieren wird“, sagt sie. Sie wurde massiv unter Druck gesetzt, soll sich prostituieren, das ist die Forderung, die immer wieder nachhaltig wiederholt wurde – sagt die Zeugin. „Ich hatte psychisch keine Chance, ihm zu entkommen.“ Mögliche Freier wurden besucht, die damals minderjährige Zeugin sagt, dass sie sich immer verweigert habe, „ich wollte nicht anschaffen“.

Die andere Belastungszeugin, Kim M., hatte eine Beziehung zum enorm vorbestraften Andreas B. Dieser Umgang war für das Jugendamt der Anlass, ihr den Sohn zu entziehen. Die 22-Jährige berichtet, das sie selbst mit Drogen gefügig gemacht werden sollte. Dazu kamen immer wieder Drohungen: „Ich schneide deinem Sohn den Kopf ab.“ Schließlich sei sie für Andreas B. wie gefordert tatsächlich anschaffen gegangen. „Ich habe den Eindruck vermittelt, dass ich es freiwillig mache, damit nichts Schlimmeres passiert“, sagt sie.

 Als sie den Absprung schaffte und zu Yuri T. flüchtete, gingen die Drohungen weiter. Andreas B. – auch das ist aktenkundig – setzte ein Kopfgeld auf sie aus: „Wer sie mir bis zum Sonnenuntergang bringt, erhält 1000 Euro, egal, ob sie kaputtgeschlagen ist oder nicht.“ Seit dieser Zeit, sagt die Zeugin, sei sie in psychiatrischer Behandlung, um Männer mache sie inzwischen einen weiten Bogen.

Wie überaus sprunghaft der 33-Jährige sein kann, wird dann deutlich, wenn Zeugen über „seine andere Seite“ reden, oder wenn Audio-Dateien in das Verfahren eingeführt werden. In solchen Momenten wirkt er eher wie ein Pubertierender mit einer fehlenden Impulskontrolle. Er brüllt, droht, steigert sich in seine Aggressionen hinein. Seine Gesprächspartner sprechen mehrfach von einem „Psychoterror“. In dem Verfahren wurde eine Filmsequenz gezeigt. Seine wimmernde Freundin hat eine Platzwunde, fleht ihn an.

Yuri T. und Andreas B. haben sich vor vier Jahren im Haus 4 der Justizvollzugsanstalt in Aachen angefreundet. Yuri T. gab die Knastzeitung heraus, Andreas B. half ein bisschen, „weil er sich so gut ausdrücken kann“, sagt der verurteilte Drogenkurier Yuri T. Die Freunde verbrachten viel Zeit im Jahr 2017 zusammen, als beide entlassen waren. Wenn man Yuri T., den ehemaligen Knastredakteur, aber fragt, welchen Titel er dieser Zeit geben würde, sagt er: „Der Idiot.“ In erster Linie meint der 36-Jährige sich selbst damit, weil er Andreas B. damals nach eigenen Angaben fast 20.000 Euro geliehen habe, damit der einen Neuanfang starten kann.

Als sich Klavierlehrer Yuri T. und der Angeklagte nun im Gerichtssaal wiedersehen, sind beide längst zum förmlichen „Sie“ übergegangen. Yuri T. bezeichnet den Häftlingskollegen als „König der Manipulation“, der nur angenehm gewesen sei, um seine egoistischen Ziele zu erreichen. Der Zeuge erzählt eine Geschichte, die von Freundschaft handelt. Als er den hoch verschuldeten Angeklagten nach dessen Entlassung das erste Mal traf, sei dieser ziemlich am Ende gewesen. Verlottert, ohne Krankenversicherung, ohne Personalausweis, ohne Wohnung und ohne Perspektive. Yuri T. wollte helfen, sagt er, „schließlich haben wir vom gleichen Teller im Knast gegessen“. Eine Gegenleistung habe er nicht erwartet. Die Schilderung verleitet Richter Jürgen Beneking zum sanften Spott: „Einmalig, das haben wir in diesem Saal noch nicht gehört.“

Das Ende der Freundschaft

Folgt man dagegen Andreas B., dann geht es in seinem Verfahren primär um das Ende dieser Freundschaft. Die Frauen, die ihn nun teilweise massiv belasten, seien nur das „Werkzeug, um mich mundtot zu machen“. Angestiftet zu falschen Aussagen von Yuri T., der damals sein Boss gewesen sei. Die Fragen der Verteidigung zielen eher darauf ab, ob die Frauen nicht in Wahrheit für Yuri T. anschaffen gegangen seien. Das Gericht wird bewerten müssen, wie glaubwürdig die Zeugen sind.

Andere Delikte hat Andreas B. längst bestätigt. Er hat bereits am ersten Verhandlungstag eingeräumt, dass er unzählige Male ohne Führerschein – teilweise auch unter starkem Drogeneinfluss – gefahren ist. Eher beiläufig hat der Angeklagte in einem Nebensatz erwähnt, er habe von seinem Boss Yuri T. nur Befehle erhalten, er sei dessen Fahrer gewesen.

 Viele Zeugen berichten, dass Andreas B. sich immer wieder unter erheblichem Alkohol-und Drogeneinfluss ans Steuer gesetzt habe. Skrupel, mitzufahren waren nie erkennbar, selbst wenn sich der lallende Andreas B. kaum noch auf den Beinen halten konnte oder während der Fahrt Wodka trank oder Marihuana rauchte. „Er hatte seinen eigenen rasanten Fahrstil“, sagt eine ehemalige Freundin aus. „Aber er fuhr gut.“ Das sagt auch der Angeklagte über sich. Er macht den Eindruck, dass er die Dinge cool im Griff hat, wenn er am Steuer sitzt. „Brummi-Andi“ hat Videos verbreitet, die zeigen, wie er unterwegs war, oft erkennbar fahruntauglich.

 „Autos sind meine Welt“, sagt der gelernte Kfz-Mechaniker, der seit etwa 20 Jahren ohne Führerschein auf den Straßen unterwegs ist – ohne erkennbares Unrechtsbewusstsein. In das Verfahren wird eine Audio-Datei von Anfang Dezember 2017 eingeführt. Der lallende Angeklagte berichtet, dass er noch fahren könne, er fahre ohnehin am besten: „Ich bin die Nummer eins, vor mir steht keiner“, sagt er an anderer Stelle. In dieser Nacht wurde er von der Polizei aufgegriffen mit mehr als zwei Promille Alkohol im Blut.

Urteil für Januar geplant

Zu der Besonderheit des Prozesses gehört, dass die Zeuginnen und Zeugen jeweils mehrfach geladen werden mussten. Die eingeteilte Gutachterin wurde aus dem Verfahren ausgeschlossen, weil sie Andreas B. in einer Verhandlungspause eine „linke Bazille“ genannt hatte, ihr Nachfolger muss sich nun selbst ein Bild machen. Der Prozess zieht sich in die Länge, für den Januar ist das Urteil vorgesehen.

Der Lkw, mit dem der 14-jährige Seriendieb Andreas B. rund 30 Stunden unterwegs war, steht am 25.3.2000 auf einem Polizeigelände in Langenfeld bei Leverkusen. Foto: picture-alliance / dpa/Ferdinand Ostrop

Der Gutachter muss nun die Frage beantworten, wie groß die Persönlichkeitsstörung des heute 33-Jährigen ist. Verantwortungsloses Verhalten und permanente Normverletzungen gehören zu seinem Alltag, ohne dass bislang nur ansatzweise erkennbar ist, dass die vielen Sanktionen und Monate im Gefängnis einen Lerneffekt erzielt hätten.

Am letzten Verhandlungstag vor Weihnachten hat der Richter Andreas B. nach seiner Perspektive gefragt. „Irgendwie“ wolle er eine Lösung mit seiner Ex-Frau finden, um seine Kinder wiederzusehen. Ansonsten habe er keine Pläne. Bis auf seine zwei Kinder und ein paar wenige Höhepunkte gäbe es nichts, auf das er stolz sein könne, sagt er. Wie er sein bisheriges Leben betrachtet? „Wenn ich ein anderes haben könnte, würde ich es nehmen“, hat Andreas B. geantwortet.

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