Woran starb Kaiser Karl der Große?

Woran starb Kaiser Karl?: Vom Pferd gestürzt, von Fieber geplagt

Karl der Große führte Kriege quer über den Kontinent. Am Ende könnte aber eine Lungenentzündung oder eine Rippenfellentzündung den mächtigsten Herrscher des Mittelalters hingerafft haben. Wissenschaftler zerbrechen sich die Köpfe.

Warum aber kommt jetzt aktuell die Frage nach den Todesumständen auf? Der Mumienspezialist Frank Rühli vom Institut für Evolutionäre Medizin an der Universität Zürich und der Anthropologe Joachim Schleifring haben kürzlich eine Analyse der Knochen Karls des Großen im Fachjournal „Economics and Human Biology“ veröffentlicht. Schleifring erinnert sich noch gut an den Geruch, der ihm bei der – bisher letzten – Graböffnung 1988 entgegenschlug: „Mir ist aufgefallen, dass die Skelettteile so streng gerochen haben. Kaum haben wir den Deckel aufgemacht, kam uns der Geruch entgegen“, erzählt er. Da lagen sie dann: 94 erhaltene Knochen und Knochenfragmente, auf einem roten Tuch fein säuberlich aufgereiht, mit rotem Band oder Goldfäden fixiert.

Die beiden Wissenschaftler gehen davon aus, dass den Frankenkaiser im fortgeschrittenen Alter Gicht plagte. „Wahrscheinlich ist, dass er zu der Gicht noch eine Lungenentzündung hatte“, sagt Rühli der Deutschen Presse-Agentur. Beweisen lasse sich das allerdings nicht. Fried geht in seinem Buch von einer Rippenfellentzündung aus, fragt sich allerdings, was ein Mumienforscher an Knochen erkennen kann. Er wisse auch nicht, ob man an ihnen zum Beispiel Malaria feststellen könne.

Frieds Skepsis gründet sich aber auch darauf, dass gar nicht gesichert ist, dass die Knochen im Karlsschrein tatsächlich die Gebeine Karls des Großen sind. Die wurden 872 wegen des Normanneneinfalls versteckt; mehr als hundert Jahre später ließ Otto III. sie wieder ausgraben. Es steht aber zweifelsfrei nicht fest, ob jene Knochen, die mehr als 200 Jahre später in den Karlsschrein gelegt wurden, tatsächlich von Karl sind. „Es sind die Knochen, die Otto III. für die Gebeine Karls des Großen hielt“, stellt Fried fest.

Aus all den genannten Gründen lehnt Fried die Empfehlung von Rühli und Schleifring ab, den Karlsschrein noch einmal zu öffnen: „Die Totenruhe abermals zu stören, halte ich nicht für gerechtfertigt.“ So argumentiert auch die Leiterin der Aachener Domschatzkammer, Birgitta Falk, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Zudem seien die Knochen im Schrein unter guten klimatischen Bedingungen in einer Vitrine untergebracht. „In ihrem gleichbleibenden Klima können sie viele hundert Jahre ohne weitere Schäden überdauern. Daher gibt es in absehbarer Zeit keinen Grund, den Schrein zu öffnen.“

Schleifring protokollierte Ablagerungen an Schien- und Fersenbein, wie sie bei Gicht üblich sind. Diese Krankheitshypothese sieht der Mediziner Rühli auch durch Ernährungsgewohnheiten erhärtet: Karl war einem guten Hirschbraten nie abgeneigt; ausgiebiger Fleischverzehr gilt aber als Risikofaktor für die Stoffwechselerkrankung. Und dass er im fortgeschrittenen Alter hinkte, passt auch zu der Annahme. An Gicht allein stirbt zwar niemand, sie könnte den Frankenkaiser aber entscheidend geschwächt haben.

Zum Zeitpunkt seines Todes herrschte Karl über ein Reich, das weite Teile Mittel- und Westeuropas umfasste. Sein Tod kam nach einem Bad, und zwar recht schnell. Karl bekam Fieber. „Er aß nichts mehr, trank kaum noch etwas“, sagt Rühli mit Verweis auf historische Quellen. Am siebten Tag sei er dann gestorben, habe seine letzten Waschungen erhalten und sei noch am gleichen Tag beerdigt worden. Aufgrund der Gesamtumstände hält der Schweizer Mediziner eine Lungenentzündung als Todesursache für wahrscheinlich; es könnte aber auch eine Infektion wie Malaria gewesen sein.

Es sei historisch durchaus wichtig zu wissen, wie Karl gestorben ist, „wenn in seiner letzten Lebensphase relevante Entscheidungen gefallen sind“, erläutert Fried. „Und sind diese Entscheidungen aufgrund seines Willens und seiner Durchsetzungskraft gefallen?“ Karl der Große habe 811 ein Testament gemacht, in dem er viele bedacht habe bis hin zum Dienstpersonal seines Hofes – „aber keinen Propst des Aachener Marienstifts. Das heißt: Das Stift gab es 811 noch nicht. Aber er ist in diesem Stift begraben.“ Eine Gründungsurkunde ist nicht vorhanden. Insofern lässt sich die Gründung auf die Zeit zwischen 811 und 814 terminieren – eine für Historiker maßgebliche Erkenntnis.

Fried vermutet, dass der Sturz vom Pferd – also der epileptische Anfall – der Anlass war, das Aachener Marienstift zu gründen, zumal der Frankenherrscher politisch und privat unter mehrfacher psychischer Anspannung gestanden habe. „Karl brauchte einen Gedächtnisort, wo nach seinem Tod für sein Seelenheil gebetet wird. Dafür benötigte er eine religiöse Gemeinschaft; und das waren die Stiftskanoniker.“

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