Aachen: Wo sich Juden und Muslime gut aufgehoben fühlen

Aachen : Wo sich Juden und Muslime gut aufgehoben fühlen

„Von dem jüdischen Gebetshaus stehen übrigens nur noch die Mauern aufrecht. Sonst ist es vollkommen ausgebrannt . . . Der Platz ist voller Menschen, die vor der Ruine stehen, um zu gaffen. Und man sagt nichts.“

So beschrieb ein Reporter des „Limburgs Dagblad“ das Bild, das sich ihm am Morgen des 10. November 1938 in der Aachener Promenadenstraße bot. In der Nacht hatten — auf Anweisung der hiesigen NSDAP-Führung — Feuerwehrleute und Parteiangehörige in Zivil die dortige Synagoge in Brand gesetzt. Gleichzeitig waren SS- und SA-Trupps durch die Straßen gezogen, um jüdische Geschäfte und Betriebe zu plündern.

Wenn alles gut läuft, soll sie noch in diesem Jahr fertig werden: die Yunus-Emre-Moschee an der Stolberger Straße in Aachen. Foto: Michael Jaspers

Allerorten in Deutschland brannten in jener Nacht die Synagogen, etwa 30.000 Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt. Die Novemberpogrome bildeten — nach der sozialen Ausgrenzung der Juden — den Auftakt zu deren physischer Vernichtung.

Aachener Gemeinde ausgelöscht

Im Frühjahr 1942 begannen auch in Aachen die Deportationen nach Osten. Von den in Auschwitz ermordeten Aachenern sind 140 namentlich bekannt. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Am Ende von Flucht, Vertreibung und Ermordung war die jüdische Gemeinde in Aachen, die im Jahr 1933 noch 1345 Menschen gezählt hatte, praktisch verschwunden.

All diesen traumatischen Erfahrungen zum Trotz entstanden nach 1945 allmählich wieder jüdische Gemeinden in Deutschland. Die meisten jüdischen Einwanderer kamen indes erst in den 1990er Jahren — infolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion, wo sie anhaltender Diskriminierung durch das radikal-atheistische Regime ausgesetzt waren.

Von der Bundesregierung wurde diese Zuwanderung bewusst gefördert. Denn „jüdisches Leben in Deutschland stand Ende der 90er Jahre kurz vor dem Aussterben“, erklärt Alexander Drehmann, Vorstandsassistent der Jüdischen Gemeinde in Aachen. „In Aachen lebten 1990 höchstens 300 Juden — die meisten davon über sechzig Jahre alt.“

Großes Interesse an der Synagoge

Seit 1990 ist die Zahl der in Deutschland lebenden Juden von 30.000 auf etwa 130.000 gestiegen. Auch in Aachen wuchs die kleine Gemeinde auf rund 1300 Mitglieder an. Zwischen achtzig und neunzig Prozent davon stammen aus der ehemaligen Sowjetunion, schätzt Drehmann. Von den Aachener Juden, die den Holocaust überlebt haben, seien dagegen nur sehr wenige zurückgekehrt.

Mit der Integration in Aachen zeigt sich Drehmann grundsätzlich zufrieden. Allerdings sei das auch eine Frage des Alters: „Wenn man mit sechzig einwandert, dann wird es natürlich schwierig.“ Vor allem das Erlernen der deutschen Sprache bereite dann größere Probleme. Was aber die jüngere Generation angehe, funktioniere die Integration sehr gut.

Das Interesse an der jüdischen Gemeinde belege auch die Zahl der Führungen, die man wöchentlich anbiete. In der 1995 eingeweihten Synagoge — an jener Stelle errichtet, wo bis 1938 das alte Gotteshaus stand — gebe es jede Woche „zwischen zehn und fünfzehn Führungen.“ Unter den Teilnehmern seien Schulklassen, Vereine, Angehörige der katholischen und evangelischen Kirche, aber auch muslimische Gruppen.

Das insgesamt positive Bild hat allerdings auch eine Schattenseite: Regelmäßig gibt es an jüdischen Einrichtungen in Aachen antisemitische Schmierereien. „Den Alltags-Antisemitismus wird es immer geben“, stellt Drehmann ernüchtert fest. „Einerseits darf man das nicht überbewerten, andererseits sollte man es aber auch nicht unterschätzen. Da muss sicherlich etwas getan werden.“

Wie weit verbreitet antisemitische Ressentiments sind, sei auch im Zuge der Beschneidungsdebatte im letzten Jahr zu spüren gewesen. Antisemitismus verstecke sich aber auch oft hinter antiisraelischer Kritik — vor allem dann, wenn sie sich gegen den israelischen Staat als solchen richte. Dann sei man nahe daran, dem Judenstaat sein Existenzrecht abzusprechen. „Es kann nur Kritik geben an einer Regierung, an einer bestimmten Politik oder einem Verhalten“, so Drehmann. „Da bitte ich um eine vernünftige Differenzierung.“ Nur ein knappes Drittel der Westdeutschen und weniger als ein Viertel der Ostdeutschen befürwortet laut einer Studie, die das Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Universität Münster im Jahr 2010 durchgeführt hat, den Bau von Moscheen.

Als Reaktion auf ständigen Rechtfertigungsdruck, sich immer wieder ausdrücklich von Terror und Fundamentalismus distanzieren zu müssen, ist auch auf muslimischer Seite der Argwohn gewachsen. In Aachen ist davon allerdings wenig zu spüren. Was das interreligiöse Zusammenleben betrifft, zeigt sich hier ein vergleichsweise harmonisches Bild.

So fand der von rechter Ecke geschürte Widerstand gegen den Bau der Yunus-Emre-Moschee im Ostviertel keinen Widerhall in der Aachener Bevölkerung. Als im September 2010 rund 160 aus ganz Deutschland angereiste Neonazis unter hohem Polizeiaufgebot zur Moschee-Baustelle an der Stolberger Straße marschierten, hatten sich dort mehr als 1000 Gegendemonstranten eingefunden.

Im Mai vorigen Jahres wollten Anhänger der rechtspopulistischen Pro-NRW dort gezielt mit islamkritischen Karikaturen provozieren. Die Aktion war Teil einer in mehreren NRW-Städten veranstalteten Anti-Islam-Kampagne. Den rund 20 Rechtsaktivisten stand die zehnfache Zahl an Gegendemonstranten gegenüber.

„Das zeigt, dass Pro-NRW hier nicht Fuß fassen kann. Sie finden hier keine Anhänger, auch wenn sie das mehrfach versucht haben“, sagt Abdurrahman Kol, Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde (Ditib) in Aachen. „Das liegt natürlich auch daran, dass die muslimische Gemeinde hier sehr offen ist“, fügt er hinzu. Denn der Moschee-Bau, der das bisherige Provisorium in einer umgebauten Tankstelle ersetzt, ist in vielerlei Hinsicht ein Kompromiss, basierend auf beiderseitigem Entgegenkommen zwischen Ditib und der Stadt Aachen. Der vom Stadtrat Ende 2008 einhellig angenommene dritte Entwurf ist eine Mischung aus westlicher Architektur und klassischer Moschee.

Generell hat das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Aachen eine lange Tradition. So gehört die Bilal-Moschee am Westbahnhof zu den ersten Moscheen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gebaut wurden. Bereits 1964 initiierten muslimische Studenten an der RWTH deren Bau, 1978 wurde das Islamische Zentrum Aachen (IZA) als Trägerverein gegründet.

An der Finanzierung des Baus beteiligten sich damals 14 Staaten aus der islamischen Welt — von Mali bis Malaysia. „Die Bilal-Moschee ist seit ihrer Entstehungsgeschichte multinational“, erklärt der stellvertretende IZA-Vorsitzende Aiman el-Attar.

Der internationale Charakter der Bilal-Moschee rührt von ihrer Verbindung zur RWTH, an der sich alljährlich auch zahlreiche Studenten aus muslimischen Ländern einschreiben.

Im Gegensatz zur türkischen Ditib-Gemeinde umfasst das IZA daher Muslime aus der gesamten islamischen Welt, vornehmlich aus dem arabischen Raum und Südasien. Wegen seiner Verbindungen zur syrischen Muslimbruderschaft war das IZA in der Vergangenheit ins Visier des Verfassungsschutzes geraten.

Streit um Islamisches Zentrum

Seit 2009 wird das IZA allerdings nicht mehr in den Verfassungsschutzberichten erwähnt. Die Bezüge zur Ideologie der Muslimbrüder seien „im Vergleich zu früher erkennbar zurückgegangen“, erklärt Jörg Rademacher vom Verfassungsschutz in NRW. In den Berichten der letzten Jahre, die das IZA noch aufführten, war von gemäßigten und auf Integration bedachten Aktivitäten zu lesen.

„Auch wenn nichts Hässliches in den Berichten stand, tat es doch weh, dort aufgelistet zu werden“, sagt el-Attar. „In Aachen haben wir ein herrliches, liebevolles Klima — sowohl zwischen den verschiedenen Religionsgruppen, als auch zwischen ihnen und den städtischen Behörden.“

Das gelte übrigens auch für das Verhältnis von Juden und Muslimen, sagt el-Attar. „In Aachen haben wir es wirklich geschafft, nicht die politischen Probleme dieser Welt mit uns zu tragen — Sachen, für die wir hier nichts können und über die wir keine Gewalt haben.“

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