Diskussion im Ludwig Forum: Wo ist Europa? Im Buch. An seinen Rändern. Beim Streit.

Diskussion im Ludwig Forum : Wo ist Europa? Im Buch. An seinen Rändern. Beim Streit.

Wenn Intellektuelle über das Integrationswerk diskutieren, könnte das abgehoben wirken. In Aachen war das jetzt gar nicht der Fall.

Aus der Vielfalt zur Identität – zwei Literaten und eine Wissenschaftlerin sprechen über Europa. Schnell wird klar: Das ist ein anderes Europa, als es im politischen Tagesgeschäft üblicherweise auftaucht. Nach 90 Minuten engagierter Diskussion bleibt der starke Eindruck: Das ist das eigentliche Europa.


Teilnehmer:
Der Autor und Orientalist Navid Kermani (51), Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, die deutsch-französische Schriftstellerin und Publizistin Gila Lustiger (55) und die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot (54), Leiterin des Departments für Europapolitik und Demokratieforschung der Donau-Universität Krems, legten sich für Europa ins Zeug, weil – so Kermani – „wir den Grund für Europa verloren haben“. Die Karlspreisstiftung, die Stadt Aachen und der Westdeutsche Rundfunk präsentierten im Aachener Ludwig-Forum für Internationale Kunst dieses außergewöhnliche Podium.


Idee:
„Wir reden über Europa als Idee, die von Kulturschaffenden, Dichtern und Denkern kreiert wurde. Die wurden dafür ausgelacht“, sagt Kermani. „Die Idee hat keine Grenzen. Wer die Idee an Grenzen bindet, verrät sie.“ Guérot erinnert an Erasmus von Rotterdam und an Victor Hugo, der schon Mitte des 19. Jahrhunderts von der europäischen Republik gesprochen habe. Für sie offenbart sich Europa aber vor allem im ersten Satz der Menschenrechtscharta: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“


Vielfalt:
Besser als in Talkshows oder in der Volkshochschule kann Kermani Europa in Schulklassen erklären , die er häufig besucht. „Die sind heute sehr bunt; zu meiner Schulzeit waren sie homogen. Den Schülerinnen und Schülern sage ich: Schaut Euch an! Ihr seid verschieden.“ Dass man da nicht nach Herkunft, Religion oder Wohnort trennen könne, „verstehen die ganz schnell“. Deren Lebensrealität sei die Vielfalt Europas. „Jetzt wieder ins Nationale zurückzukehren, verstehen junge Menschen nicht.“


Republik:
Guérot besteht auf diesem Begriff und plädiert mehrmals und mit großem Nachdruck für „Einheit in Vielfalt“, für die Europäische Republik, vor allem für „die Gleichheit aller vor dem Recht“. Das sei innerhalb der EU nicht der Fall.


Fundorte:
Für Lustiger, deren Vater Auschwitz überlebte und die als Jüdin in den 60er und 70er Jahren in Deutschland aufgewachsen ist, in Israel studiert hat und seit vielen Jahren in Paris lebt, manifestiert sich Europa in den Büchern, die die Nationalsozialisten im Mai 1933 verbrannten. Darin habe sie zum ersten Mal Europa entdeckt. Als zweiten Knotenpunkt nennt sie Auschwitz: „Die Züge kamen aus ganz Europa.“ Die Juden, die dorthin deportiert wurden, „haben das deutsche und europäische Kulturgut bis zum letzten Atemzug hoch geschätzt“.


Soziale Frage:
Sie zu unterschätzen, sehen alle drei als große Gefahr. Ob in Frankreich oder Deutschland: In den großen Metropolen gebe es kein Problem mit Europa, aber in entlegenen Gegenden, in Orten mit hoher Arbeitslosigkeit sähen viele Menschen keinerlei Vorteile durch Europa, erst recht keine Möglichkeit, an Europa teilzunehmen. Wenn Europa das nicht ändert, werde es zugrunde gehen. Guérot warnt: Die französische Rechtsextremistin Marine Le Pen sage auf jedem Marktplatz: „Wenn es die Nation nicht gibt, wer kümmert sich um die Armen?“ Lustiger war zuletzt lange Zeit im Ruhrgebiet. „Hier – im
viertreichsten Land der Welt – gibt es Kinder, die kein Obst und Gemüse kennen, die nicht rückwärts gehen können, weil sie motorisch zurückgeblieben sind.“ Menschen aus diesem Milieu „können Sie populistisch alles aufschwatzen“.


Diskriminierung:
Lustiger hat auf ungezählten Reisen durch EU-Länder festgestellt, dass Randgruppen zunehmend schikaniert und diskriminiert werden. „Wir müssen die verteidigen, die bedroht sind: Schwule, Dunkelhäutige, Juden.“ Sie würden erneut als Feindbilder genutzt. Statt sich mit Schwachen zu solidarisieren, würden diese auf deutschen Schulhöfen beschimpft: „Du Opfer“ und seit einiger Zeit auch wieder „Du Jude“. Besonders schlimm treffe es Sinti und Roma. „Was ist das für eine Gesellschaft, die die Schwachen verachtet?“


Außensicht:
Sie richtet häufig den Fokus auf das, was die Innensicht nicht mehr zu erkennen vermag. „Wenn Sie wissen wollen, was Europa wert ist, müssen Sie dahin gehen, wo Europa aufhört“, sagt Kermani. Niemand habe die europäischen Werte so nachdrücklich vertreten wie die Regimegegner im Osten des Kontinents vor 1989. „Die Idee Europas wird am stärksten vertreten von denen, die nicht dazu gehören.“ Die nach Europa fliehen, würden als Wirtschaftsflüchtlinge abgewertet. „Aber es ist die Idee der Gleichheit, die sie anzieht. Sie fliehen eben nicht nach Saudi-Arabien oder Russland.“ Die eindringlichsten Plädoyers für Europa hat Kermani in Marokko, Iran und im Irak gehört.


Fazit:
Drei Intellektuelle finden Europa in der Vielfalt, im kulturellen Reichtum, in den Ideen von Menschenrecht und Solidarität. Aber sie haben die Realität und den Alltag genau im Blick – nicht zuletzt deshalb, weil sie viel unterwegs sind. Sie streiten für Europa. Ohne diese Stimmen wird es dem Kontinent nicht gut ergehen. Lustiger: „Europa ist die Neugier auf andere Kulturen.“

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