Wissenschaftsrat lobt Klinikum der RWTH in Aachen

Gutachten des Wissenschaftsrates : Die beste Großklinik des Landes

In seinem jüngsten Gutachten lobt ein Beratergremium der Bundesregierung das Aachener Klinikum. Es steht erheblich besser da als andere Unikliniken. Trotzdem bleibt Verbesserungsbedarf.

Der Wissenschaftsrat der Bundesregierung hat in einem am Montag veröffentlichten Bericht das Aachener Klinikum sehr gelobt. In Nordrhein-Westfalen liegt es vor der Bonner und der Kölner Uniklinik an der Spitze. Im Folgenden eine Übersicht zu den Feststellungen des Gremiums zum Aachener Klinikum.

Das ist gut: Der Wissenschaftsrat lobt insbesondere „die translations- und transferorientierte Vernetzung mit der Wirtschaft und die gute Verbindung von theoretischen und klinischen Schwerpunkten“. Auf Deutsch bedeutet das: Die Forschung, die am Klinikum stattfindet, wird im Klinikum auch praktisch angewandt, ein Idealfall. Die Erkenntnisse gehen vom Labor sozusagen direkt ans Krankenbett. Das war nicht immer so: Als der Wissenschaftsrat zuletzt 1999 die Unikliniken in NRW besuchte, schnitt Aachen verhältnismäßig schlecht ab.

Daraus sind offenbar einige richtige Schlüsse gezogen worden. Das Forschungsprofil des Klinikums ist mittlerweile „in sehr gelungener Weise auf das technisch-ingenieur­wissenschaftliche Profil der RWTH ausgerichtet und nutzt die vorhandene Expertise der anderen Fächer für die Bearbeitung zukunftsweisender und disziplinübergreifender Forschungsfelder“, heißt es im aktuellen Bericht des Wissenschaftsrates. Die Kooperationen mit dem Forschungszentrum Jülich und der Uni Maaastricht werden ebenso gelobt wie die mit dem Leibniz-Institut und anderen Unis.

Die Forschung werde „ungewöhnlich gut“ gefördert und sei für Nachwuchswissenschaftler attraktiv. Gelobt wird ferner die Einführung der elektronischen Patientenakte, das Telemedizinzentrum und die ausgeglichenen Jahresabschlüsse der vergangenen Jahre. Auch die Qualität der Lehre wird im Bericht hervorgehoben: Das Angebot an Wahlfächern sei groß, die Praxisorientierung ein besonderes Merkmal.

In der Zahl der Studenten schlägt sich das jedoch bislang nicht nieder: Wie die RWTH am Montag auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte, waren im Wintersemester 2000/2001 genau 2144 Studenten in Aachen eingeschrieben. Im Wintersemester 2010/2011 waren es nur noch 1791, diese Zahl stieg dann über 1895 im Wintersemester 2014/2015 bis auf 2037 im laufenden Wintersemester wieder an. Dennoch sind es weniger als zur Jahrtausendwende.

Das ist nicht so gut: Es gibt zwei gewaltige Problemfelder am Klinikum: Das Pflegen und das Bauen. „Die Leistungsfähigkeit in der Krankenversorgung in wirtschaftlicher Hinsicht erfordert zwingend, mehr Pflegekräfte zu gewinnen und zu halten, heißt es im Bericht. Mehr dazu weiter unten.

Zum Thema Bauen heißt es, „der gravierende Raummangel stellt derzeit das größte Hindernis für die weitere Entwicklung“ des Klinikums dar. „Einen wesentlichen Hemmschuh bei der räumlichen Expansion stellen die Auflagen des Denkmalschutzes (...) dar, der An- und Neubauten in unmittelbarer Nähe des Gebäudes verhindert.“

Weitere Beanstandungen: „Mit durchschnittlich 13 Habilitationen pro Jahr zwischen 2015 und 2017 wird in der Humanmedizin in Aachen im NRW-Vergleich wenig habilitiert“, heißt es im Bericht. Aufgrund zweier vakanter Lehrstühle in der Zahnmedizin seien die Forschungsveröffentlichungen in der Zahnmedizin rückläufig. Schließlich wird moniert, dass 12,9 Prozent der Professorenstellen und 4,8 Prozent der Leitungsstellen mit Frauen besetzt sei: ausbaufähig.

Die finanzielle Situation: Das Aachener Klinikum hat ein Jahresbudget in Höhe von etwa 500 Millionen Euro. Das Land NRW zahlt jährlich knapp 110 Millionen Euro. Davon muss laut Wissenschaftsrat allerdings etwa ein Drittel aufgewendet werden, um den Anforderungen des Denkmalschutzes gerecht zu werden.

Etwa 340 Millionen Euro erwirtschaftet das Klinikum jährlich durch die Behandlung von Patienten, an Drittmitteln flossen zwischen 2015 und 2017 knapp 37 Millionen Euro ans Klinikum – ein landesweit betrachtet unterdurchschnittlicher Wert.

Das schlägt der Wissenschaftsrat vor:

> Land und Klinikum sollen „Lösungen erarbeiten, wie der erhebliche zusätzliche“ Flächenbedarf „rasch gedeckt werden kann“.

> Das Land sollte „finanzielle Nachteile“ des Klinikums „bei Instandhaltung und Ausstattung, die aus dem Denkmalschutz resultieren, langfristig ausgleichen“.

> Die patientennahe Forschung sollte genutzt werden, um in Aachen entwickelte Medizinprodukte im Klinikum in klinischen Studien auch zu testen.

> Das Klinikum sollte sich bemühen, seine „Drittmitteleinwerbung, auch aus der Wirtschaft, künftig zu steigern“.

> Der Frauenanteil insbesondere in leitenden Positionen sollte erhöht werden. „Gegebenenfalls sollte für diese Aufgabe das Amt einer Prodekanin bzw. eines Prodekans geschaffen werden“, heißt es im Bericht.

> Das Klinikum sollte ein Konzept erarbeiten, „um eine angemessene Ausstattung mit Pflegepersonal sicherzustellen“. Und: „Die Akademisierung des Pflegeberufs sollte am Standort Aachen weiter gefördert werden.“

> Die Zahnmedizin „sollte stärker in das Forschungsprofil und in die Gremienarbeit“ des Klinikums einbezogen werden.

Die Methodik: Verantwortlich für das Erstellen des Gutachtens, das die nordrhein-westfälische Landesregierung von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) in Auftrag gegeben hatte, war der Ausschuss Medizin des Wissenschaftsrates unter Leitung des Dekans der medizinischen Fakultät der Uni Tübingen, Ingo Autenrieth. Dem Ausschuss gehören neben Mitgliedern des Wissenschaftsrates auch externe Sachverständige an.

In verschiedenen Arbeitsgruppen von fünf bis zehn Experten hat der Ausschuss alle Universitätskliniken in NRW bereist und überdies Zahlenmaterial ausgewertet, das von den Unikliniken vorab zur Verfügung gestellt worden war. Zudem mussten alle Unikliniken Fragebögen ausfüllen, die der Ausschuss zugesendet hatte. Die Auswertung des gesamten Materials und der Begehungen dauerte etwa ein Jahr, herausgekommen ist ein etwa 1500 Seiten umfassendes Dossier.

Eine Sprecherin des Wissenschaftsrates erklärte am Montag auf Anfrage unserer Zeitung, dass das Gutachten zwar wesentlich auf eigenen Angaben der Universitätskliniken beruhe, die aber weitgehend von den Arbeitsgruppen überprüft werden konnten. Insbesondere Quantität und Qualität der Forschung lasse sich an Zahl und Verbreitung der Veröffentlichungen zuverlässig bewerten.

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