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Online? Präsenz? Beides? Keines?: Wirrwarr um 1100 Klausuren an der RWTH

Online? Präsenz? Beides? Keines? : Wirrwarr um 1100 Klausuren an der RWTH

1100 Klausuren mit jeweils bis zu Hunderten Prüflingen müssen an der RWTH Aachen in diesem Wintersemester und zum Start des Sommersemesters noch geschrieben werden. Wie das in Corona-Zeiten ablaufen soll, darüber wird heftig diskutiert.

Am Donnerstag um 16 Uhr geht’s für die Bauingenieure in spe los. Die Mathe-Klausur steht auf dem Plan. Mehr als 800 RWTH-Studierende haben sich angemeldet. Und man wird leibhaftig aufeinandertreffen. Denn die Klausur wird trotz Corona in Präsenzform geschrieben – verteilt auf mehrere Hörsäle. Am 5. April werden sich die Maschinenbauer mit Numerischer Mathematik klausurmäßig beschäftigen. Angemeldet: fast 500 Studierende.

Auch hier: Die Klausur findet ausschließlich in Hörsälen statt. Einer, der diese Klausur schreiben will beziehungsweise muss, ist Student Cayan Baser. Er hat sich erbost und mit deutlichen Worten an die Klausurverantwortlichen gewendet: „Die Entscheidung, die Klausur ausschließlich als Präsenzklausur anzubieten, finde ich eine Frechheit in der aktuellen Lage.“ Gegenüber unserer Zeitung sagt er, dass in den Hörsälen die Abstände vielleicht noch eingehalten würden, nicht aber auf den Fluren davor. Und viele, die derzeit wegen Corona gar nicht in Aachen präsent seien, reisten aus der ganzen Republik für eine solche Klausur an. 

Cayan Baser ist nicht der einzige der mehr als 47.000 Studierenden der RWTH Aachen, der sich aufregt. Wobei es ebenso Stimmen gibt, die reine Online-Klausuren strikt ablehnen. An der Aachener Hochschule wird heftigst diskutiert. Auf allen Ebenen. 900 Klausuren werden in diesem Wintersemester in der derzeitigen vorlesungsfreien Zeit an den neun Fakultäten mit ihren rund 260 Instituten noch bis zum 12. April geschrieben. 200 weitere folgen kurz nach Beginn des Sommersemesters.

Wie man das angesichts der Corona-Lage bewerkstelligen sollte, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Ebenso die Handhabung in der Praxis. „Die Lage ist äußerst kompliziert“, bringt es Professor Aloys Krieg auf den Punkt. Den RWTH-Prorektor für Lehre möchte man aktuell nicht um sein Ehrenamt beneiden.

Der 65-jährige Mathematiker hat schon manche harte (Zahlen-)Nuss geknackt, doch jetzt befindet er sich in einem ganz besonderen Spannungsfeld, und dazu sitzt er zwischen allen Stühlen. Eigentlich hatten sich die Vorsitzenden der Prüfausschüsse zusammen mit den Dekanen und Dekaninnen am 4. März geeinigt, dass bis zum Vorlesungsbeginn des Sommersemesters am 12. April keine Präsenzprüfungen – mündlich wie schriftlich – stattfinden sollen.

So war es bereits seit Januar. In einem von Krieg unterzeichneten Schreiben an die Studierenden heißt es: „Wir empfehlen den Prüfenden in den Lehrstühlen nachdrücklich Fernprüfungen oder alternative Prüfformate.“ Allerdings steht in dem Schreiben auch, dass aus triftigen Gründen Ausnahmen beantragt werden können. So zum Beispiel, wenn ein Ausfall der Klausur Verzögerungen im Studienverlauf bedeuten würde.

Denn klar ist auch: Der Hochschullehrer kann nicht zu einer Online-Klausur gezwungen werden. Er kann auch festlegen: Wenn nicht in Präsenz, dann gar nicht und verschieben. Solche Fälle hat es dem Vernehmen nach auch schon gegeben. 

„Das ist Prüfersache“, sagt Aloys Krieg. Bei ihm wiederum landen dann die Wutsalven von allen Seiten. Nicht nur hochschulinterne. So hat ein Vater ihm geschrieben, dass er die Hochschule auf 80.000 Euro Schadenersatz verklagen werde, wenn man seinem Sohn die Klausur nicht ermögliche.

Insgesamt seien für 33 Klausuren Anträge auf reine Präsenz eingegangen. Ein Studierender berichtet unserer Zeitung von einer Präsenzklausur am 6. April, zu der sich fast 1000 Studierende angemeldet haben, und meint: „Meiner Meinung nach ist dieses Verhalten absolut fahrlässig und wird seitens der RWTH zumindest geduldet.“ Letzteres trifft in der Tat zu. Weil die RWTH-Leitung an sich dies eben dulden muss, da sie nicht die Prüfungshoheit hat.

Aber nicht nur Präsenzklausuren stoßen auf Kritik. Auch Online-Formate haben Tücken. „Zum Beispiel an dem Punkt der Beobachtung“, sagt Aloys Krieg. Denn klar ist: Damit es nicht zu Täuschungsversuchen kommt, müssen die Studierenden während der Klausur per Kamera überwacht werden, auch wenn dieses Wort niemand gerne benutzt. Da ist es schon zu Klagen wegen Verstoßes gegen das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung gekommen. Ein Gericht hat einem Eilantrag dagegen zwar eine Absage erteilt, aber ein endgültiges Urteil steht aus.

Zweitens ist da der immense Aufwand eben wegen dieser Kontrolle. Aloys Krieg nennt ein Beispiel: An einer Mathematik-Klausur im Maschinenbau nahmen online 1800 Studierende in vier Etappen teil. „Dafür wurden 75 Aufsichtspersonen benötigt“, so der Prorektor. In diesem Fall handelte es sich übrigens um eine Mischform.Für diese Form liegen derzeit auch über 100 Anträge vor.

Neben den „Onlinern“ absolvierten diese Klausur zudem 600 Studierende in Präsenz. Wobei für die Präsenz wiederum enorme Raumkapazitäten benötigt werden. Von den 1000 Plätzen im Audimax beispielsweise werden nur 125 bei Präsenzklausuren belegt. Die Hoschschule mietet deswegen auch extern Räume an, etwa im Aachener Eurogress oder den Burtscheider Kurparkterrassen.

Die Stabilität der Systeme

Online gehen die Herausforderungen weiter bei der Technik. Grundsätzlich sei man hier gut aufgestellt, so der Prorektor. Trotzdem soll es noch mehr Stabilität der Systeme insbesondere beim Herunterladen der Klausuren und dem späteren Übermitteln der Ergebnisse geben. Neulich gab es zum Beispiel bei einer Onlineklausur bei 20 von 200 Teilnehmern Probleme. „Das wird natürlich nicht zum Nachteil der Studierenden sein“, verspricht der Prorektor.

Es habe auch Fälle gegeben, wo jemand zu Hause auf dem „platten Land“ nicht die nötige Datenleitung hat. Da kam es sogar vor, dass die Hochschule Hotelzimmer angemietet hat, wo in solchen Fällen die Klausuren online geschrieben werden konnten. Die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften indes lasse Klausuren ausschließlich online schreiben. Das bedinge jedoch, dass sich die einzelnen Lehrstühle beim Aufsichtspersonal aushelfen müssen, weil sonst die nötigen Kapazitäten nicht vorhanden wären.

Petition „Schluss mit dem Corona-Klausuren-Chaos“

Dass es bei jeder Klausur zumindest ein Online-Angebot gibt, fordert auch eine Petition unter dem Titel „Schluss mit dem Corona-Klausuren-Chaos an der RWTH!“, die vor einem Monat gestartet wurde und die bisher knapp 2000 Unterstützer gefunden hat.

Der Allgemeine Studierendenausschuss, der auch Teil des RWTH-Krisenstabs in Sachen Corona ist, hat sich dieser Petition nicht angeschlossen. „Aber wir verstehen natürlich, woher der Ärger kommt“, sagt AStA-Referent Karl Hammer und fügt hinzu: „Es ist nicht optimal, aber es wird besser.“

Es könne bei Online-Klausuren gegenüber jenen in Präsenz zu Qualitätsverlusten kommen, etwa dort, wo gezeichnet wird. „Aber das muss man dann einmalig in Kauf nehmen“, so Hammer In keinem Fall dürfe der Studienfortschritt gefährdet werden.

Die Hochschule im Klausuren-Dilemma – und keine Besserung an der Coronafront in Sicht. Aloys Krieg hofft zumindest, dass „wir wie im Sommer 2020 alles durchbekommen“. Aber er gibt seinen Kolleginnen und Kollegen auch sehr deutlich zu verstehen, was er im anderen Fall von ihnen erwartet: „Für den Fall eines weiteren harten Lockdowns muss jeder einen Plan B entwickeln.“ Man könnte auch der Auffassung sein, dass es einen solchen längst geben sollte.