Biologin Martina Roß-Nickoll: „Wir verlieren nicht nur Artenvielfalt“

Biologin Martina Roß-Nickoll : „Wir verlieren nicht nur Artenvielfalt“

Der Klimawandel hat gravierende Folgen für die heimische Tierwelt, sagt die Biologin Martina Roß-Nickoll. Die Vereinten Nationen schlagen Alarm. Von geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten, die es global gibt, ist einem Bericht des UN-Weltbiodiversitätsrates zufolge rund eine Million vom Aussterben bedroht.

Als einen Grund nennen die Forscher den Klimawandel. Der hat bereits Auswirkungen auch auf die heimische Fauna. Unser Redakteur Joachim Zinsen sprach darüber mit der Biologin Martina Roß-Nickoll von der RWTH Aachen.

Frau Dr. Roß-Nickoll, lassen sich Folgen des Klimawandels bereits in unserer heimischen Tier- und Pflanzenwelt beobachten?

Roß-Nickoll: Ja, schon seit langem. Die Wohngebiete bestimmter Tier- und Pflanzenarten haben sich in Europa während der vergangenen 20 Jahre kontinuierlich nach Norden verschoben. Ein prominentes Beispiel ist die Wespenspinne. Bis vor einigen Jahren lebte sie hauptsächlich im Mittelmeerraum. Inzwischen finden wir die Tiere auch bei uns. Ein weiteres prominentes Beispiel sind die Bienenfresser. Diese farbenfrohen Vögel lieben die Wärme und brauchen offene Steilwände. Auch sie sind Gewinner des Klimawandels und werden bei uns immer häufiger.

Was ist daran schlimm, wenn sich bei uns neue Tierarten ansiedeln?

Roß-Nickoll: Oft verdrängen sie Tierarten aus ihren Lebensräumen, die hier seit langem ansässig waren. Oder sie verändern die angestammten Plätze der einheimischen Arten im Öko-System. Schlimm ist vor allem das rasante Tempo, mit dem das derzeit geschieht.

Angesichts steigender Temperaturen sind Bienenfresser inzwischen auch hierzulande anzutreffen. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbil/Sebastian Willnow

Eine Art geht, eine neue Art kommt. Das klingt wie ein Nullsummenspiel.

Roß-Nickoll: Nein, so einfach ist das nicht. Unser ökologisches System hat sich seit der letzten Eiszeit über viele Jahrtausende entwickelt. Wir finden darin hochspezialisierte Tiere, die nur ganz bestimmte Sachen fressen oder ganz bestimmte Pflanzen zum Bestäuben brauchen. Wenn diese Arten verschwinden, verlieren wir nicht nur Vielfalt. Auch die hoch komplizierten Wechselbeziehungen, die unser Ökosystem prägen, nehmen unabsehbaren Schaden. Das lässt sich nicht mit Tierarten kompensieren, die mal eben schnell einwandern.

Das gesamte Ökosystem droht zu kippen?

Roß-Nickoll: Ja. Wenn beispielsweise Räuber verschwinden, die Insekten fressen, werden „Schädlinge“ wie Blattläuse, Apfelwickler, Spinnmilben oder Borkenkäfer zunehmen. Andersherum: Wenn bestimmte Insektenarten als Beutetiere für Vögel wegfallen, dann sterben die Vögel. Der Klimawandel verursacht sehr viele indirekte Effekte, die bis heute nicht genau erforscht sind. Wir wissen nur, dass sie Kettenreaktionen auslösen.

Welche heimischen Arten werden besonders unter dem Klimawandel leiden?

Roß-Nickoll: Es betrifft vor allem Tiere, die an Lebensraumtypen wie Moore, Sümpfe, Feuchtwiesen oder feuchte Waldbiotope gebunden sind. Zum Beispiel den Moorfrosch, der darauf angewiesen ist, in flachen Wasserbereichen seinen Laich abzulegen. Daneben werden die bei uns sehr weit verbreiteten Laufkäferarten zu den Verlierern gehören.

Gibt es in der heimischen Tierwelt auch Arten, denen der Klimawandel entgegenkommt?

Roß-Nickoll: Durchaus. Wärme liebende Reptilien oder auch Heuschrecken können vom Klimawandel profitieren. Gleiches gilt möglicherweise auch für manche Vögel wie den Steinkauz oder den Grünspecht. Aber es gibt viele Tierarten, von denen wir noch nicht wissen, wie sie auf den Klimawandel reagieren werden. Schätzungen gehen davon aus, dass in einigen Tiergruppen bis zu 50 Prozent der Arten klimasensibel sind.

Verschwinden diese Arten einfach nur aus unseren Breiten? Oder besteht die Gefahr, dass einzelne von ihnen aussterben werden?

Roß-Nickoll: Die gängigen Modelle gehen oft davon aus, dass sich die Tierareale entsprechend der prognostizierten Klimaveränderungen nur verschieben werden, die Tiere also einfach mitziehen. Doch dabei wird häufig übersehen: Tiere sind von ihren Futtermöglichkeiten und ihren Lebensräumen abhängig. Wenn sich dort Faktoren verändern, die Wissenschaftler möglicherweise noch gar nicht auf dem Schirm haben, werden die Prognosen hinfällig. Wie gesagt: Viele Zusammenhänge sind bislang nicht wirklich erforscht. Angesichts der Schnelligkeit des Klimawandels läuft uns aber die Zeit davon.

Für das Verschwinden von heimischen Tierarten ist aber nicht allein der Klimawandel verantwortlich.

Roß-Nickoll: Natürlich gibt es für das Artensterben viele Gründe. Beispielsweise die Intensivierung der Landwirtschaft, die Flurbereinigung, der Verlust von Hecken und Brachflächen oder der hohe Einsatz von Pestiziden. Der Klimawandel ist aber ebenfalls ein gravierender Faktor. Da inzwischen mehrere dieser Faktoren zusammenkommen, hat der Stress für viele Tierarten enorm zugenommen.

Als Biologin analysieren sie die Folgen des Klimawandels. Geben Sie auch Handlungsempfehlungen?

Roß-Nickoll: Um dem Insektensterben zu begegnen, planen wir derzeit mit der Stadt Aachen, der Städteregion und auch Bauern ein Forschungsprojekt, das herausfinden soll, wie ideale Wiesen gestaltet sein sollten. Konkret fragen wir: Wie sahen Wiesen früher bei uns aus, wie erhalten wir sie zurück und welche Insekten können sich wieder darauf ansiedeln. Denn es geht nicht darum, einfach nur auf möglichst große Artenvielfalt zu setzen. Es geht darum, in bestimmten Ökosystemen die richtige, natürliche Vielfalt wieder zu entwickeln.

Haben Sie auch Tipps für den Bürger oder die Öffentliche Hand?

Roß-Nickoll: Wir sollten weniger Flächen versiegeln, auf steinerne Vorgärten verzichten und natürlich möglichst viel Wald stehen lassen. Der Wald ist das effizienteste, klimaresistenteste Ökosystem. Das gilt insbesondere für naturnah bewirtschaftete Wälder oder für uralte Wälder wie den Hambacher Forst. Sie haben einen viel größeren ökologischen Wert als neu aufgeforstete Flächen.

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