1. Region

„Menschen helfen Menschen“: „Wir machen weiter, bis alles fertig ist“

„Menschen helfen Menschen“ : „Wir machen weiter, bis alles fertig ist“

„Menschen helfen Menschen“ unterstützt die Bürger-Selbsthilfe beim Wiederaufbau der Dörfer Zweifall und Vicht. Eine beeindruckende Gemeinschaftsleistung findet dort ihre Fortsetzung.

„Was ist das denn für eine Arbeitsmoral?“ Der Mann im schmutzigen Overall, der auf der Gartenmauer sitzend eine Zigarette raucht, schaut irritiert auf. „Ach, du bisset, Jünter! Ich mach’ mal’n Päuschen.“ Die beiden Männer lachen. Der Ton ist jovial. „Wie ist denn die Lage“, fragt der Hausbesitzer auf dem Mäuerchen, der jetzt schon so lange Schutt schleppt. „Es gibt Grund zur Hoffnung“, sagt Günter Scheepers. Trotz allem.

Die Menschen in Vicht und in Zweifall, die wie so viele andere entlang der regionalen Bäche und Flüsse von der Flut auf so verheerende Weise heimgesucht worden sind, haben den Mut nicht verloren. Unverdächtig gluckernde Bächlein, der Hasselbach, der Vichtbach, auch der Fischbach hatten sich Mitte Juli in reißende Ströme verwandelt, hatten alles mitgerissen und überschwemmt – und haben so viel Leid gebracht.

Wir sind für „Menschen helfen Menschen“ vor Ort, weil wir mit Spendengeldern unserer Leserinnen und Leser unterstützen möchten, und wir begegnen in Vicht wie in Zweifall den Leuten, die die Bürger-Selbsthilfe initiiert haben und seitdem organisieren.

Günter Scheepers und Jochen Emonds mit dem großen Team der Notversorgung in Vicht. Und Christina Bungenberg und Heinz-Gerd Braun mit ihren Leuten in Zweifall. Das Zauberwort heißt Gemeinschaft. Hier wie dort haben sich die als gemeinnützige Vereine bereits existierenden Interessengemeinschaften der Orte in Nothilfeorganisationen für Flutopfer verwandelt. „Als das Wasser kam, mussten wir schnell reagieren“, sagt Tina Bungenberg. „Da wartet man nicht auf die Hilfe von außen, da packt man selbst an.“

Wer heute durch die Orte fährt, die bis zu 2,50 Meter unter Wasser standen, sieht natürlich, dass hier etwas Gravierendes passiert sein muss. Aber so offensichtlich wie noch Mitte, Ende Juli sind die zumindest sichtbaren Folgen des Hochwassers nicht mehr. Die Sperrmüllberge sind geschrumpft, Bürgersteige und Straßen sind und werden gerade wieder hergerichtet, es fließt der Verkehr.

 Das Hochwasser Mitte Juli hatte Vicht und Zweifall schwer getroffen.
Das Hochwasser Mitte Juli hatte Vicht und Zweifall schwer getroffen. Foto: dpa/Ralf Roeger

„Aber wenn Sie genauer hinschauen“, sagt Jochen Emonds in Vicht, „dann sehen Sie, dass in der gesamten Hauptstraße vom Ortseingang bis zur Tankstelle am Ortsende alle Erdgeschosse verwaist sind, zum Teil sind die gesamten Häuser betroffen.“ Wir gehen in ein Wohnhaus, dessen liebevolle Sanierung gerade vollendet war, als der Vichtbach das Wasser nicht mehr halten konnte. Das rohe Mauerwerk steht noch, der Putz ist inzwischen von den Wänden geschlagen worden, der Estrich musste herausgerissen werden, der Holzboden im Wohnzimmer ist komplett weg, freie Sicht in den Keller. Kein Einzelfall. Eher die Regel. Die hier betroffene Familie wohnt jetzt im ersten Obergeschoss, die Nachbarn sind fürs Erste nach Breinig gezogen. Von anderen hört man, dass sie gar nicht mehr zurückkommen wollen.

Die Bürgerinnen und Bürger helfen sich selbst. „Das war von der ersten Minute an so“, sagt Heinz-Gerd Braun, den in Zweifall alle „Jollo“ nennen und der für seinen Ort im Stolberger Stadtrat sitzt. Er ist wie Tina Bungenberg und die anderen, die die Hilfe organisieren, seit gut sechs Wochen in Aktion. „Eigentlich sollte ich langsam tun“, sagt der ehemalige Dachdecker. „Aber gucken Sie mal, was hier an Arbeit ist!“ Ansprechbar sind die Dauerhelfer, das Handy klingelt in einem fort. Wie lange sie das denn durchziehen wolle, fragen wir Tina Bungenberg. „Bis wieder alles fertig ist“, sagt sie.

Wer zuhört, versteht schnell: Es geht um ganz praktische Hilfe, anfangs um knallharte Arbeit, Häuser entrümpeln, Trümmerberge auftürmen und abtragen, Container befüllen, all die Autowracks entsorgen. „Das ganze Dorf hat mit angepackt“, heißt es in Vicht wie in Zweifall, beide Dörfer mit rund 2000 Einwohnern sind starke Einheiten. Man kennt sich. Man hilft sich. Man denkt auch an die, die nicht mehr selbst anpacken können. Weil sie krank und alt sind. Und still, auch in der Not.

Und dann gab es die Unterstützung von außen, all die unbekannten Helfer, auch die Landwirte, die Unternehmer mit schwerem Gerät, Menschen mit viel handwerklichem Geschick, mit unbändiger Energie waren sie dabei. „Dafür sind wir dankbar“, sagt Tina Bungenberg, die eigentlich, im Moment eher nebenbei, ein Café betreibt.

 Die Flutschäden in Zweifall sind noch immer deutlich sichtbar.
Die Flutschäden in Zweifall sind noch immer deutlich sichtbar. Foto: Andreas Herrmann

Im Bürgerbüro, einem Container gegenüber der Kirche, geht es um die Beratung in Versicherungsfragen, um die Entkernung der Häuser, um die Organisation des Wiederaufbaus, um Handwerker und Geräte. Und es geht um ein freundliches Wort. „Ja, das stimmt“, sagt auch Günter Scheepers in Vicht, ein gestandener Handwerksmeister, „wir brauchen den langen Atem, da wird noch manche Träne der Verzweiflung fließen.“ Die Leute vom Fach wissen, dass es noch lange dauern wird, bis alles wieder auf dem Stand von Anfang Juli ist. Die kaputten Häuser müssen erst einmal abtrocknen. „In einem Jahr“, so sagt „Jollo“ Braun, „sind wir hoffentlich über den Berg.“

In Zweifall und in Vicht wird „Menschen helfen Menschen“ die Flutopfer über die örtlichen Hilfsbündnisse ab sofort kontinuierlich unterstützen, es wird dort einen Schwerpunkt der Hilfe geben. In beiden Dörfern wurde bereits Geld gesammelt, Spendengelder von „Menschen helfen Menschen“ werden die Hilfskonten der Interessengemeinschaften „Unser Dorf Zweifall“ und „Schönes Vicht“ aufstocken.

Die Zweifaller regeln das so: Über ein Punktesystem, das die Bedürftigkeit bewertet, werden Zuwendungen gesteuert, ein elfköpfiges Gremium berät jeden Fall. Von der Schadenshöhe über den Versicherungsschutz bis hin zur Haushaltsgröße und bislang erfolgten Hilfsleistung werden viele Eckwerte abgefragt. Wer die volle Punktzahl erreicht, hat einen Maximalschaden erlitten. Die Zweifaller sprechen von rund 70 Haushalten in dieser Kategorie. In Vicht sollen es noch deutlich mehr sein. „Wir werden mit dem Geld, für das wir uns herzlich bedanken, sorgsam umgehen“, sagen die Zweifaller.

In Vicht ist die IG auch aktiv: „Aktuell ermitteln wir, so auch im Pfarr- und Jugendheim am kommenden Wochenende, in Einzelgesprächen die Lage anhand festgelegter Kriterien“, sagt Jochen Emonds, der Lehrer ist und für sein Dorf im Stolberger Stadtrat sitzt. Auch in Vicht werden die Spenden über ein Gremium der IG nach Bedürftigkeit verteilt. „Allen Spen­de­rinnen und Spendern von ‚Menschen helfen Menschen‘ können wir nur herzlich danken. Ihre Hilfe kommt auch bei uns eins zu eins an“, garantieren Emonds und Scheepers.