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Wiederaufbau: „Wir leben noch“ – ein Jahr nach der Hochwasserkatastrophe

Wiederaufbau : „Wir leben noch“ – ein Jahr nach der Hochwasserkatastrophe

In Erftstadt tat sich vor einem Jahr die Erde auf und verschlang mehrere Häuser. Maria und Ulrich Dunkel hatten Glück, ihr Haus blieb gerade noch stehen. Heute sind sie optimistisch. Solange es nicht regnet.

Maria Dunkel, 68 Jahre alt, wirkt verwandelt. Vergangenen Sommer, nach der schrecklichen Flutkatastrophe vom 15. Juli, stand ihr der Schock im Gesicht geschrieben. Aber jetzt, ein Jahr später, strahlt sie und lächelt. Sie sieht Jahre jünger aus. Das dürfte daran liegen, dass sich die Dinge für sie seither sehr zum Positiven verändert haben.

Im Erdgeschoss ihres vom Wasser verwüsteten Hauses sind gerade die Wände frisch gestrichen worden. Die Sanierung hat viel Geld gekostet, insgesamt etwa 100.000 Euro. Doch 80 Prozent davon müssen Maria Dunkel und ihr Mann Ulrich wohl nicht selbst aufbringen. Zwei Tranchen aus dem Wiederaufbaufonds seien schon ausgezahlt worden, sagt ihr Sohn Thomas. „Damit haben wir hier glücklicherweise vieles bezahlen können.“ Die versprochenen Zuschüsse sind also kein leeres Versprechen geblieben – der Staat hat Wort gehalten.

Es geht aber nicht nur um das Materielle. Das Haus der Dunkels stand vergangenes Jahr fast direkt an der Abbruchkante von Erftstadt-Blessem. Die Fluten hatten einen gewaltigen Erdrutsch ausgelöst, mehrere Nachbarhäuser kippten von einem Moment auf den anderen ins Wasser.

Eine Ursache dafür war in den Augen vieler Anwohner die angrenzende Kiesgrube, die sich immer weiter ausgedehnt hatte. Inzwischen steht fest: Die Kiesgrube wird nicht mehr weiterbetrieben. Stattdessen soll langfristig ein Naherholungssee daraus werden. Der entstandene Krater selbst soll mit Erde gefüllt und in ein Auengebiet verwandelt werden. Die Erft soll mehr Platz bekommen, so dass künftige Überschwemmungen ohne solch katastrophale Folgen bleiben.

 Die Überschwemmungen in der Kiesgrube bei Blessem und ihre Folgen.
Die Überschwemmungen in der Kiesgrube bei Blessem und ihre Folgen. Foto: dpa/-

Dass die Kiesgrube dichtgemacht wird, hat wesentlich zu Maria Dunkels Seelenfrieden beigetragen. Ganz weg ist der Schock allerdings nicht: Sobald es stark regnet, steht sie am Fenster und beobachtet, ob sich irgendwo Wasser sammelt. „Das ist ein Trauma“, sagt sie. Bei Sturm ist es ähnlich. „Mit allem hat man Angst“, sagt Ulrich Dunkel.

Der 74-Jährige sitzt manchmal unterm Dach und denkt darüber nach, was passiert wäre, wenn ihr Haus auch im Krater versunken wäre. „Die ganzen Erinnerungen vom Karneval. Sie war Prinzessin, ich war Prinz! Wir haben Bilder, wir haben Orden. Wenn das alles weg gewesen wäre...“ Einer seiner Freunde ist so einer, der alles verloren hat. „Kein Bild von seinen Eltern mehr, nichts. Da läuft's mir kalt den Rücken runter, wenn ich darüber nachdenke. Das ist noch lang nicht vergessen. Das kann man gar nicht vergessen! Aber wir sind doch auf dem richtigen Weg. Und wir leben noch.“

Ein neuer Schock für Maria Dunkel war der Ukraine-Krieg. Die Bilder der Toten und der heimatlosen Kinder haben sie erschüttert. „Wir mussten auch flüchten, aber wir sind vor Wasser geflüchtet. Nicht vor bewaffneten Menschen, was noch viel schlimmer ist.“ Ihr sofortiger Impuls war, dass man hier nicht tatenlos zusehen konnte. „Wir haben einen Bekannten, der ist an die ukrainische Grenze gefahren. Der hat Lebensmittel, Wasser, alles im Kofferraum mitgenommen und ist zurück mit einer Familie gekommen. Die hat er bei sich aufgenommen. Und dann sind wir dahin und haben ihn finanziell und auch mit anderen Sachen unterstützt. Ich habe gesagt: Man hat uns geholfen, dann müssen wir da auch helfen.“

Im Gartenteich der Dunkels läuft wieder Wasser ein. Fische sind noch keine drin. Die ursprünglichen rund 15 Goldfische wurden bei der Flut rausgespült. Einen haben sie noch lebend wiedergefunden und in der Erft ausgesetzt. Der Rasen im Garten sei seit der Flut besser, findet Ulrich Dunkel. „Ich hab immer gesagt, das Wasser, das war guter Dünger!“

Maria Dunkel geht zur Kraterkante. Da hinten soll also mal ein See entstehen. Ob sie das noch erleben? „Ich sage immer, wenn's soweit ist, dann mach ich für die Touristen Currywurst mit Fritten und mein Mann zieht mit einem Bauchladen mit Eis los.“ Es ist nur eine Scherz, eine schöne Fantasie, denn ihr Mann geht am Rollator. Aber sie mag es, das durchzuspinnen. Vielleicht werden dereinst wirklich mal Erholungssuchende kommen und die hier Lebenden um die schöne Wohnlage beneiden. „Was vorher für Ängste waren, die man ausgestanden hat, das wissen die dann nicht mehr.“

(dpa)