Ihr Sohn wurde umgebracht: „Wir haben lebenslänglich bekommen“, sagen die Eltern

Ihr Sohn wurde umgebracht : „Wir haben lebenslänglich bekommen“, sagen die Eltern

Vor genau drei Jahren wurde Jan Ruers erstochen. Der 27-Jährige aus Geilenkirchen war ein Zufallsopfer. Der Täter wurde wegen „Körperverletzung mit Todesfolge“ zu neun Jahren Haft verurteilt. Die Familie sagt: „Wir haben lebenslänglich bekommen.“ Ein Besuch.

Das Grab von Jan Ruers auf dem Geilenkirchener Friedhof fällt schon von weitem auf, es ist reichlich geschmückt, es ist bunt, es zieht ein bisschen magisch an, weil es so ungewöhnlich ist. Bierflaschen stehen hier neben Kerzen, es gibt viele Hinweise auf das Leben von Jan Ruers. Manche Gräber erzählen eine Geschichte wie ein Buch. Man kann sehr viel über den Verstorbenen erfahren – manchmal auch dramatische Details. „Gewaltsam aus dem Leben gerissen“ steht auf dem Grabstein. „Ermordet“ prangt auf einem kleinen Gesteck in Herzform oberhalb. Jan Ruers starb am 23. August 2016. Drei Jahre ist das her. Drei Jahre, in denen die Hinterbliebenen kaum Ruhe gefunden haben.

An das Datum wird am Sonntag, 19 Uhr, in der Pfarrkirche St. Marien in Geilenkirchen erinnert, aber eigentlich ist jeder Tag seit diesem 23. August ein Jan-Gedenktag. „Es gibt“, sagt Ute Bücken-Ruers, „keine Stunde, in der ich nicht an ihn denke.“ Ihr Sohn, groß, breitschultrig und sportlich, hatte Pläne, wie ein 27-Jähriger sie eben hat. Er wollte studieren, vielleicht ein Jahr ins Ausland, eine Familie gründen.

Jetzt ist er weg, aber immer noch da. Sein Zimmer ist unberührt geblieben, die Schuhe stehen noch an dem Platz, an dem er sie ausgezogen hat. Das Haus in Geilenkirchen ist ein Ort voller Erinnerungen. „Ich überlege mir oft, wie er mit meinen Kindern herumgetollt hätte“, sagt seine Schwester Julia (27). „Oder welche Familie er nun selbst hätte“, sagt seine Schwester Jolina (20). Der große Bruder und Beschützer ist nicht mehr da. Die Verbundenheit bleibt natürlich bestehen. Alle Familienmitglieder – Jan inklusive – tragen das gleiche kleine Kreuz an einer Halskette.

Die Schwestern, aber auch die Mutter, haben sich kleine Gedenksprüche tätowieren lassen. „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber trefflich fein“, steht auf dem Unterarm von Ute Bücken-Ruers. Vielleicht gibt es eines Tages eine überirdische Gerechtigkeit, die sie gerade auf Erden nicht empfinden. Der Staat kümmere sich darum, dass seine Täter wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden, egal wie grausam ihre Taten waren. „Aber um die Opfer kümmert sich niemand“, sagt Jolina Ruers.

Heilt die Zeit die Wunden? Die Antwort lässt sich ablesen in der Traueranzeige, die die Familie für das anstehende Jahrgedächtnis geschaltet hat. „Wer sagt, die Zeit heilt alle Wunden, kennt nicht die Sehnsucht nach einem geliebten Kind“, steht da.

Die Familie hat feste Rituale

Jeden Morgen kommt Ute Bücken-Ruers zum Friedhof, um mit Jan zu reden „und um sein Bett zu machen“, so formuliert sie es. Die Familie hat feste Rituale. Wenn Dietmar Ruers seinen Sohn besucht, zündet er immer zwei Zigaretten an. Eine ist für ihn, die andere steckt er in einen zusätzlichen Deckel an der Elektrokerze. „Wir rauchen immer noch eine zusammen“, sagt er. Die Großeltern – auch ein Ritual – schauen regelmäßig mit frischen Blumen bei Jan vorbei.

Das Leben der Familie ist aus den Fugen geraten seit jener Nacht, als um 3 Uhr die Polizei bei ihnen klingelte. Wenn man Ute Bücken-Ruers heute fragt, sagt sie: „Ich weiß nicht, wie wir diese drei Jahre geschafft haben.“ Aus der vitalen temperamentvollen Frau ist eine „Tagträumerin“ geworden. So sagt sie es selbst. Früher hat sie gerne getanzt, aber das geht nicht mehr. Damals, im ersten Leben, kümmerte sie sich nicht nur um den Enkel, sie hatte auch zwei Halbtagsjobs. Auch das geht nicht mehr. Sie hilft noch im Installationsbetrieb ihres Mannes. Zwei Rehas hat sie hinter sich, Folgen des Verlustes.

Irgendwann, so hofft sie, werden sie alle wieder in die Spur kommen. Diese wird ganz sicher anders verlaufen, aber sie soll wenigstens stabil sein. Manchmal reklamieren selbst Freunde, dass sie nun mal wieder allmählich ins Leben zurückkehren solle, so als gebe es eine Faustformel, wie lange Trauer sich auswirken dürfe. Solche fehlende Empathie kostet zusätzlich Energie, an der es ohnehin mangelt.

Erinnerungsbild: Am Grab von Jan Ruers gibt es viele Details, die sehr viel mit seinem Leben zu tun haben. Foto: Christoph Pauli

An einer Konifere hinter dem Grab sind riesige Schmetterlinge angebracht. Rosafarbene, gelb-grüne, hellblaue, weiße, kleine und große. Sie wirken wie zwischengelandet, so als schauten sie nur mal eben vorbei. Schmetterlinge sind beliebte Tiere. Weil aus einem leblosen Kokon ein zarter Falter wird, sehen ihn viele Menschen als Sinnbild für die Wiedergeburt. Im alten Griechenland bezeichnete das Wort „Psyche“ den Schmetterling, denn man hielt sie für die Seelen der Toten. Schmetterlinge gehörten auch zu den Lieblingstieren von Jan Ruers.

Auch er war beliebt. „Er war ein lebens- und unternehmungslustiger 27-Jähriger, der in seinem großen Freundes- und Bekanntenkreis wegen seines offenen und stets hilfsbereiten Wesens geschätzt wurde.“ Das hat Richter Roland Klösgen in seinem Urteil festgehalten. Vor zweieinhalb Jahren fand am Aachener Landgericht das Verfahren gegen Goran M. statt. Die Familie Ruers trat in dem Verfahren als Nebenkläger auf. Sie hätte nicht in den Gerichtssaal kommen müssen, weil ohnehin Anwälte ihre Interessen vertraten. Sie waren aber jeden Tag da. Sie waren es Jan schuldig, haben sie gedacht. Es war wie ein letzter Gang. „Ich musste den Täter sehen“, sagt Ute Bücken-Ruers.

Die Schwurgerichtskammer verurteilte ihn am Ende wegen „Körperverletzung mit Todesfolge“ zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren. Für die Ruers und ihre Freunde war das nicht ausreichend, vermutlich gibt es für sie auch keine angemessene Strafe für den Verlust, den sie erleiden mussten. „Ich hoffe, dass er jeden Tag das Blut an seinen Händen registriert“, sagt sie. Sie hat mit angesehen, wie die Mutter des Täters ihren Sohn nach dem Urteil noch einmal umarmen durfte. „Ich werde das nie mehr können“, sagt sie.

Prozess reißt neue Wunden auf

Der Prozess hat ihnen nicht geholfen bei ihrer Trauerarbeit. Im Gegenteil. Neue Wunden wurden aufgerissen. Manchmal hatten sie den Eindruck, dass sie ihren Sohn noch verteidigen mussten vor Gericht. In dem Prozess hat der Anwalt des Täters ein Laptop aufgeklappt, dann hat Goran M., eine Entschuldigung abgelesen. Es wirkte wenig glaubhaft. Jan Ruers war ein Zufallsopfer seiner rasenden Eifersucht, es gab keine Vorgeschichte zwischen ihm und Goran M., die Männer kannten sich nicht. Der Tod ist so absurd, der 27-Jährige musste nur sterben, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war.

Der Täter wohnte eine Zeitlang mit Kristina W. in einer gemeinsamen Wohnung in Stolberg-Gressenich. Das Paar trennte sich – fand wieder zusammen. An, aus, an, aus. „Ich habe die Beziehung tausend Mal beendet“, sagte die damals 26-Jährige vor Gericht aus. Sie hat die Eifersucht des damals 21-Jährigen oft zu spüren gekommen, sie wurde geschlagen, ihr Handy kontrolliert. Dabei hatte sich Goran M. längst  anderweitig verlobt. Den Kontakt mit der Ex und die Kontrolle über deren Privatleben behielt er bei. Täglich flogen SMS-Nachrichten hin und her. Vorwürfe und Liebesbekundungen wechselten sich ab.

Kristina W. hatte Jan im „Musikpark“ in Geilenkirchen kennengelernt. Eine Beziehung wurde daraus nicht, sie waren kein Paar, als Jan getötet wurde. Vielleicht wollte sie auch Jan benutzen, um endlich den Absprung von Goran M. zu schaffen. Vor Gericht ließ sich das nicht klären. Ein paar Tage zuvor hatte die Frau Jan Ruers von ihrer ambivalenten Beziehung zu Goran M. erzählt. Er versprach, ihr beizustehen.

Das Grab von Jan Ruers ist reichlich geschmückt, es ist bunt, es zieht ein bisschen magisch an, weil es so ungewöhnlich ist. Foto: Christoph Pauli

An einem Dienstag im August 2016 hielten sich Kristina W. und Jan Ruers in der Wohnung auf, als die Frau das Motorrad des Ex-Freundes im Hinterhof registrierte. Sie ließ sofort die Rolläden herunter, löschte das Licht, wollte die nächste Konfrontation vermeiden. Der cholerische Ex-Freund schlug gegen die Rolläden, er hörte das Handy von Kristina W. in der Wohnung klingeln, aber niemand reagierte. Goran M. startete wieder sein Motorrad, fuhr vermeintlich weg, stellte seine Harley nach ein paar Metern aber wieder ab und ging zurück. Er registrierte ein Gespräch im Wohnzimmer, riss wutentbrannt die Lamellen der Rollade aus der Führungsschiene, trommelte gegen die Fensterscheibe. Kristina W. kannte seine Wutanfälle, sie bat Jan Ruers, in eine andere Wohnung im Dachgeschoss zu flüchten. Der 27-Jährige wollte einer „tätlichen oder verbalen Auseinandersetzung“ aus dem Weg gehen und rannte ins zweite Obergeschoss, steht im Urteil.

Kampfsportler Goran M. trat gewaltsam die Terrassentür auf. Er verfolgte die Fliehenden nur kurz, dann kehrte er in die Küche zurück, suchte sich drei Messer mit langen Klingen aus. Er hetzte nach oben, die beiden Verfolgten saßen in einer Falle, weil ihnen niemand die Wohnungstür geöffnet hatte. Eine Tür blieb auch deswegen zu, weil der Angeklagte den Bewohner vorher bei einer anderen Gelegenheit mit einem Hammer bedroht hatte.

„Warum betrügst du mich?“, wollte Goran M. von Kristina W. wissen. Er griff die beiden an, verletzte die Frau mit dem Messer im Rücken. Aber viel schlimmer erwischte er Jan Ruers, dem er viele Schnitte zufügte. Schließlich traf er die Armschlagader, Jan verlor viel Blut, setzte sich hin. Erst jetzt öffnete eine andere Bewohnerin ihre Wohnung, sie schleppten den Schwerverletzten in ihr Badezimmer, der Notarzt war schnell vor Ort – und dennoch zu spät. Jan Ruers starb am 23. August laut Befund durch den „massiven Blutverlust“. Die Organe wurden nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt.

Der genaue Ablauf bleibt offen

In dem Verfahren konnte der genaue Handlungsablauf nicht mehr rekonstruiert werden, das Licht im Treppenhaus war diffus, die Beleuchtung schaltete sich ab, die Beobachtungen von Kristina W. waren nicht präzise. Goran M. äußerte sich nicht zum Ablauf. Ob der Angeklagte den Oberkörper treffen wollte und so den Tod billigend in Kauf nahm, ließ sich nicht feststellen. Goran M. warf nach seiner Tat zwei Messer hinter einen Stromverteilerkasten in der Nähe, dann fuhr er mit seinem Motorrad davon. Später in der Nacht stellte er sich in Begleitung seines Vaters der Polizei.

Ursprünglich war er vor dem Landgericht wegen Totschlags angeklagt, der Vorwurf wurde etwas abgeschwächt. In der Sprache der Hinterbliebenen bleibt es ein Mord, vielleicht, weil es juristischen Laien schwerfällt, zwischen Körperverletzung mit Todesfolge, Totschlag und Mord zu unterschieden. „Ermordet! Warum?“ steht in den Trauer- und Erinnerungsanzeigen. „Das soll kein Vorsatz gewesen sein?“, fragt Jolina noch heute. „Er hat doch gezielt die Messer mit den längsten Klingen herausgesucht.“ Die Zweifel sind auch nach der Verhandlung nicht kleiner geworden. Es gab Ungereimtheiten, den wahren Ablauf der Tat werden sie nie erfahren.

„Er hat neun Jahre bekommen, wir aber lebenslänglich“, sagt Ute Buecken-Ruers. Die neun Jahre können bei guter Führung auf sechs Jahre reduziert werden. Der Täter sitzt hinter Gittern, aber in den Sozialen Netzwerken taucht er immer mal wieder auf. Am Anfang seiner Haftzeit hat er sogar Bilder aus seiner Zelle posten können. All‘ das ist schwer zu verstehen.

Neben das Grab ihres Bruders hat Jolina eine Borussen-Bank hingestellt, Jan war glühender Dortmund-Fan. Deswegen steht da auch eine Dose mit dem Energie-Drink des Bundesligisten am Grab. Freunde haben Bierflaschen am Grab hinterlassen. Die Botschaft ist: „Irgendwann trinken wir noch mal ein Bier zusammen.“ Dutzende Freunde trugen bei der Beerdigung eine Fliege, wie Jan sie gerne bei besonderen Anlässen trug. Auch am Grabstein ist noch eine Fliege befestigt.

Wenn man ein Weilchen auf der schwarz-gelben Borussenbank sitzt, entdeckt man viele Botschaften am Grab. Es gibt noch einen Gedenkstein für Jonas, der bei der Geburt verstarb. Fotos von Jan sind angebracht, eine Kette mit 28 Glaskugeln verweist auf sein Alter. Und auf einer Bank sitzt ein kleiner Affe. Der Sohn von Jans bestem Freund hat ihn dort hingesetzt. Er soll ihn nun beschützen.

Am Freitag wird die Familie wieder nach Stolberg-Gressenich fahren. Am Tatort werden sie Blumen und Kerzen ablegen. Wie an jedem 23. August seitdem. Im letzten Jahr war die Kerze nach 30 Minuten wieder verschwunden. Die Familie vermutet, dass Kristina W., die immer noch dort wohnt, sie entfernt hat. Ute Buecken-Ruers will einen Luftballon mitnehmen. Wenn man ihn doch mit etwas Schwermut füllen könnte, bevor er auf die Reise geht. Vielleicht ließe sich so wieder etwas mehr Leichtigkeit erreichen, genau an dem Ort, an dem  der Weg ihres Sohnes brutal beendet wurde. Sie will den Luftballon nehmen – und dann: Loslassen.

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