Region: Windhundrennverein: Hier werden sie wild und schnell

Region: Windhundrennverein: Hier werden sie wild und schnell

Sie heißen Shai und Jandhou, Khaisson und Nice to see you, Chianti, Odin oder Kashmir — und sie haben eines gemeinsam: Sie sind meist freundlich und ruhig, ein Schwanzwedeln oder eine kurze Annäherung zum Streicheln ist schon ein großes Kompliment für den Menschen, der so viel stille Eleganz bei Greyhound, Barsoi, Whippet, Windspiel oder Afghane bewundert.

Windhunde sind eben so — oder doch nicht? Wer beim Windhundrennverein Dreiländereck (WDE) in Stolberg-Breinig Deutschlands älteste Sandbahn besucht, wird eines Besseren belehrt. Aus den sanften Schönheiten werden rasante, Zähne fletschende Jäger, die in wenigen Sekunden ein rekordverdächtiges Tempo von 70 Stundenkilometern erreichen können und nur noch eins im Sinn haben: den „Hasen“ (ein aus Kaninchenfellen zusammengesetztes Knäuel) packen. Nichts anderes zählt in diesen Sekunden. Nichts kann die Hunde auf diesen 380 Metern ablenken. Der Sand wirbelt, tausend Tonnen davon sorgen dafür, dass die Tiere selbst in der Kurve Bedingungen vorfinden, die ihre Gelenke schonen. Die Sandbahn des Vereins ist eine Trainingsbahn.

Hundebesitzer aus ganz Deutschland kommen, um ihre Tiere laufen zu lassen. Dort trainieren sogar Weltmeister, wie der Greyhound von Udo Braselmann. Sein Hund erreicht Spitzenzeiten. „Die Bahn ist nicht nur für Windhunde da. Wir sind kein elitärer Club“, betont Franz-Josef Gillet. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Sandbahn und des Vereins. „Wir öffnen dieses Terrain für alle Hunde, die einen Jagdtrieb haben. Den können sie hier ausleben. Regelmäßig starten Mischlinge, Terrier oder Dobermänner.“ Kritikern, die sagen, das würde den Jagdtrieb eines Hundes verstärken oder wäre Tierquälerei, widerspricht er vehement. „Die Tiere sind danach ausgeglichen. Bei Spaziergängen kann man das nicht erreichen.“ Die Leidenschaft für Windhunde wurde bei Gillet durch Zufall geweckt. Als er einen Welpen übernahm und das Tier heranwuchs, erfuhr er durch einen Profi: Er hatte einen reinrassigen Windhund, einen Greyhound, an seiner Seite. „Plötzlich war bei mir die Begeisterung geweckt, ich habe mich selbst gewundert.“

Gründliche Recherchen

Gründliche Recherchen folgten: Er besuchte die Windhundrennbahn in Köln, reiste nach Irland zu den Greyhound-Rennen, führte auf allen Rennbahnen des Deutschen Windhundzucht- und Rennverbandes sowie im benachbarten Ausland Gespräche und fand unter Gleichgesinnten Freunde, mit denen er zum Teil bis heute den Kontakt pflegt. Überall, wo er sich informierte, gab es nur Rennstrecken aus Rasen. Die wenigsten hatten eine Bewässerungsanlage. Die Hunde erlitten vielfach Verletzungen an den Pfoten, wenn sie dort liefen.

In Spanien machte Gillet eine prägende Erfahrung: „Bisher hatte ich Windhundrennen nur auf Gras erlebt, aber in Valencia liefen die Hunde auf Sand“, stellte er fest — und war begeistert. Wochenlang testete er auf der damals einzigen Sandbahn Mitteleuropas mit eigenen Hunden das Phänomen Sand. Inzwischen hatte sich der Biologielehrer intensiv mit der Anatomie der Hunde beschäftigt und festgestellt, wie gefährlich der harte Grasuntergrund für die dynamischen Tiere ist. Die Risiken sind enorm, denn unter dem Gras ist der Boden hart und geschlossen. „Die Hunde beschleunigen extrem schnell, besonders in den Kurven wirken enorme Rotationskräfte auf die Gelenke ein.“ Bei hohem Tempo drohen schwere Verletzungen.

Sein Ziel war klar: eine Sandbahn in Deutschland. Das Gelände war relativ schnell gefunden — eine Wiese aus Familienbesitz. „Ich war ja damals noch im Schuldienst und baute zusätzlich ein Haus“, erinnert er sich an die Zeit um 1979/80. „Das war purer Stress, ich habe Tag und Nacht gearbeitet, Sand geschaufelt. So etwas schafft man nur, wenn man jung ist.“ Zunächst wurde mit unterschiedlichen Sandqualitäten auf der Bahn experimentiert, die ihr konkretes Vorbild in der Rennbahn Turia/Valencia hat. Nicht zu fein, nicht zu grob. Skeptikern, die fürchten, die Hunde könnten durch den eingeatmeten Sand ihrer Lunge schaden oder etwas davon in Augen und Maul bekommen, widerspricht Gillet. „Die Hunde sind so schnell, der aufgewirbelte Sand ist kein Problem“, versichert er. Nur die Besitzer von Langhaar-Schönheiten wie Afghane Shai lächeln wehmütig und ein bisschen ironisch. Sie haben nach einem Rennen alle Mühe, das Fell ihrer Lieblinge von den Rennspuren zu säubern.

Vier Jahre nach Fertigstellung der Bahn hatte der inzwischen gegründete Verein auch eine von Hand gegrabene 600 Meter lange Zuleitung für Wasser geschaffen. Ist der Sand trocken und zu hart, wird gewässert, allerdings mit einem feinen Gespür für die Sandqualität. „Er muss griffig sein, aber nicht rutschig, da braucht man Erfahrung“, sagt Gillet. Die leicht abgeschrägten Kanten der Bahn sorgen dafür, dass bei schweren Regenfällen überschüssiges Wasser ablaufen kann. Ist ein Rennen gelaufen, wird mit einem Schleppgerät der Sand geglättet. Der Lehrer aus Stolberg hat viel gelernt — zum Beispiel bei Nick Savva, einem der bekanntesten und erfolgreichsten Trainer aus Großbritannien. Savva führte zahlreiche Greyhounds beim hochkarätigen English Greyhound Derby in Wimbledon zum Sieg, wo die Tiere eine Distanz von 480 Metern laufen. In Stolberg sollten es 100 Meter weniger werden.

„Ich konnte keinen Urlaub mehr machen, ich war nur noch in dieser Sache unterwegs“, gesteht er und ist noch heute glücklich darüber, dass ihn Ehefrau Marita stets unterstützt hat. Mehr noch: Sie nimmt bei den Wochenenden auf der Rennbahn die Anmeldungen an, stoppt bei den startenden Tieren die Zeit und versorgt die Gäste in den Pausen mit selbst gebackenem Kuchen und Getränken. Da hat dann der Treff des Windhundrennvereins etwas Familiäres.

Offizielle Rennen werden nicht gelaufen, aber zum Trainieren eignet sich die Sandbahn ganz hervorragend. Häufig kommen Hundebesitzer, die ihr Tier bei einem Wettbewerb starten lassen wollen, nach Breinig, um den Hund zu trainieren, aber nicht zu überfordern. Ein wichtiges Kapitel ist für die Hundefreunde das Benehmen eines Hundes beim Rennen. Er darf nicht aggressiv auf Konkurrenten reagieren, muss „sauber laufen“, wie Marita Gillet es beschreibt. Mancher grundsätzlich friedliche Vierbeiner trägt daher auf der Bahn einen Maulkorb — selbst in Breinig. „Da mag ja einer super schnell sein, aber es geht nicht, dass er zum Raufen neigt.“ Im heißen Wettbewerb um den „Hasen“ kann das durchaus passieren.

Wenn Franz-Josef Gillet auf einen stabil gezimmerten Holzturm im inneren Rund der Rennbahn klettert und den einstigen VW-Motor startet, mit dem die Zugkonstruktion für das begehrte Fellknäuel verbunden ist, wartet er nur noch auf ein Zeichen seiner Frau. Inzwischen wird die Beute von einem Helfer per Moped vor die grüne Starterbox gezogen. Durch ein kleines Tor im Zaun kommen die Hundebesitzer einzeln auf das Gelände, damit die nun doch schon ein bisschen aufgeregten Hunde nicht noch nervöser werden. Die Startbox hat sechs schmale Kammern. Herrchen oder Frauchen massieren ihre Lieblinge noch ein wenig, dann geht es ohne Angst oder Zögern ins Dunkel der Kiste, Handzeichen von Marita Gillet, die die Stoppuhr drückt, das Gitter hebt sich und der Hund saust hinter dem Hasen her. Gillet muss tüchtig Gas geben, damit das Bündel nicht schon vorzeitig zerfetzt wird.

Pelzige Gebilde

Ralf Kuck, erster Vorsitzender des Vereins und beruflich bei der Personalabteilung der Polizei im Einsatz, ist an diesem Tag Herr über einen ganzen Anhänger voller pelziger Gebilde — alle von Gillet und seiner Frau vorbereitet. „Spenden von den Kaninchenzüchtern der Umgebung“, sagt er. „Je authentischer der Hase ist, umso besser.“ Was auffällt: Wenn das Objekt in der Kurve durch das Lenksystem den ersten „Haken“ schlägt, drehen die jagenden Hunde noch mal extra auf.

Rund zwei Drittel der Teilnehmer an diesen Trainingsläufen, die sich je nach Tier über eine halbe, ganze oder sogar manchmal zwei Runden erstrecken können, sind Windhunde aller Größen. Ein Drittel bestreiten andere Rassen, darunter häufig Rhodesian Ridgebacks, eine Hunderasse aus Südafrika und Simbabwe, wo sie sogar zur Löwenjagd verwendet wurden. Über 30 Kilo schwer, rehbraun, kurzhaarig — das ist der achtjährige Rüde Leon, der mit Karin und Gerald Knie aus Iserlohn anreist. „Seit fünf Jahren läuft er auf dieser Bahn“, erzählt Frauchen. „Er kennt die Gegend und wird ganz aufgeregt, wenn wir uns der Bahn nähern.“ Später darf Leon loslegen und gibt alles. Die Beute hält er fest, ganz fest. Da können die Menschen noch so auf ihn einreden, die Leine festmachen und mit ihm zum Abkühlen ins benachbarte Wäldchen gehen. Ein Rhodesian Ridgeback lässt nicht so schnell los, was er einmal gepackt hat.

Rund 50.000 Trainingsläufe in 36 Jahren, eine respektable Bilanz. Gillet hat Renngeschichte geschrieben: Reagierte das Umfeld zunächst skeptisch auf seine Idee von einer tierfreundlichen Sandbahn, denken die Aktiven längst anders: In Hamburg, Berlin, Stuttgart, Landstuhl und Hünstetten haben Windhundrennvereine Sandbahnen nach Breiniger Vorbild gebaut.

Wie geht es weiter? Nachdenklich streichelt Franz-Josef Gillet das silbrig-graue Fell von Jodie, seiner älteren Greyhound-Dame. „Es ist schwierig, einen Nachfolger zu finden...“

Mehr von Aachener Zeitung